BHC-Torwartin im Gespräch

„Auf dem Platz darf ich normal sein“

Chantal Bausch steht beim Bremer Hockey-Club im Tor, spielt Tennis und studiert – all das mit einem Spenderherz. Gespräch mit einer, die aufrütteln, über Organspende informieren und Mut machen will.
05.10.2019, 18:31
Lesedauer: 6 Min
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„Auf dem Platz darf ich normal sein“
Von Imke Wrage
„Auf dem Platz darf ich normal sein“

Sportass mit Spenderherz: Chantal Bausch fährt Ski, spielt Hockey, Tennis und Golf.

Christina Kuhaupt

Frau Bausch, der 8. Juni ist für Sie jedes Jahr ein besonderer Tag. Warum?

Das ist quasi mein zweiter Geburtstag. In der Nacht vom 8. auf den 9. Juni habe ich ein neues Herz bekommen.

Das ist jetzt 14 Jahre her. Können Sie sich noch an den Tag erinnern?

Der 8. Juni war ein sonniger Tag. Ich lag damals schon über drei Monate im Krankenhaus und habe auf ein Spenderherz gewartet. Mein Zimmer war sehr klein, das weiß ich noch. Gegenüber auf dem Flur stand ein kleiner Tisch mit einem Stuhl. Die paar Meter vom Bett dorthin zu gehen war immer mein Tageshighlight. Als ich an dem Tag vom Flur zurück ins Zimmer kam, saß meine Mutter dort mit meinem Lieblingsarzt. Ihre Blicke, das Drumherum. Ich wusste sofort: Es ist soweit.

Hatten Sie Angst?

Ja, klar. Man weiß nie, ob bei der OP alles gut geht. Richtig freuen konnte ich mich erst später. Am Anfang war ich ziemlich zerrissen.

Warum?

Durch das Spenderherz darf ich weiterleben. Gleichzeitig, wusste ich, gibt es dort irgendwo eine Familie, die trauert, weil jemand gestorben ist. Und vor der OP habe ich mit anderen Organempfängern gesprochen. Manches davon hat mich verwirrt.

Zum Beispiel?

Dass man sich verändert, wenn man ein fremdes Organ bekommt. Manche mochten plötzlich keine Pizza mehr, haben nur noch Nudeln gegessen. Oder sie haben auf einmal einen anderen Fußballverein favorisiert. Da dachte ich nur: Oh Gott, nicht, dass ich am Ende Bayern-Fan werde!

Und?

Ich bin, glaube ich, noch ziemlich dieselbe. Und die Sache mit Bayern...

Eine Woche, bevor Sie ins Krankenhaus gekommen sind, haben Sie noch Sport gemacht, sind zur Schule gegangen. Was ist dann passiert?

Auf einmal hatte ich Probleme, die Treppe hochzugehen. Ich musste zwischendurch stehen bleiben, konnte nicht mehr weiter. Ich hatte das Gefühl, gegen eine Wand zu atmen. Als ob mir jemand die Luftröhre zugenäht hat. Meine Mutter war sofort alarmiert. Im Krankenhaus hieß es dann: Herzmuskelentzündung. Die hat mein Herz irreparabel geschädigt.

Bevor Ihnen das Herz transplantiert wurde, hatten Sie ein Kreislaufunterstützungssystem. Wie kann man sich das vorstellen?

Das sind zwei dicke Schläuche, die an das Herz angenäht werden und aus der Bauchdecke rauskommen. An den Schläuchen hängt ein Korpus dran, ein ovales Teil, durch das das Blut fließt, mit einem Antriebskabel, das den Druck gibt. Dadurch kann das Blut zirkulieren.

Wie fühlt sich das an, wenn einem ein fremdes Herz den Antrieb gibt?

Viele fragen mich, ob es sich komisch anfühlt, das fremde Organ. Wie ein Fremdkörper. Rein körperlich aber merkt man das nicht. Wenn man ganz rational darüber spricht, dann ist das Herz ja auch nur ein Muskel. Es wird bloß immer so wahnsinnig viel reininterpretiert. Für mich ist es eher die psychologische Seite, die da eine Rolle spielt.

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Können Sie das erklären?

Auch jetzt, 14 Jahre später, wache ich nachts noch manchmal auf und denke: Krass, ich trage ein fremdes Herz in mir. Es klingt so abgedroschen und schmalzig, aber ich bin diesem Menschen einfach wahnsinnig dankbar. Ich spiele in der zweiten Hockey-Bundesliga, bin die Hälfte der Woche in Berlin, schreibe dort meine Masterarbeit. Ich stand dem Tod gegenüber. Und jetzt geht´s mir so gut.

Was wissen Sie über den Spender?

Nicht viel. Nur, dass er männlich war und 18 Jahre jung.

Malen Sie sich aus, wer dieser Mensch einmal gewesen ist? Wie er aussah, wie er gesprochen hat?

Als Jugendliche hatte ich viele Bilder im Kopf, wie er vielleicht mal ausgesehen hat, wie seine Hobbys waren. Das hat sich mit der Zeit gewandelt. Nun denke ich darüber nach, wie wohl sein Charakter war, sein Leben. Und ob er damit einverstanden wäre, wie ich mit seinem Herzen umgehe.

Gibt es konkrete Situationen, in denen er eine Rolle spielt?

Ich trinke sehr selten Alkohol. Aber wenn, dann habe ich ein schlechtes Gewissen. Ich denke dann, ich muss doch gut zu seinem Herzen sein.

Dank Ihres Spenderorgans führen Sie ein ganz normales Leben. Welche Rolle spielt der Sport?

