Golf Range in der Vahr Spielball der Politik

Bremen will auf dem Gelände der Galopprennbahn Wohnungen bauen. Doch der Golfplatz in der Mitte hat anders als der Rennverein einen unkündbaren Vertrag. Wie kam es dazu? Die Chronik eines Politikums.
28.06.2017, 18:48
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Spielball der Politik
Von Alice Echtermann

Hinterher sind alle immer schlauer. Es ist ein abgedroschener Satz, doch er beschreibt treffend das Dilemma, in das sich Bremen mit der Galopprennbahn und der Golf Range in der Vahr manövriert hat. Ein Dilemma, von dem vor 13 Jahren niemand etwas ahnte.

Als die Stadt Ende 2004 den Pachtvertrag mit der Golf Range GmbH für das Gelände in der Vahr unterzeichnete, waren alle Beteiligten zufrieden. Das riesige Gelände von 15 Hektar in der Mitte der Rennbahn, ungenutzt außer an den Renntagen, sollte nun Pachtgelder einbringen. Das süddeutsche Unternehmen Golf Range galt als sicherer Investor, mit bereits sechs gut laufenden Golfanlagen in Deutschland. Das war wohl einer der Gründe, weshalb die Stadt diesen Vertrag einging. Ein Vertrag mit 30 Jahren Laufzeit, bis 2034, und ohne Kündigungsoption für Bremen.

Ein Vertrag, der jetzt zum Problem geworden ist. Denn Bremen will auf dem Gelände der Galopprennbahn Wohnungen bauen. Der Golfplatz muss weg, obwohl er nach Angaben der Betreiber gut läuft. Bremen wolle die Golf Range aus dem Vertrag herauskaufen, mit den Einnahmen aus dem Verkauf der Grundstücke, sagte Wirtschaftssenator Martin Günthner (SPD). Der Vorschlag stößt unter anderem bei den Beiräten auf Widerstand (wir berichteten).

Wie hat die Stadt sich in dieses Dilemma geritten? Eingeweiht wurde der Golfplatz im September 2005, damals schwang Jörg Kastendiek (CDU) als Senator für Wirtschaft probeweise den Schläger. Unterzeichnet wurde der Pachtvertrag Ende 2004 – unter der Regie von Wirtschaftssenator Peter Gloystein (CDU). Die Verhandlungen jedoch begannen wesentlich früher. Schon im August 2003 berichtete der WESER-KURIER über die Pläne einer Neun-Loch-Anlage auf dem Gelände. Der zuständige Wirtschaftssenator: Hartmut Perschau (CDU).

Die meisten Verantwortlichen haben sich aus der Politik zurückgezogen. Peter Gloystein, inzwischen als Unternehmensberater in Düsseldorf tätig, sagt auf Anfrage, er könne sich an den Fall nicht erinnern. Auch sein ehemaliger Staatsrat für Wirtschaft, Uwe Färber, sagt, er habe keine Antworten. An den Verhandlungen mit der Golf Range beteiligt waren 2003 bis 2004 die damalige Bremer Rennbahn GmbH (BRG) als Betreiberin der Galopprennbahn und die städtische Hanseatische Veranstaltungs GmbH (HVG) – die Vorgängerin der Wirtschaftsförderung Bremen (WFB). Die HVG hielt 60 Prozent der Anteile an der Rennbahn GmbH.

Aus Sicht der Golf Range ist die Frage, weshalb der Pachtvertrag eine so lange Laufzeit hat, ziemlich einfach. „Wir wären gar nicht nach Bremen gekommen ohne diesen Vertrag“, sagt David Müller, Leiter des Bremer Golfplatzes. Das Unternehmen brauche wirtschaftliche Planungssicherheit, schließlich investiere es ebenfalls große Summen in eine neue Anlage. Mit einer kürzeren Laufzeit oder einer Kündigungsklausel hätte Golf Range den Vertrag nicht akzeptiert, so Müller. Auch bei den anderen Anlagen in Deutschland bewege sich die Laufzeit der Verträge in diesem Rahmen.

