Eigenständigkeit bewahrt

Es geht auch allein

Der ATSV Sebaldsbrück hat die Folgen der im Vorjahr gescheiterten Verschmelzung zur SG Bremen-Ost gut überstanden. Seit Juli 2020 hat der Verein einen neuen Vorstand und freut sich über Zuwachs der Fußballer.
28.10.2020, 05:52
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Von Jörg Niemeyer
Es geht auch allein

Sie sind schon seit vielen Jahren im ATSV Sebaldsbrück: der neue erste Vorsitzende Helge Uhing (von links), Kassenwart Peter Henze und der Ehrenvorsitzende Hartmut Schneider.

Karsten Klama

Das breite Schild mit schwarzem Schriftzug auf gelbem Grund hängt immer noch über der Eingangstür und dem Fenster der Vereinsgeschäftsstelle in der Sebaldstraße. Schon seit 1905 existiert der ATSV Sebaldsbrück. Er hat in den zurückliegenden 115 Jahren einige Höhen und Tiefen überstanden – und vor knapp einem Jahr auch den Versuch, den Sportverein in einen anderen zu überführen. Den ATSV Sebaldsbrück gibt es immer noch. Und geht es nach den Verantwortlichen, die im Juli dieses Jahres die Verantwortung als Vorstand übernommen haben, soll es den Verein auch in zehn Jahren und darüberhinaus noch geben.

„Eine Fusion per se ist ja nichts Schlechtes“, sagt der neue Vorsitzende Helge Uhing, „auch wenn ich Schwarz-Gelb im Herzen trage.“ Schwarz und Gelb sind die Vereinsfarben des ATSV, dem der 45-Jährige seit 1984 angehört. Zuletzt hatte er die Tischtennis-Abteilung 16 Jahre lang geführt, bevor er in der Ämterhierarchie aufrückte und die Vereinsspitze übernahm. Freiwillig und doch ein bisschen unfreiwillig. Denn wahrscheinlich wäre Uhing noch heute Tischtennis-Chef in Sebaldsbrück, wenn es im November 2019 nicht die – letztlich gescheiterte – Abstimmung über eine Verschmelzung gegeben hätte. „Ich habe damals dafür geworben, dass wir nicht in der SG Bremen-Ost aufgehen“, sagt er mit noch immer spürbarer Entschlossenheit, „dann muss ich anschließend auch selbst etwas machen.“

Die Tischtennis-Spieler waren geschlossen gegen eine Verschmelzung. „Das war nicht das, was ich wollte“, sagt Uhing, dem die Zukunft seines Klubs einige schlaflose Nächte bereitet hatte. Als klar war, dass der ATSV der ATSV bleibt, dauerte es nicht lange, bis sich Uhing entschied, an vorderster Stelle mitzuarbeiten. Auch Peter Henze musste nicht lange überlegen. Der 70-jährige leidenschaftliche Prellballer ist seit 40 Jahren im Verein, seit diesem Sommer ist er der Kassenwart.

Peter Henze war im Herbst 2019 dabei, als der ATSV-Ehrenvorsitzende Hartmut Schneider versuchte, eine Crew zusammenzustellen, die den Verein ab 2020 führen sollte. Denn klar war nach der gescheiterten Abstimmung: Die alte Vorstandsmannschaft würde nicht mehr weitermachen. Dafür war es zwischen den Lagern der Befürworter und der Gegner zu emotional zugegangen. „Für Einige hatte sich der ATSV dann mit einem Schlag erledigt“, sagt Peter Henze, „schade, dass eine jahrelange Zusammenarbeit so endet.“ Er selbst ist froh, dass seine Vorgängerin im Amt ihm noch zur Verfügung steht, wenn er eine Frage hat.

Der neue, insgesamt vierköpfige Vorstand des ATSV hatte und hat natürlich immer wieder Fragen. Die Führung eines Vereins macht niemand mal eben so – und erst recht nicht in einem Jahr wie 2020. Eigentlich war die Vorstandswahl für das Frühjahr vorgesehen, doch Corona machte einen Strich durch die Rechnung. „Für uns war es eigentlich ganz gut, nicht drei Tage vor einem Lockdown ins Amt zu kommen“, sagt Helge Uhing. Denn so konnte sich der designierte neue Vorstand noch mit dem alten austauschen. Das habe, so Uhing, bis zur tatsächlichen Ämterübergabe im Juli auch ganz gut geklappt.

