Eisbären Bremerhaven Basketballer verändern ihre Philosophie

Die verquerste Pointe dieser wirren Saison der Eisbären Bremerhaven kommt von Tyrus Thomas. Der ehemalige NBA-Star scheint sich inzwischen vom Basketball abgewandt zu haben. Erfolg möchte er in Zukunft anders deuten als bisher. Und auch die Jugend soll dabei endlich eine Rolle spielen.
21.05.2016, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Nico Schnurr

Zeit für eine Zäsur in der Kaderplanung bei den Eisbären Bremerhaven, findet der Trainer des Basketball-Bundesligisten, Sebastian Machowski. Erfolg möchte er in Zukunft anders deuten als bisher. Und auch die Jugend soll dabei endlich eine Rolle spielen.

Die verquerste Pointe dieser wirren Saison der Eisbären Bremerhaven kommt von Tyrus Thomas. Der ehemalige NBA-Star, bis Februar in den Diensten der Eisbären Bremerhaven, scheint sich inzwischen komplett vom Basketball abgewandt zu haben. Thomas macht jetzt in Fast-Food. Der frühere Spieler der Chicago Bulls versucht sich inzwischen in seiner Heimatstadt Baton Rouge als Inhaber eines Schnellrestraurants. Auf seinem Instagram-Auftritt posiert er mit Pizzen, preist Milchshakes an und mimt den ­Verkäufer.

Bis zu seiner Vertragsauflösung im Februar firmierte Thomas, vom Vollbesitz seiner Kräfte weit entfernt, beim Basketball-Bundesligisten unter dem Slogan „vielversprechendes Projekt“. Er blieb bei den Eisbären eine Enttäuschung, und jenes Projekt das negative Extrem der Bremerhavener Personalpolitik der vergangenen Jahre. Thomas‘ Transfer wurde zum Sinnbild einer Fehlentwicklung, geprägt vom kurzfristigen Handeln der Eisbären.

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Nach drei Jahren Abstiegskampf soll diese Ära in Bremerhaven nun beendet sein. Die Eisbären wollen zurück zu Kontinuität und langfristigem Denken. Geschäftsführer Jan Rathjen spricht von einem „Neuanfang“ und hat den wohl wichtigsten Baustein dafür bereits präsentiert: Sebastian Machowski, der im März nach Bremerhaven gekommen war und den Abstieg verhindert hatte, bleibt Trainer der Eisbären. Machowski erhält einen Zwei-Jahres-Vertrag. Der Kontrakt, deutete Rathjen an, enthält die Option „auf eine mögliche weitere Zusammenarbeit“.

Nach der ungewohnten Erfahrung als Feuerwehrkraft im Abstiegskampf soll Machowski bei den Eisbären nun wieder das sein, wofür er bereits in Braunschweig und Oldenburg bekannt war: ein Projekt-Trainer, ein Planer mit langfristigen Ideen. Einer, den mehr interessiert als der Ist-Zustand. „Die jüngere Vergangenheit hat in Bremerhaven gezeigt, dass es fatal ist, den Erfolg immer nur kurzfristig zu planen“, sagt Machowski. „Jedes Jahr eine neue Mannschaft zusammenzukaufen und alles auf diese eine Karte zu setzen: Das ist nicht der richtige Weg.“

Der neue Weg brauche aber Geduld. „Es ist aufgrundderwirtschaftlichen Möglichkeiten utopisch, fertige deutsche Nationalspieler zu holen“, sagt er. Machowskis Alternative: jüngere deutsche Spieler selbst entwickeln, Talente finden – ob im eigenen Verein oder in anderen Jugendmannschaften – und ihnen Chancen geben. „Wir müssen über den Tellerrand schauen“, sagt Rathjen. „Und wir werden Mut brauchen.“ Mut, um jungen Spielern Fehler zuzugestehen, die routinierte Profis aus Übersee vielleicht nicht machen würden.

Trotz Nachwuchsteams in den höchsten Spielklassen des Landes ist es den Eisbären über Jahre hinweg nicht gelungen, eigene Talente ins Profiteam zu integrieren. Auch weil die Perspektiven fehlten, wechselten junge Hoffnungsträger an andere Standorte. Das will Machowski künftig verhindern, und den Nachwuchs, besonders die U19 des Vereins, stärker mit dem Bundesliga-Team verzahnen. Die Verantwortlichen erhoffen sich davon auch, den Identifikationsfaktor des Klubs sowohl auf Mannschafts- als auch auf Fanseite zu erhöhen.

„Unsere Vorstellung ist es, künftig nicht mehr sechs US-Amerikaner im Team zu haben, die sagen: Ein Jahr in Bremerhaven ist gut, aber dann möchte ich schnell weiter“, sagt Rathjen. In den vergangenen Jahren habe es den Eisbären nicht nur am sportlichen Erfolg und der Kontinuität gefehlt, so Rathjen: „Wir hatten auch kaum Identifikationsfiguren, die alles gegeben und den Abstieg mit Kampf und Leidenschaft verhindert haben.“ Der Erfolg, sagt der Geschäftsführer, werde sich künftig deswegen zunächst einmal weniger daran messen lassen, „ob wir Elfter oder Zwölfter geworden sind, sondern vor allem an der Geschichte hinter der Platzierung“. Zum Beispiel an der Zahl der gewonnenen Heimspiele – zuletzt waren es drei Heimsiege aus 17 Partien. Der Bremerhavener Basketball soll wieder ­begeistern.

Machowski warnt vor überhöhten Erwartungen: „Wenn man sich ein Bild der Mona Lisa vorstellt und versucht, es in der Praxis zusammenzusetzen, kommt dabei eben oft eher Picasso oder etwas anderes Abstraktes heraus.“ Fest steht allerdings, dass Machowski derjenige sein wird, der das personelle Bild hauptverantwortlich zusammensetzen soll. Im Sommer werde er „wahrscheinlich mehr Zeit am Rechner und Telefon verbringen als am Pool oder Strand“, sagt Machowski.

Durchaus vorstellbar ist für den 44-Jährigen bei der Zusammenstellung des Kaders auch – anders als zuletzt bei den Eisbären –, eng mit dem Co-Trainer zusammenzuarbeiten. Noch aber ist unklar, wer Machowski assistieren wird. Der bisherige Co-Trainer Chris Harris gilt als aussichtsreicher Kandidat. Machowskis langjähriger Begleiter und Co-Trainer in Braunschweig und Oldenbug, Philipp Köchling, der momentan Assistent von Svetislav Pesic bei Bayern München ist, sei dagegen keine Option.

Auch ohne zu wissen, wer sein künftiger Co-Trainer wird, kann Machowski bereits festhalten, „dass die Mannschaft sehr anders aussehen wird. Ich glaube nicht, dass viele Spieler wiederkommen werden.“ Einen solchen radikalen Schnitt sind sie bei den Eisbären aus den vergangenen Jahren gewöhnt. Diesmal allerdings hoffen sie, dass mit ihm eine tatsächliche Zäsur einhergeht: ein Ende der Leidenszeit.

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