Ungünstige Verhandlungsposition

Die Golf Range setzte diese Bedingungen, und Bremen nahm an – das bestätigt auch Tim Cordßen, Sprecher des Wirtschaftssenators. Der Grund: Die finanziell angeschlagene Galopprennbahn. Michael Göbel, damals Geschäftsführer der Bremer Rennbahn GmbH, sagte 2003, man müsse die Rennbahn in der Vahr attraktiver machen. Die Pachteinnahmen durch die Golf Range waren eine wichtige Unterstützung. „Es war damals politischer Wille, den Rennsport in Bremen aufrecht zu erhalten“, sagt Jörg Kastendiek. Die Vertragsbedingungen mit der Golf Range seien zu diesem Zeitpunkt schlüssig gewesen, denn schließlich hatte auch der Bremer Rennverein noch einen unbefristeten Pachtvertrag von 1979. Tim Cordßen zufolge gab es zudem kaum Alternativen für die Nutzung der Fläche. Die Stadt war also in einer ungünstigen Verhandlungsposition.

In Bremen regierte zu dieser Zeit die Große Koalition. Im Jahr 2000 hatte die Stadt beschlossen, 7,87 Millionen Euro in das Projekt Galopprennbahn zu investieren, für Sanierungen und eine neue Trainingsanlage in Mahndorf. 2003 stieg dann Zechbau als privater Investor für den Bau des Atlantic-Hotels und die Erweiterung der Zuschauertribüne ein. Mit dem Investor schlossen die Stadt Bremen und die Rennbahn GmbH zwei Mietverträge ab, für das Hotel bis 2077 und für die Tribüne bis 2032.

Jahrelange Beihilfe

Dann kam der Regierungswechsel 2007, die Große Koalition wurde durch die Rot-Grüne Koalition abgelöst. Zu diesem Zeitpunkt wurde die Kritik an der Galopprennbahn lauter. Die Grünen hatten die Investitionen schon länger kritisiert und beriefen sich unter anderem auf den Jahresbericht des Bremer Rechnungshofes von 2003. Darin heißt es, das ganze Projekt sei „unrentabel“, die Investition von 7,9 Millionen werde sich nicht in der berechneten Zeit erwirtschaften lassen. Auf die Frage, weshalb die Große Koalition diesem Bericht so wenig Bedeutung beigemessen hatte, sagt Kastendiek, es habe zu der Zeit zwischen Senat und Rechnungshof sehr oft unterschiedliche Auffassungen über Investitionen gegeben.

Fakt ist: Bremen musste die Rennbahn jahrelang subventionieren. Von 1999 bis 2005 erhielt die Bremer Rennbahn GmbH jährliche Zuschüsse zwischen 575 000 und 760 000 Euro. Die Zuschauerzahlen sanken. Und so wendete sich unter Rot-Grün das Blatt.

2007 stellte die Bürgerschaftsfraktion der Grünen eine Kleine Anfrage an den Senat mit dem Titel „Jahrhundertverträge für Rennbahnhotel“. Die Abgeordneten Matthias Güldner und Anja Stahmann kritisierten die langen Laufzeiten der Mietverträge für Hotel und Tribüne. Aus der Antwort des Senats geht hervor, dass Bremen da bereits anfing, sich aus den Verträgen herauszuwinden. Der neue Wirtschaftssenator Ralf Nagel (SPD) sei beauftragt, einen privaten Investor für die Galopprennbahn zu finden, damit Bremen deren Betrieb nicht mehr subventionieren müsse, sagte Staatsrat Heiner Heseler damals in der Bürgerschaft. Er sagte auch: „Aus heutiger Sicht“ würde man solche Verträge nicht mehr eingehen.

Golfplatz soll weichen

Zwei Jahre später kündigte Bremen den unbefristeten Pachtvertrag mit dem Rennverein, gegen eine Zahlung von 1,4 Millionen Euro. Der neue Vertrag hatte eine Laufzeit von zehn Jahren und beinhaltete ein Sonderkündigungsrecht für Bremen. Von diesem Kündigungsrecht hat die Stadt nun bekanntlich Gebrauch gemacht, um auf dem Gelände Wohnungen zu bauen. Auch die langen Mietverträge für Hotel und Tribüne sind kein Hindernis mehr. Nach Angaben von Sprecher Tim Cordßen hat die Grundstücksgesellschaft Galopprennbahn mbH das Grundstück des Atlantic Hotels 2014 gekauft, es ist also in Privatbesitz. Die Tribüne wiederum habe die Stadt 2012 selbst angekauft, kann also frei darüber verfügen.

Die Golf Range ist das letzte Zeugnis einer anderen Politik vor 2007, des politischen Willens, die Galopprennbahn zu erhalten. Doch der Wille hat sich geändert, und geht es nach der Bremer Regierung, soll der Golfplatz ebenfalls weichen – trotz des unkündbaren Vertrags.

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