Lennard Kämna im Interview

„Mit der Tour de France wird es eng“

Der Bremer Radprofi Lennard Kämna über wettkampffreie Zeit, Olympia, Training auf dem Balkon und warum die Tour für den Radsport eigentlich unentbehrlich ist
27.03.2020, 07:00
Lesedauer: 5 Min
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„Mit der Tour de France wird es eng“
Von Mathias Sonnenberg
„Mit der Tour de France wird es eng“

Lennard Kämna mag es privat eher leger: Der 23-Jährige macht nicht nur auf dem Rennrad eine gute Figur. Er hofft noch immer, dass die Tour de France stattfindet.

Tristan Vankann
Herr Kämna, wie fühlt sich ein Leistungssportler, der richtig gut in die Saison gestartet ist und jetzt für unbestimmte Zeit aus dem Rennen genommen wurde?

Lennard Kämna: Ich bin relativ entspannt, weil ich mir immer sage: Du kannst es nicht ändern, also sollst du dich auch nicht ärgern.

Wie haben Sie das erlebt, dass plötzlich auch die Sportwelt quasi stillsteht?

Wir waren in Spanien in der Sierra Nevada und haben uns dort in der Höhe auf die nächsten Rennen vorbereitet. Da schien eigentlich alles noch in Ordnung zu sein, wir sind im Team davon ausgegangen, dass wir Ende März wie geplant Rennen fahren. Und dann kippte innerhalb von einer Stunde die ganze Thematik. Erst kam der Hotel-Direktor, der meinte, dass er das Hotel schließen müsse. Und dann kam die Absage für die nächsten Rennen, das ging alles ganz schnell. Da war klar: In der nächsten Zeit wird das nichts mit dem Radsport.

Sie sind dann mit dem ersten Flieger zurück nach Deutschland geflogen?

Genau, wir haben schnell gebucht, nur einen Tag später war ich wieder in Deutschland. Jetzt bin ich bei meiner Freundin in Hagen.

Und wo wären Sie heute, wenn es Corona nicht geben würde?

Dann säße ich bei der Katalonien-Rundfahrt auf dem Sattel meines Rades.

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Sie waren eigentlich in richtig guter Form.

Ja, die ersten Wochen in diesem Jahr waren richtig gut, die liefen viel besser als erwartet. Für mich war es der beste Einstand in den letzten fünf Jahren. Ich war megazufrieden, aber meine Enttäuschung hält sich trotzdem in Grenzen. Ich sehe ja, was in der Welt passiert. Schauen Sie sich die Kassiererinnen in den Supermärkten an, da denke ich immer: Okay, ich bin zu Hause, mir geht es gut, ich habe hier nichts auszustehen. Es könnte weitaus schlimmer sein.

Wie sieht denn Ihr Trainingsalltag aus derzeit?

Mein Alltag war zuletzt relativ entspannt. Ich konnte ausschlafen und habe mit dem Training ein paar Tage ausgesetzt, erst jetzt geht es wieder los. Dann drehe ich meine Runde, meistens allein, komme zurück, mache mir Essen und habe nicht groß was zu tun. Mein Alltag ist eigentlich: Essen, schlafen, trainieren.

Klingt eigentlich nach einer relaxten Auszeit.

Ja, das ist so, es gibt wirklich Schlimmeres.

Ist es nicht komisch, jetzt für ein Ziel zu trainieren, das Sie ja noch gar nicht kennen? Niemand weiß, wann es wieder weitergeht.

Das ist genau die Frage, die ich mir gerade stelle und die ich mit meinem Trainer klären will. Ich habe die Idee, dass ich mir Ziele setze, die außerhalb eines Wettkampfes liegen. Also Übungen, bei denen ich sehe, dass ich in fünf, sechs Wochen einen Leistungsfortschritt gemacht habe. Dass ich mich selber motivieren kann mit Übungen, die nicht in Ergebnissen, sondern in Leistungen zu bemessen sind.

Was für Übungen könnten das sein?

Wir haben ja einen Leistungsmesser am Rad, ich habe auch ein Pulsmessgerät. Wenn ich beispielsweise probiere, wo meine Maximalleistung über zehn Minuten liegt, kann ich auf dem Rad Volldampf geben und dann in Abständen kontrollieren, wie ich mich verbessert habe. Das ließe sich auch über andere Zeitabstände messen. Wichtig ist ja, dass ich Leistungen objektiv vergleichen kann.

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Klingt theoretisch ganz gut, aber ...

Ja, ich bin ja auch ein Mensch, der sehr stark von den Rennen lebt, das ist meine Leidenschaft, das ist meine Berufung. Daraus habe ich immer meine Motivation gezogen. Aber ich muss ja fit sein, wenn es weitergeht.

Haben Sie Sorgen, dass die Einschränkungen noch größer werden, um echtes Training auszuüben?