Der Arzt hat gesagt, dass ich alles machen soll, was mir guttut. Und das ist und war immer schon Sport. Hockey hat mir geholfen, mich wieder schnell sozial zu vernetzen und mich körperlich aufzubauen.

Sie spielen ja aber nicht nur Hockey.

Ich habe lange im Club zur Vahr gespielt. Dort habe ich parallel mit Tennis und Golf angefangen. Vor sechs Jahren habe ich dann entdeckt, dass es Sportevents für Transplantierte gibt. Allerdings gibt es dort kein Hockey.

Sportevents für Transplantierte?

Ja, es gibt die DM, die EM und die WM. Erst Ende August war ich bei der WM in Newcastle. Da kommen knapp 2000 Transplantierte aus der ganzen Welt zusammen. Im Endeffekt sind wir Fremde, aber dadurch, dass wir alle transplantiert wurden und einen Schicksalsschlag erlitten haben, ist da direkt diese Verbundenheit, dieser positive Spirit. Deshalb geht es auch gar nicht darum, abzuräumen und sich damit zu betiteln.

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Worum geht es dann?

Ums Leben.

Wie ist es sportlich gelaufen?

Im Golf bin ich um einen Schlag Zweite geworden, das war ziemlich bitter. Im Tennis-Doppel, das ich zusammen mit einer Niere aus Hamburg gespielt habe, sind wir Zweite geworden. Beide Male also ganz knapp Silber.

Die Niere? Sind Sie das Herz?

Ja, unter den Transplantierten erlauben wir uns den Spaß. Es gibt zum Beispiel ein ungarisches Gegner-Pärchen, gegen die wir auf jeder Veranstaltung spielen. Da wissen wir sofort: Auf die Große, Schlanke müssen wir achten. Das ist die Niere mit der starken Rückhand.

Zurück in Bremen stehen Sie für den BHC auf dem Platz. Zuvor haben Sie beim Konkurrenten Club zur Vahr gespielt. Warum der Wechsel?

Ich habe dort zwanzig Jahre lang gespielt. Ich brauchte eine Veränderung.

Für Sie hieß das auch: Von der dritten in die erste Liga, mittlerweile in die zweite. Wie lief das?

Die ersten zwei, drei Wochen habe ich gedacht, ich mache den Fehler meines Lebens. Das Niveau war viel höher, ein riesiger Unterschied. Ich habe keinen Ball gehalten, es sei denn, ich wurde angeschossen. Die Geschwindigkeit, die Intensität des Trainings, die Körperlichkeit – ich musste mich komplett umgewöhnen.

Sie sind Torwartin. Warum?

Bevor ich das neue Herz bekommen habe, war ich im Sturm. Danach war ich zu schwach, zu langsam. Ich konnte erstmal gar nichts mehr. Im Tor stand ich am Anfang eigentlich nur als Pfosten rum. Das war nur für den Übergang geplant, bis ich konditionell wieder auf der Höhe bin.

Heute stehen Sie immer noch dort. Vermissen Sie den Sturm?

Im Tor ist man immer Held oder Depp. Manchmal gibt es Spiele, da steht man die ganze Zeit rum. Dann kommt ein Ball, der hopst einem blöd über den Fuß und zack, Tor. Mental ist das Tor eine schwierige Position. Ich habe schon gedacht, dass wenn ich mal in Hockey-Rente gehe, dass ich dann in einer Alt-Damen-Mannschaft Lust hätte, wieder Tore zu schießen.

Wann geht man denn in Hockey-Rente?

Manchmal, wenn ich so aufstehe, denke ich mir: vielleicht morgen!?

Sie haben mit Jens Spahn über Organspende diskutiert, waren bei „Hart aber Fair“ und „3 nach 9“. Mit Ihrem Engagement sind Sie zu einem regelrechten Organspende-Promi geworden. Wie fühlt sich das an?

Das ist schon krass, wie viele Menschen man damit erreicht. Ich bin immer mega aufgeregt, auch wenn man das vielleicht gar nicht sieht. Ich mach mich schon Tage vorher verrückt. Die Sache ist nämlich die: Ich bin gar nicht so cool, wie ich manchmal wirke.

Sie gehen sehr offen mit Ihrer eigenen Geschichte um...

Ich glaube, dass ich die Leute so eher erreiche. Ich will zeigen, dass man mit einem transplantierten Organ gut leben und Leistungssport machen kann, will Betroffene ermutigen. Und ich wünsche mir, dass mehr Menschen über Organspende nachdenken, sich informieren. So blöd das klingt: Das Thema liegt mir einfach am Herzen.

Nervt es manchmal, immer die mit dem Spenderherz zu sein?

Mir ist schon wichtig, dass sich nicht ständig alles um die Transplantation dreht. Was dabei hilft, ist Sport.

Inwiefern?

Wenn ich den Platz betrete, mal Hockey, mal Tennis, mal Golf, dann ist es völlig egal, was ich habe. Ein neues Herz, den schlimmsten Liebeskummer, Stress. All das ist dann plötzlich fern. Auf dem Platz darf ich normal sein.

Die Fragen stellte Imke Wrage.

Info

Zur Person

Chantal Bausch (26) steht bei den Damen des Bremer Hockey-Club im Tor, spielt Tennis und Golf – und all das mit einem Spenderherz. In Bremen geboren, hat sich Bausch von Horn nach Schwachhausen nach Oberneuland gehangelt. Aktuell führt sie ein Leben zwischen Sport und BWL-Studium. Bausch setzt sich seit langem für Organspende ein. Ihre Geschichte erzählt sie, um zu informieren und anderen Menschen Mut zu machen.

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