DM-Halbfinale im Tischtennis

Und plötzlich ist bei Werder nur noch Leere im Kopf

Sie haben sich intensiv vorbereitet und auf die Überraschung gehofft, doch am Ende reicht es nicht: Statt Finale in Frankfurt stand für die Bremer nach dem 0:3 in Saarbrücken eine letzte traurige Heimfahrt an.
10.06.2020, 17:39
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Und plötzlich ist bei Werder nur noch Leere im Kopf
Von Jörg Niemeyer
Und plötzlich ist bei Werder nur noch Leere im Kopf

Kirill Gerassimenko (rechts) zeigte im ersten Einzel des Tages gegen den Chinesen Shang Kun eine starke Leistung, die am Ende vor den Corona-bedingt leeren Zuschauerrängen aber nicht belohnt wurde.

Christopher Jost

Am Ende wollten die Werder-Spieler nur noch ganz schnell weg vom Ort des Geschehens. Keine halbe Stunde nach dem letzten Ballwechsel saßen die vier Profis und Trainer Cristian Tamas schon wieder im Auto. Dieses 0:3 beim 1. FC Saarbrücken im Halbfinale um die deutsche Tischtennis-Meisterschaft tat dem SV Werder sehr weh. Nur knapp 100 Minuten hatte die Partie zwischen dem Bundesliga-Tabellenführer von der Saar und den Bremern gedauert. „Dass es so schnell gehen würde, hatte ich auch nicht erwartet“, sagte Saarbrückens deutscher Topspieler Patrick Franziska. Er selbst hatte im zweiten Einzel des Tages mit seinem glatten 3:0 gegen Werders Vizeweltmeister Mattias Falck für die Vorentscheidung gesorgt.

Das komplette Werder-Lager war von tiefer Enttäuschung erfasst. „Wir haben in den letzten knapp vier Wochen so viel investiert“, sagte Teammanager Sascha Greber, „Cristian hat 24 Stunden am Tag für dieses Halbfinale gearbeitet, die Spieler haben hervorragend mitgezogen – schade, dass wir für unseren Aufwand nicht belohnt worden sind.“ Noch vor den Profis mit ihrem Trainer als Fahrer hatte Sascha Greber die Joachim-Deckarm-Halle verlassen – auch er wollte nur noch nach Hause. Dieses Ende stand im krassen Widerspruch zu einer gelungenen Bundesliga-Hauptrunde und einer eigentlich sehr guten Saison der Bremer.

„Natürlich sind wir sehr traurig“, sagte auch Hunor Szöcs, den der Trainer schweren Herzens nicht aufgestellt hatte. Einer aus dem Quartett musste im Halbfinale pausieren – und es traf den Rumänen. „Kirill und Marcelo hatten es verdient, die Aufstellung war völlig in Ordnung so“, sagte Hunor Szöcs und zeigte großen Teamgeist. Der hatte die Werderaner seit Beginn der Spielzeit 2019/20 im vergangenen August ausgezeichnet und war möglicherweise entscheidend dafür, dass die Mannschaft überhaupt ins Halbfinale eingezogen war. Szöcs hatte in den Punktspielen mit Marcelo Aguirre das beste Doppel der Liga gebildet, das wegen der Corona-Krise jetzt für den Endspurt um die deutsche Meisterschaft jedoch gestrichen wurde. Hätte es 2:2 nach vier Einzeln gestanden, hätte es ein fünftes Einzel und eben kein Doppel gegeben.

Die Ratlosigkeit steht Mattias Falck ins Gesicht geschrieben. Auch Trainer Cristian Tamas fand am Mittwoch kein Rezept: Der Schwede unterlag Patrick Franziska glatt in drei Sätzen.

Die Ratlosigkeit steht Mattias Falck ins Gesicht geschrieben. Auch Trainer Cristian Tamas fand am Mittwoch kein Rezept: Der Schwede unterlag Patrick Franziska glatt in drei Sätzen.

Foto: Christopher Jost

Doch von einer späten Entscheidung war Werder am Mittwoch weit entfernt. „Wir haben gegen das Saarbrücker Weltklasseteam zurecht verloren“, sagte Cristian Tamas. „Unser Gegner hat heute an seinem Limit gespielt“, befand Sascha Greber. Das galt in erster Linie für Patrick Franziska, der im Punktspiel vor einigen Monaten trotz 2:0-Satzführung gegen Mattias Falck noch verloren hatte, diesmal aber zu keinem Zeitpunkt Zweifel an seinem Sieg aufkommen ließ. „Das war heute ein schlechter Tag von mir“, sagte der Schwede selbstkritisch, „das war einfach nicht genug.“ Aber auch im Moment der schmerzhaften Niederlage zeigte sich der Vizeweltmeister mit der Saison ganz zufrieden. „Wir haben auf einem hohen Niveau gespielt“, sagte er, „heute wollten wir jedoch auf jeden Fall mehr.“

