Wassersport 71-jähriger ist Bremens ältester Bundesligaspieler im Unterwasserrugby

Lothar Maienschein ist mittlerweile 71 Jahre alt – aber ein Bundesligaspieler ist er immer noch. Im Unterwasserrugby zeigt er, dass er immer noch ganz schön fit geblieben ist.
27.04.2019, 15:44
Lesedauer: 5 Min
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71-jähriger ist Bremens ältester Bundesligaspieler im Unterwasserrugby
Von Olaf Dorow

Es ist womöglich nicht besonders ratsam, gleich mit einem Klischee anzufangen. Aber in diesem Fall ist es vielleicht doch keine so schlechte Idee. Was wäre denn wohl die klischeehafte Vorstellung von einem Typen, der Bundesligaspieler im Unterwasserrugby ist? Nun ja. So ein Kerl halt, oder? Beziehungsweise einer, der aussieht wie ein Kerl. Kräftig, vielleicht ein wenig martialisch, bestimmt mit Tattoo, und circa so um die 30. Ungefähr so.

Dass ein Klischee nichts anderes als ein Klischee ist, gilt, wie man weiß, fürs gesamte gefährliche Halbwissen. Wer speziell vom Unterwasserrugby wenig Kenntnis besitzt (was leicht passieren kann), sollte sich von seinem Halbwissen mal lieber ganz trennen. Dann wäre er wenigstes nicht so verblüfft. Zum Gespräch mit dem Reporter kommt der Unterwasserrugby-Bundesligaspieler Lothar Maienschein ins Bremer Unibad. Heute Abend ist hier Training für die Spielgemeinschaft vom Tauch-Sportclub Bremen mit dem PSV Oldenburg.

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Zwei Drittel der Spieler kommt aus Bremen, ein Drittel aus Oldenburg. Lothar Maienschein ist ein Oldenburger, der mal Bremer war. Tattoos hat er nicht, er sieht auch nicht martialisch aus. Als Koloss ginge er nicht durch, er misst 1,72 Meter und wiegt 73 Kilogramm. Am wenigstens entspricht aber sein Alter dem Athleten, den man sich vorgestellt hat. Lothar Maienschein ist im März 71 geworden. Dieser Superlativ kann ihm zwar nur inoffiziell verpasst werden, aber es spricht einiges dafür, dass er Bremens ältester Bundesligaspieler ist.

Spezialität: Ball rausracken

Wie geht das denn? Auch hier sollte man sich schleunigst von der Annahme trennen, dass es sich bei Lothar Maienschein, der seit Langem im Team unter der Kurzbezeichnung „Lota“ firmiert, um ein medizinisches Wunder handelt. Oder wenigstens eine absolute Ausnahme. Er ist zwar schon irgendwie so etwas wie der Pizarro unter Wasser, aber davon gibt es einige in diesem Sport. Sie haben, erzählen sie im Unibad, auch einen dabei, der ist schon 81. Könne derzeit nicht mittrainieren wegen einer lädierten Hand. Habe aber bis vor drei Jahren noch Bundesliga gespielt. Es gebe in Deutschland mehrere Spieler um die 70, sagt Maienschein.

Ja, sie haben wirklich alles dabei im Unterwasserrugby. Es ist ein Spiel, das von Jung und Alt gemeinsam gespielt wird, und auch von Männern und Frauen gemeinsam. Es ist ein Spiel, in dem ein zum Raufen geeigneter Körperbau nicht schadet. Aber keine Voraussetzung ist. Der von der Kraft beim Raufen, von schnellen Schwimm- und Tauchzügen ebenso lebt wie von der Taktik. Wie die Luft einteilen für die Tauchgänge? Wie den Gegner narren durch überraschende Pässe? Wie ihn weglocken von seinem Tor? Es sei ein eher technischer Sport, sagt Maienschein, deswegen seien Frauen da nicht automatisch im Nachteil. Es komme auch sehr auf Gelenkigkeit und Reaktionsfähigkeit an.

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Und vor allem: Diese Sportart geht deutlich weniger als andere auf die Knochen, Bänder oder Gelenke. „Diese Schwerelosigkeit im Wasser“, sagt der Lota, „die empfinde ich als sehr angenehm.“ Nee, Leichtathletik, das wäre nix für ihn. Für Basketball sei er zu klein. Fußball oder Tennis würden die Knie nicht mitmachen.