In Frankreich dürfte ich mich mit dem Rad nur noch einen Kilometer von der eigenen Wohnung entfernen. Also, das würde mir extrem schwerfallen, meinen Sport praktisch gar nicht ausüben zu können. Dann müsste ich zu Hause auf die Rollengeräte zurückgreifen. Und das würde mich persönlich schon belasten, weil das überhaupt nicht meine Lieblingsaufgabe ist.

Es gibt Menschen, die auf ihrem Balkon einen Marathon laufen.

Ja, aber so hartnäckig bin ich dann doch nicht. Einen Marathon auf meinem Balkon würde ich nicht schaffen. Und eigentlich auch gar nicht schaffen wollen.

Wie realistisch ist es, dass die Tour de France im Juli gefahren wird?

Das fragt sich jeder in der Radsport-Szene. Und richtig beantworten kann ich das auch nicht. Ich habe nur gehört, dass sie an einer Lösung arbeiten, aber das hängt ja alles davon ab, wie sich der Corona-Virus entwickelt. In Frankreich gibt es schon jetzt härtere Ausgangssperren als in Deutschland. Ich denke, es wird eng mit der Tour.

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200 Sportler sind bei der Tour de France am Start, die müsste man dann isoliert vom Publikum fahren lassen.

Bei dem Rennen Paris – Nizza hat das schon ganz gut geklappt, vielleicht wird es bei der Tour de France ein ähnliches Modell geben. Dort wurde das Rennen am Ende total von der Bevölkerung abgeschirmt, es gab weder bei der Siegerehrung oder beim Zieleinlauf Zuschauer. Sie haben es geschafft, dass niemand beim Rennen zuschaut.

Also quasi ein Geister-Rennen?

Ja, so ungefähr. Für die Tour wäre es natürlich total schade, wenn da niemand an den Straßen stehen würde. Da würde schon sehr viel Flair verloren gehen. Der Radsport aber hängt an der Tour, das ist unsere größte und wichtigste Bühne. Wenn die wegfällt, hat der Radsport ein Problem. Aber ich gehe stark davon aus, dass alle Möglichkeiten geprüft werden, um die Tour starten zu lassen. Auch eine Verschiebung wäre ja möglich.

Sie hatten ja auch auf Olympia in Tokio gehofft. Das hat sich ja mittlerweile erledigt. Haben Sie das Zaudern des IOC, die Spiele abzusagen, eigentlich verstanden?

Ich konnte schon verstehen, dass viele Möglichkeiten geprüft wurden, ob Olympia nicht doch möglich gewesen wäre. Aber die Spiele wurden ja letztlich rechtzeitig abgesagt, also nicht erst zwei Wochen vor den Spielen. So können wir Sportler uns darauf einstellen. Und jetzt beginnt für viele Sportler die Vorbereitung auf Olympia 2021.

Das Gespräch führte Mathias Sonnenberg.

Info

Zur Person

Lennard Kämna (23)

ist in Wedel geboren, aufgewachsen in Fischerhude und lebt jetzt in Bremen. 2019 startete er erstmals bei der Tour de France und wurde 40. im Gesamtklassement. Seit diesem Jahr fährt er für das Team Bora Hansgrohe und hatte gleich in den ersten Rennen starke Ergebnisse vorzuweisen. Auch für Olympia in Tokio war er ein Kandidat.

Info

Zur Sache

Tour soll am 27. Juni starten

Die Verantwortlichen der Tour de France arbeiten wegen der Coronavirus-Pandemie im Hintergrund laut Medienberichten an einer Ausgabe des weltgrößten Radrennens mit Einschränkungen für die Öffentlichkeit. Auch Frankreichs Sportministerin Roxana Maracineanu bezeichnete die Rundfahrt, die am 27. Juni in Nizza starten soll, als Veranstaltung „von größter Bedeutung“. So könnte die Tour, die jährlich von zehn bis zwölf Millionen Radsport-Fans am Straßenrand verfolgt und von rund 29 000 Sicherheitskräften begleitet wird, in diesem Jahr mit einigen Restriktionen ablaufen. Das könnte die Streichung der Werbekarawane oder des Tour-Dorfes vor jeder Etappe betreffen. Zudem könnten die Zuschauer im Start- und Zielbereich, ähnlich wie bei Paris-Nizza Mitte März, ausgeschlossen werden.Tour-Chef Christian Prudhomme hatte darauf hingewiesen, dass erst zwei Weltkriege das Rennen stoppen konnten. „Sobald die Aktivitäten wieder aufgenommen werden, wird der Hunger auf das Rennen immens sein.“ Auch für die Teams wäre eine Austragung der Tour de France extrem wichtig. So befürchtet Teamchef Patrick Lefevere vom Rennstall Deceuninck-Quick Step einen Zusammenbruch des Systems bei einer Absage.

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