Grün-Gold-Formation kritisiert Wertungs-Quartett Abgestraft in Aachen

Aachen. Für Überraschungen war gesorgt bei der Europameisterschaft der Lateinformationen. Sah es zunächst so aus, als ob hole der Grün-Gold-Club Bremen sich den Titel, triumphierte am Ende sensationell die Formationsgemeinschaft Aachen/Düsseldorf.
05.05.2014, 00:01
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Abgestraft in Aachen
Von Ruth Gerbracht

Aachen. Für Überraschungen war gesorgt bei der Europameisterschaft der Lateinformationen am Sonnabend in Düren. Sah es zu Turnierbeginn zunächst so aus, als ob der Grün-Gold-Club Bremen sich den Titel holen würde, triumphierte am Ende eines langen Abends sensationell die Formationsgemeinschaft Aachen/Düsseldorf.

Der Bundestrainer lag mit seiner Prophezeiung goldrichtig. Ein deutscher Doppelsieg sei auf Grund der tänzerisch starken deutschen Lateinformationen durchaus möglich, sagte Horst Beer nur wenige Tage vor der EM. Einen deutschen Doppelsieg hat es dann am Sonnabend tatsächlich auch gegeben – allerdings nicht in der von Beer vermuteten Reihenfolge.

In der Dürener Arena gewann völlig überraschend die Formationsgemeinschaft Aachen/Düsseldorf vor dem amtierenden Weltmeister und Bundesligasieger Grün- Gold-Club-Bremen. Platz drei ging an das russische Team von Vera Tyumen.

Fassungslos und enttäuscht blickten die Bremer Tänzer und Tänzerinnen auf die Wertungstafeln. Trainer und Team wollten nicht glauben,was sie da sahen. Wie schon im Vorjahr ging der EM-Titel erneut an die Konkurrenz. Wie konnte das passieren? Drei Runden lang hatte die Lateinformation großartig getanzt. Ihre Darbietung „Final Countdown“ war mit Abstand die schwierigste, kreativste und dynamischste Choreografie an diesem Abend. Sie gönnt den Tänzern nicht die kleinste Atempause. Und doch präsentierte die Mannschaft von Trainer Roberto Albanese sie einmal mehr fehlerfrei und in einem atemberaubenden Tempo. Es nutzte nichts.

Keine Erklärung

Am Ende jubelten die Aachener. Das Team von Oliver Seefeldt gab im Finale noch einmal richtig Gas. Die Formation, der ewige Zweite hinter Bremen, demonstrierte einen unbändigen Willen, endlich hier in eigener Halle, getragen von ihren Zuschauern, den Titel gewinnen zu wollen. Die Rechnung ging auf. Die Formationsgemeinschaft Aachen/Düsseldorf zeigte eine geschlossene Leistung gepaart mit hoher Emotionalität. Sie nutzte ihren Heimvorteil, beeindruckte dabei nicht nur ihre Fans, die völlig aus dem Häuschen waren, sondern vor allem das Wertungsgericht, das in dieser Zusammensetzung womöglich in die Geschichte des Formationssports eingeht. Allein vier Wertungsrichter hatten noch nie zuvor internationale Formationsturniere gewertet. Die Damen und Herren aus Dänemark, Finnland, Frankreich und Kroatien mussten kurz vor der EM gebrieft werden, auf was es an diesem Abend ankommt.

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„Ich habe keine Erklärung für eine solche Wertung“, bekannte Andreas Neuhaus, stellvertretender Sportwart des Deutschen Tanzsportverbandes. Darüber müssten noch eine Menge Gespräche geführt werden. Dabei hatte Michael Eichert, Mitglied beim internationalen Tanzsportverband im Vorfeld keinerlei Bedenken, Wertungsrichter an die Fläche zu setzen, die mit Formationssport keinerlei Erfahrung haben. „Wir haben im Sommer Wertungsrichterlehrgänge für Formationen durchgeführt“, rechtfertigte Eichert die Auswahl. Ob jedoch die Kollegen und Kolleginnen, die am Sonnabend an der Fläche gestanden haben, bei der Schulung waren, scheint eher fraglich. In Düren wurde spekuliert, ob der Weltverband sich womöglich zu spät um fachkundige Kollegen bemüht habe. Am Ende hätte man nehmen müssen, wer gerade noch greifbar war.

Bremens Trainer Roberto Albanese ließ am Ende der Saison kein gutes Haar am Weltverband. „Die sollen sich doch mal ernsthaft fragen, was sie angerichtet haben und ob sie solche Turniere wirklich wollen.“ Grün-Gold-Tänzer Sebastian Berg erklärte: „Ein solches Verhalten macht unseren Sport kaputt.“ Sein Mannschaftskollege Kai Tausch schimpfte: „Du kannst doch keine Ahnungslosen werten lassen.“ Und auch Trainerin Uta Albanese war enttäuscht: „So macht das keinen Spaß mehr. Die Mannschaften trainieren monatelang hart auf dieses Ereignis hin und werden dann von Amateuren beurteilt.“

Für die Bremer Choreografie „Final Countdown“ war es bei der EM der letzte Auftritt. Zwei Jahre lang hat die Grün-Gold-Formation damit für Furore gesorgt. Zwei Weltmeistertitel gewonnen, zweimal Deutscher Meister geworden, zweimal die Bundesliga gewonnen – nur der EM-Titel fehlt. „Natürlich hätten wir hier gerne gewonnen, und sind deshalb auch enttäuscht. Aber uns war wichtig, ein gutes Turnier für einen schönen Abschluss von Final Countdown zu tanzen – und das ist uns auch gelungen“, sagte Joana Wiese. Für die 26-jährige Formationstänzerin des Grün-Gold-Club war es besonders schade, da es ihr letztes Turnier war. Zehn Jahre lang hat sie die Formation entscheidend mitgeprägt – jetzt hat für die Doktorandin an der Bremer Universität der Beruf Vorrang. Joana Wiese ist nicht die einzige, die sich aus beruflichen Gründen zurückziehen wird.

Für alle anderen wird es nach der EM nur ein kurze Pause geben. Schließlich wird an der neuen Choreografie bereits intensiv gearbeitet. Alles ist noch streng geheim, bis auf eine Tatsache: Es wird Nachwuchs gesucht. „Wir haben Bedarf auf allen Ebenen. Beim A- und B-Team, aber auch komplette Anfänger werden gebraucht“, sagt Trainerin Uta Albanese, „nach der EM ist vor der EM.“

Das nächste Casting für die Bremer Latein-Formationen beginnt am 24. Mai ab 14.30 Uhr in den Räumen des Grün-Gold-Club, Wandschneiderstraße 6 in Bremen.

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