Und Schwimmen? Kachelzählen sei ihm zu langweilig gewesen, sagt er. Er mag das Spiel, den Umgang in einem Team. Seit viereinhalb Jahrzehnten ist das Spiel mit Badekappe, Tauchflossen und Schnorchelbrille jetzt schon sein Ding. Wer weiß, wie lange noch? Er zeigt nach oben, gen Himmel. So lange es die Gesundheit zulasse, werde er das wohl noch machen. Angefangen hatte es in den 1970er-Jahren mit einem Segelboot. Er stammt aus Schönberg bei Kiel, da ist man quasi auf natürlichem Wege mehr Wasserratte als Landei.

Im Team schätzen sie ihn

Nach Ausbildung und Meisterschule in Hamburg fand er als Fahrzeug- und Karosseriebauer einen Job in Bremen. Und wollte Tauchen lernen. Das passt doch gut zum Segelboot, habe er sich gedacht. So landete er beim Bremer Verein Noatun und in der Folge bei dem Sport, der sein Lebenshobby werden sollte. Jobmäßig landete er Ende der 70er-Jahre dann in Oldenburg – und arbeitete bis vor knapp zehn Jahren als Beamter im Gewerbeaufsichtsamt. Und all die Jahre immer zum Unterwasserrugby. Zweimal pro Woche ist Training. Einmal in Oldenburg, einmal in Bremen. Lothar Maienschein ist eigentlich immer da. Abgesehen von Urlauben oder kleineren Erkältungen habe er eigentlich nie gefehlt, sagt er.

Im Team schätzen sie den Lota. „Er ist nicht mehr der Schnellste. Aber er kann gut Luft anhalten. Und er ist sehr handstark“, sagt Carsten Teuchert, Spieler und Rugbywart des TSC Bremen. Handstark, das bedeut in diesem Fall, dass man gut darin ist, dem Gegner den Ball zu entreißen. Der Gegner hat ihn zumeist fest in der Armbeuge am Körper eingeklemmt, das ist dann nicht so leicht, den Ball da herauszubekommen. „Ja, das kann ich ganz gut, den Leuten den Ball rausracken“, bestätigt Maienschein. Seine Rolle im Team sei zumeist die eines Verteidigers. Ein bisschen stellt man sich trotzdem wieder eine Pizarro unter Wasser vor. Den alten Mann, der nicht mehr so schnell ist wie die Jungen, aber ihnen trotzdem irgendwie den Ball abluchst.

Dem Nachwuchs den Vortritt lassen

Ja, und das mit der Luft, das stimmt schon auch, sagt Lota. Auch wenn es da natürlich mit zunehmenden Alter nicht besser werde und Unterwasserrugby per se eine Sache sei, bei der man stets gerne noch etwas mehr Luft hätte. Aber so knapp zwei Minuten könne er schon noch die Luft anhalten.

So ungefähr. Lothar Maienschein ist keiner, der ein großes Gewese um seine Fähigkeiten und sein immer noch erstaunliches Leistungsvermögen macht. „Lass mal die Jungen ran“, sage er immer häufiger. Er wolle da dem Nachwuchs den Vortritt lassen. Auch dann, wenn er nicht aus privaten Gründen verhindert ist wie an diesem Sonntag, an dem in Göttingen ein wichtiger Spieltag ansteht. „Er will ja, dass die Jüngeren spielen“, sagt Carsten Teuchert, „aber eigentlich gehört er immer in die erste Mannschaft.“

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Zur Sache

Die Chance auf die DM-Endrunde

Für die Spielgemeinschaft Bremen/Oldenburg steht an diesem Sonntag in Göttingen der letzte Spieltag der Bundesliga Nord auf dem Programm. Für den aktuellen Tabellenzweiten geht es darum, den Platz zu behaupten. Dann hätte es das Team zum dritten Mal geschafft, die Endrunde um die Deutsche Meisterschaft zu erreichen, die in diesem Jahr am 18. und 19. Mai in Offenbach ausgespielt wird. Je drei Klubs aus den Bundesliga-Staffeln Süd und West sowie zwei aus der Nord-Liga qualifizieren sich für das Meisterschaftsturnier. In Göttingen bekommen es die Bremer und Oldenburger mit dem Tabellensechsten und-letzten Torpedo Dresden sowie mit dem punktgleichen Tabellendritten und Gastgeber TWG Göttingen zu tun. Die Bremer/Oldenburger müssen gewinnen, um in die DM-Endrunde zu gelangen. „Das wird schwer genug, weil uns krankheitsbedingt wichtige Spieler fehlen“, sagt Carsten Teuchert, Rugbywart des Tauchsport-Clubs Bremen. Auch Lothar Maienschein verpasst, wegen eines privaten Termins, den letzten Bundesliga-Spieltag in Göttingen.

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