Mit einer Gedenktafel soll weitere Station für Gedenkpfad in der Neustadt entstehen Spender für neues Mahnmal gesucht

Neustadt. Als am 13. Juni 1943 die Sirenen einen Bombenangriff der US-Luftwaffe auf Bremen ankündigten, trifft die junge Emmi Brinkmann eine verhängnisvolle Entscheidung: Mit ihren drei Kindern rettet sie sich nicht wie gewohnt in den Hardenberg-Bunker, sondern kriecht mit ihnen in den Tiefbunker an den Neustadtswallanlagen.
03.02.2017, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Karin Mörtel

Neustadt. Als am 13. Juni 1943 die Sirenen einen Bombenangriff der US-Luftwaffe auf Bremen ankündigten, trifft die junge Emmi Brinkmann eine verhängnisvolle Entscheidung: Mit ihren drei Kindern rettet sie sich nicht wie gewohnt in den Hardenberg-Bunker, sondern kriecht mit ihnen in den Tiefbunker an den Neustadtswallanlagen. Mit einer ungeheuerlichen Wucht schlägt kurz darauf eine Luftmine in den Schutzbunker ein. 66 Menschen sterben an diesem Pfingstsonntag in dem Betonbau unter der Erde, 33 Menschen werden verletzt und 15 bleiben vermisst.

Dass sie und ihre drei Kinder trotzdem überlebten, konnte Emmi Brinkmann bis zu ihrem Tod kaum fassen, weiß der ehemalige Pastor der Zionsgemeinde, Hans Günter Sanders, der im Seniorenkreis viele Gespräche mit ihr und weiteren Zeitzeuginnen geführt hat. „Dieses schreckliche Ereignis hat sich bei den Überlebenden, den Angehörigen der Toten, aber auch bei vielen weiteren Neustädtern wie beispielsweise einer damals behandelnden Krankenschwester tief in die Herzen eingebrannt.“

Emmi Brinkmanns Tochter, Erika Hentze, war damals drei Jahre alt. Es war normal für sie, in Straßenkleidung zu schlafen, um nachts im Ernstfall schnell aus ihrer elterlichen Wohnung in der Wulfhoopstraße in einen Bunker fliehen zu können. „Ich kann mich daran erinnern, dass wir Kinder damals sofort nach dem Angriff von Helfern durch einen Luftschacht nach draußen gereicht und schreiend zum Rotes Kreuz Krankenhaus abtransportiert wurden“, sagt die Zeitzeugin und deutet auf die kleine Senke im Zentaurenpark, die die Lage des ehemaligen Bunkers verrät, in dem so viele Anwohner der Hermann- und Wulfhoopstraße umgekommen sind.

Die 77-Jährige hat nebenan eine Rose auf die Gedenktafel für die Opfer gelegt, die 1986 dort aufgestellt wurde. Die ursprüngliche Metalltafel wurde vor Jahren von Metalldieben gestohlen und dann dank des Engagements der Anwohner durch eine Plastiktafel ersetzt. Mittlerweile ist sie fleckig und beschädigt.

Kein schöner Anblick, findet Hans Günter Sanders, der sich gemeinsam mit Ortsamtsleiterin Annemarie Czichon und dem Verein „Erinnern für die Zukunft“ dafür starkmacht, dass die Gedenktafel ersetzt wird. „Um die Opfer zu würdigen, ist diese abgeschrabbelte Tafel nicht mehr geeignet“, sagt Czichon dazu und hofft nun, dass sich genügend Spender finden. Die Idee: Die Stelle, wo so viele Neustädterinnen und Neustädter starben, soll den Erinnerungs-Lehrpfad im Stadtteil erweitern, der das NS-Unrecht anhand bestimmter „Denk-Orte“ aufzeigt. Nach dem Gedenkstein für die Zwangsarbeiterinnen auf dem Huckelrieder Kasernengelände und den Informationstafeln zum Roten Haus der Kommunisten am Buntentorsteinweg sowie am ehemaligen Mädchenerziehungsheim Isenberg an der Kornstraße wäre es die vierte Station des besonderen Rundgangs.

Für John Gerardu vom Verein „Erinnern für die Zukunft“ reiht sich die geplante Station in den Neustadtswallanlagen sehr gut ein. „Der Krieg, der von Deutschland ausging, traf letztendlich die eigene Zivilbevölkerung, diese Facette der Geschichte können wir hier sichtbar machen“, sagt er. Daher soll der Betonsockel nun erhalten bleiben und die neue Gedenktafel im Stil der anderen „Denk-Orte“ angebracht werden.

Dafür benötigt werden etwa 2000 Euro. „Ich bin mir sicher, dass wir das Geld zusammenbekommen“, sagt Sanders. Der Text soll indes etwas anders lauten als bisher. Denn den Initiatoren ist wichtig, angesichts wachsender internationaler Spannungen und der zunehmenden Bereitschaft, politische Konflikte auch mit Waffengewalt zu lösen, nicht nur zu erinnern, sondern auch zu mahnen: Kriege missachten das menschliche Leid und müssen verhindert werden. „Denn letztlich sind es die zivilen Bevölkerungen, die den Preis für die Strategie der Kriegstreiber zahlen.“

Wenn Erika Hentze heute mit ihrem Lebensgefährten durch den winterlichen Park an der Ecke Buntentorsteinweg/Neustadtswall spaziert, denkt sie nicht vorrangig an die Schreckensnacht, sondern an eine schöne Kindheit: Rodelvergnügen auf einem Hügel unweit des Bunkers, Baden in der Piepe und Herumtollen mit den Nachbarskindern auf dem Spielplatz. Dennoch bedeute ihr die Gedenktafel viel: „Es ist wichtig, dass der Stein da ist. Denn solche Zeiten dürfen niemals wieder kommen.“

Wer für die Tafel spenden möchte, kann sich mit Pastor Sanders unter 50 38 10 oder per Mail an h.g.sanders@t-online.de in Verbindung setzen. Nähere Infos zu dem „Denk-Orte“-Pfad und seinen Stationen sind im Internet unter www.spurensuche-bremen.de zu finden. Auch eine „Spurensuche“-App, mit der man mit dem Smartphone Denk-Orte in der Umgebung finden kann, gibt es bereits.

„Um die Opfer zu würdigen, ist diese Tafel nicht mehr geeignet.“ Annemarie Czichon
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