Dass die Werderaner mit leeren Händen und traurigen Gesichtern die Heimfahrt antraten, lag auch daran, dass sie ihre wenigen Chancen am Mittwoch nicht nutzten. „Wenn dir das nicht gelingt, kannst du auch nicht gewinnen“, sagte Cristian Tamas. Vor seinen Augen liefen noch einmal die entscheidenden Szenen im ersten und dritten Match ab. Im Auftakteinzel hatte es lange einer Überraschung durch Kirill Gerassimenko ausgesehen. Der Kasache fegte den besten Bundesliga-Spieler der Hauptrunde, Shang Kun, im ersten Satz mit 11:4 vom Tisch und legte nach dem Satzausgleich des Chinesen im dritten Durchgang ein 4:1 vor. Der Saarbrücker war sichtlich beeindruckt von der Stärke seines Gegners, dem dann aber die Netzkante einen Strich durch die Rechnung machte. „Es war unglaublich“, sagte Gerassimenko und meinte das Glück des Chinesen. Der hatte zu Beginn des dritten Satzes eigentlich nur noch auf die Schläge des Bremers reagieren können, lebte nach einigen glücklichen Punktgewinnen dann aber buchstäblich wieder auf. Das 11:6 gab ihm schließlich so viel Auftrieb, dass er im vierten Satz seinerseits mit 11:1 den Bremer abfertigte. Damit stieg zugleich der Druck für Mattias Falck, während Patrick Franziska mit dem 1:0 in der Gesamtwertung im Rücken relativ gelassen an den Tisch treten konnte. „Wenn das erste Einzel weggeht, wird's ganz eng für uns“, gab Saarbrückens Trainer Slobodan Grujic zu, „dann wäre Mattias Falck vielleicht ganz locker ins Spiel gegangen.“

Die zweite und auch schon letzte Chance auf eine Wende bot sich Marcelo Aguirre im Duell der beiden Nummern drei. Der Paraguayer legte gegen Darko Jorgic los wie die Feuerwehr. Aguirre tänzelte selbstbewusst am Tisch und ließ seinen Gegner nach 0:2-Rückstand nicht mehr zum Zuge kommen. Mit 11:5 entschied der Bremer den ersten Satz für sich. Als er im zweiten Durchgang die ersten beiden Satzbälle des Slowenen abgewehrt hatte, schien der bedenklich zu wackeln. Doch nach einer Auszeit holte der Saarbrücker den elften Punkt. Die Schlüsselszene, die Cristian Tamas im Kopf keine Ruhe ließ, ereignete sich im dritten Satz bei 9:8-Führung von Aguirre. Die Netzkante verhalf Jorgic zum 9:9, danach sicherte er sich zwei weitere Punkte zur 2:1-Führung. Damit war der Widerstand des Werderaners gebrochen, der vierte Satz nur noch ein Schaulaufen von Jorgic. Der Saarbrücker kam immer wieder mit seiner krachenden Rückhand zum Erfolg.

Die letzte Pflicht in der Saison 2019/20 bestand für die Bremer plötzlich nur noch aus einem Auftritt für die Medien. Cristian Tamas gab dem Fernsehteam von Eurosport ein kurzes Interview, danach ein paar Antworten für die schreibenden Journalisten – und alles war vorbei. Die Pläne für eine Finalteilnahme am Sonntag in Frankfurt: alle über den Haufen geworfen. K.o.-Spiele sind für den Verlierer brutal: Mit dem letzten Schlag ist alles aus. Kein schönes Gefühl auf einer knapp 600 Kilometer langen Heimfahrt.

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Zur Sache

Düsseldorf und Ochsenhausen ermitteln den zweiten Finalisten

Die Werder-Verantwortlichen waren keineswegs überheblich, indem sie Pläne für ihre Teilnahme am Finale um deutsche Tischtennis-Meisterschaft schmiedeten. Doch nun reist der 1. FC Saarbrücken zum Endspiel am Sonntag um 14 Uhr in Frankfurt. Der Gegner wird an diesem Donnerstag um 13 Uhr in Düsseldorf ermittelt, wo die gastgebende Borussia mit Timo Boll an der Spitze als Tabellenzweiter der Bundesliga-Hauptrunde auf die TTF Ochsenhausen trifft. Eurosport überträgt auch diese Partie live im Fernsehen. Außerdem übertragen Sportdeutschland.tv und die Tischtennis-Bundesliga auf ttbl-tv das Spiel im Internet.

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