Das Kapitel SG Bremen-Ost ist für den ATSV Sebaldsbrück jetzt abgehakt, die Verantwortlichen schauen nach vorne. Helge Uhing ist glücklich, dass der Verein keinen Aderlass zu verkraften hatte. Etwa 40 Mitglieder habe der Klub in diesem Jahr verloren, einige davon mit Sicherheit wegen der Abstimmung. Doch das Gros der Mitglieder und auch der ehrenamtlich Tätigen sei geblieben, darunter einige, die ursprünglich für die Verschmelzung waren. „Doch die haben bald gemerkt, dass sich etwas tut bei uns, dass wir auch als eigenständiger Verein weiter existieren können“, sagt der Vorsitzende. Das könnten wesentlich mehr als nur zehn weitere Jahre werden, „wenn wir unseren Job gut machen“.

So wie es aussieht, kann der ATSV sogar wieder wachsen. Die Fußball-Abteilung habe in diesem Jahr einen ordentlichen Zulauf, sagt Uhing. Anfang 2020 hatte der Verein 17 Mannschaften, inzwischen seien es 22. Das sind zwar immer noch nicht die 32 wie 2012, doch das ist dem Vorsitzenden auch gar nicht wichtig. Das Ziel des ATSV sei nicht in erster Linie Wachstum, um von derzeit etwa 870 Mitgliedern eines Tages vielleicht wieder auf 1000 oder noch mehr zu kommen. Das Ziel sei vielmehr, dass sich die Mitglieder wohl fühlen. „Die Entwicklung bei uns im Fußball ist keine allgemeine Entwicklung“, sagt der 45-Jährige, „sondern sie hat damit zu tun, wie sich der Verein darstellt.“ Die Fußballer bilden mit mehr als 300 Mitgliedern in Sebaldsbrück die mit Abstand größte Abteilung, gefolgt von den Schwimmern (etwa 100) und den Tischtennis-Spielern (etwa 90).

Der Ehrenvorsitzende lobt seinen Nach-Nachfolger und dessen Crew dafür, dass sie nicht nur reden, sondern auch handeln. „Der jetzige Vorstand packt richtig an“, sagt Hartmut Schneider. Sein großes Engagement sei auch daran erkennbar, dass er viel Zeit opfere, unter anderem mit einer wöchentlichen Sprechstunde. Immer dienstags trifft sich der Vorstand, mal in der Geschäftsstelle, mal im Vereinsheim beim Fußballplatz, um ab 19 Uhr auch Mitgliedern zur Verfügung zu stehen.

Hartmut Schneider ist froh, dass mit der Selbstständigkeit des ATSV auch das Vereinsleben so bleiben kann wie bisher. Der 74-Jährige stand dem Klub 31 Jahre vor und wohnt gegenüber der Geschäftsstelle. Er hat aus nächster Nähe erlebt, wie sehr der ATSV zum Ortsteil gehört. Der Ehrenvorsitzende ist überzeugt, dass der Verein mit einer Verschmelzung zur SG Bremen-Ost seine Identität verloren hätte. „Das Vereinsleben findet hier statt, nicht in Arbergen oder in Osterholz“, sagt Schneider. Obwohl auch er weiß, dass in Zeiten, in denen Klubs immer mehr Auflagen erhalten, ein Großverein möglicherweise eine bessere Struktur bieten könnte.

Info

Zur Sache

Der Weg zur SG Bremen-Ost

Ein knappes Jahr ist seit der gescheiterten Verschmelzung von bis zu vier Bremer Sportvereinen zur SG Bremen-Ost vergangen. Zunächst sprachen sich beim ATSV Sebaldsbrück weniger als die notwendigen 75 Prozent der Mitglieder für ein Zusammengehen mit der SG Arbergen-Mahndorf aus, dann passierte Gleiches bei OT Bremen. Der TuS Vahr verzichtete daraufhin auf eine Abstimmung, holte diese jedoch im Mai 2020 nach. Nachdem sich in einer Briefwahl mehr als 86 Prozent der TuS-Mitglieder über 18 Jahre für die Verschmelzung mit der SG Arbergen-Mahndorf ausgesprochen hatten, existiert seit Ende Juli 2020 die SG Bremen-Ost.

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