Deutschland Bauermann: In Nowitzkis Fehlen liegt eine Chance

Frankfurt/Main. Ohne Superstar Dirk Nowitzki müssen die deutschen Basketballer vom 28. August an bei der WM in der Türkei bestehen. Doch Bundestrainer Dirk Bauermann sieht im Fehlen seines Ausnahmespielers sogar eine Chance.
25.08.2010, 16:12
Lesedauer: 4 Min
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Frankfurt/Main. Ohne Superstar Dirk Nowitzki müssen die deutschen Basketballer vom 28. August an bei der WM in der Türkei bestehen. Doch Bundestrainer Dirk Bauermann sieht im Fehlen seines Ausnahmespielers sogar eine Chance.

Die jungen Spieler würden nicht nur als Zuschauer auf dem Parkett, sondern selbst im Fokus stehen. «Wirklich besser wird man als Spieler nur, wenn man in seiner Spielzeit auch Verantwortung übernehmen darf. Und das dürfen und müssen die Jungs nun», sagte Bauermann im Interview der Nachrichtenagentur dpa.

Herr Bauermann, Sie starten mit der jüngsten deutschen Mannschaft der WM-Geschichte in die Weltmeisterschaft. Mit welcher Zielsetzung?

Dirk Bauermann:«Man darf sich von den jüngsten Siegen nicht blenden lassen, auch wenn die Jungs zum Teil toll gespielt haben. Die WM ist etwas Anderes. Gerade bei den erfahrenen Mannschaften gibt es einen großen Unterschied zwischen Testspielen und dem Turnier. Plötzlich ist das Niveau bei denen noch einmal 20 Prozent höher, und da muss man dann sehen, dass man mitkommt. Deshalb würde ich sagen: Wenn wir ins Achtelfinale einziehen, können wir sehr zufrieden sein.»

Ist die Mannschaft trotz der Absagen der Routiniers Sven Schultze und Patrick Femerling vielleicht sogar stärker als bei der EM 2009?

Bauermann:«Das ist sie, ich denke, das sieht man auch an den Ergebnissen. Wir haben in der Vorbereitung im vergangenen Jahr einen Großen geschlagen, in diesem Sommer waren es mit Russland, der Türkei und Puerto Rico gleich drei. Patrick und Sven werden mit ihrer Erfahrung sicher sehr fehlen. Aber die anderen sind im vergangenen Jahr so viel weitergekommen. Außerdem ist es der zweite Sommer mit mir als Trainer. Von daher sind wir glaube ich etwas besser als im vergangenen Jahr.»

Ist es deshalb mit Blick auf die Perspektive vielleicht gar nicht schlecht, dass auch Dirk Nowitzki und Chris Kaman wieder pausieren?

Bauermann:«Das sehe ich auch so. In allem liegt eine Chance, und so liegt auch im Fehlen von Dirk und Chris eine solche Chance. Nämlich dass die anderen nicht als Rollenspieler und als Zuschauer mit auf dem Parkett stehen, sondern auch selbst Verantwortung übernehmen müssen und mehr Minuten spielen. Zudem bekommen sie mehr Würfe. Wenn du Dirk und Chris dabei hast, dann schnappen die sich gut 40 bis 50 Prozent der Würfe. Wirklich besser wird man als Spieler nur, wenn man in seiner Spielzeit auch Verantwortung übernehmen darf. Und das dürfen und müssen die Jungs nun.»

Auf den wenigen Alten lastet natürlich eine besondere Verantwortung, vor allem Jan-Hendrik Jagla ist als Führungsspieler gefragt. Wie sehen Sie ihn?

Bauermann:«Jan hat in diesem Jahr geheiratet, man merkt einfach, dass da jemand reift, sowohl als Spieler als auch als Mensch. Vielleicht profitiert Jan mehr als jeder andere davon, dass Dirk nicht dabei ist. Dirk war immer der Riesenschatten für ihn, man hat ihn auch noch mit ihm verwechselt. Ich glaube, das hat ihn immer sehr belastet und vielleicht auch gehemmt. Jetzt hat er sich freigespielt. Er ist in der Mannschaft hoch akzeptiert und geschätzt und spielt einen sehr guten Basketball.»

Wie schätzen Sie die Gruppengegner ein? Reicht es, nur Angola und Jordanien zu schlagen?

Bauermann:«Wir dürfen uns auf keinen Fall nur auf die letzten Spiele gegen diese beiden Gegner konzentrieren. Das wäre gefährlich. Ich finde zudem, dass wir gut genug sind, um schon eines der ersten beiden Spiele zu stehlen. Wir haben die Serben im letzten Jahr in der Vorbereitung geschlagen. Die Argentinier sind sicherlich ein sehr erfahrenes Team, aber sie sind eben auch nicht mehr die Jüngsten. Wenn wir da über 40 Minuten hohen Druck ausüben, sind wir nicht chancenlos, auch wenn sie natürlich hoher Favorit sind. Australien hat eine tolle Mannschaft, ist aber auch nicht unbesiegbar. Trotzdem werden das drei richtige Hammerspiele für uns am Anfang.»

Kann man insgesamt sagen, dass es eine Übergangs-WM für Ihr Team ist?

Bauermann:«Dem würde ich zustimmen. Natürlich muss man jede WM so spielen, als wenn es deine letzte wäre, schließlich gibt es die nur alle vier Jahre. Insofern kann man nicht von einer Zwischenstation sprechen, es ist eben eine Weltmeisterschaft. Aber in der Entwicklung der Spieler ist das irgendwie ein Übergang, weil sie wahrscheinlich ihren Zenit erst 2018, also bei der übernächsten WM, haben werden. Aber wer weiß, ob es jemals eine zweite für sie gibt. Deshalb nehmen wir das Turnier so ernst wie irgend möglich, ohne dabei zu verkrampfen.»

Hat die WM auch insgesamt ein wenig an Bedeutung verloren? Viele Topstars machen eine Pause. Steht die WM im Schatten von Olympia?

Bauermann:«Ja, das kann man sagen. Die WM ist natürlich immer noch ein sensationell gutes Event, es sind noch jede Menge Stars dabei. Aber trotzdem scheint Olympia für viele das höchste sportliche Ziel zu sein. Anders als im Fußball gibt es bei uns eben ein olympisches Turnier für die Profis.»

Wer sind für Sie die Favoriten in der Türkei?

Bauermann:«Spanien und Griechenland. Bei den Türken muss man mit dem Heimvorteil abwarten. Zudem noch Argentinien, Australien und natürlich die Amerikaner.»

Für Sie steht danach die Doppelfunktion als Bundestrainer und Coach des FC Bayern München an. Wie groß ist die Vorfreude?

Bauermann:«Der Akku ist wieder voll, sonst hätte ich es nicht gemacht. Das sind zwei faszinierende Aufgaben, die man beide einfach nicht ablehnen kann.»

Graut es Ihnen deshalb bereits vor dem nächsten Sommer, wenn Sie sich nach jetzigem Stand für eine Sache entscheiden müssen?

Bauermann:«Damit beschäftige ich mich im Moment nicht, jetzt zählt erst einmal nur die WM. Aber natürlich hoffe ich, dass wir in Gesprächen mit den Verantwortlichen der Liga zu einer gemeinsamem Lösung kommen, die diese Doppelrolle ermöglicht. In anderen Ländern setzt man ja ebenfalls verstärkt auf Trainer, die auch im Verein tätig sind. Schließlich wird es sonst kaum möglich sein, Spitzentrainer für die Nationalmannschaft zu finden. Weil kein Topcoach hingeht und sagt, ich mache jetzt mal zehn Monate, in denen kein Turnier ansteht, nichts.»

Was reizt Sie denn am meisten an der Rückkehr in den Ligabetrieb?

Bauermann:«Die tägliche Arbeit in der Halle hat mir zuletzt einfach gefehlt. Täglich mit den Spielern zu arbeiten, etwas zu entwickeln, sie auf Gegner vorzubereiten, das ist es einfach, wofür man Trainer geworden ist.»

Den Großteil Ihrer Nationalspieler werden Sie nach der WM dagegen wieder bis zum nächsten Sommer nicht mehr sehen. Bedauern Sie, dass es zwischendurch keine Zeit für Länderspiele gibt?

Bauermann:«Absolut, das ist schon ein Problem für unsere Sportart. Ich muss schon sagen, dass ich meine Kollegen Heiner Brand (Handball) und Joachim Löw (Fußball) beneide. Joachim Löw hatte nur einen Monat nach der WM bereits das nächste Länderspiel. Gerade jetzt, wo fast alle unsere Nationalspieler in Deutschland spielen, wäre es natürlich schön, sie hin und wieder mal um sich zu haben.» (dpa)

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