Bremer Torwart-Legende lebt weiter

Wie aus dem Kriegsgefangenen ein englisches Fußball-Idol wird

Ekkehard Lentz und Wolfgang Zimmermann haben ihrem berühmten Vereinskameraden Bert Trautmann eine Ausstellung gewidmet, die demnächst in Thüringen und damit erstmals außerhalb von Bremen gezeigt werden soll.
14.11.2020, 06:00
Lesedauer: 4 Min
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Wie aus dem Kriegsgefangenen ein englisches Fußball-Idol wird
Von Jörg Niemeyer
Wie aus dem Kriegsgefangenen ein englisches Fußball-Idol wird

Sie haben die Infotafeln über ihren berühmten Vereinskameraden von Tura Bremen mit Akribie und Begeisterung zusammengestellt und den Besuchern der Ausstellung viel Freude bereitet: Wolfgang Zimmermann (links) und Ekkehard Lentz. Ab Januar 2021 will das Duo den Menschen in Thüringen Bert Trautmann näherbringen.

Christina Kuhaupt

Bert Trautmann war zu Lebzeiten der Hauptdarsteller einer der ungewöhnlichsten Geschichten im internationalen Profifußball. Als Kriegsgefangener 1945 nach England gekommen, wurde der junge Mann aus Bremen-Walle auf der britischen Insel zu einer Torwart-Legende. Kultstatus erlangte Trautmann im Jahr 1956, als er Manchester City im sogenannten FA-Cup trotz eines im Spiel erlittenen Genickbruchs mit seinen Paraden den 3:1-Endspielsieg über Birmingham City sicherte. „Bert Trautmann wollte eigentlich nicht immer nur auf dieses eine Spiel reduziert werden“, sagt Ekkehard Lentz. Zumindest in England wurde er es auch nicht. Aber jenes Finale war der spektakulärste sportliche Auftritt des Deutschen, dem zu Beginn seiner Karriere auf der Insel nur wenig Sympathien gehört hatten.

Der 65-jährige Ekkehard Lentz macht in Trautmanns Heimatklub Tura Bremen seit Anfang der 1990er-Jahre die Öffentlichkeitsarbeit. Inzwischen sorgt er mit Wolfgang Zimmermann nachhaltig dafür, dass das Andenken an Bert Trautmann nicht nur gewahrt, sondern sogar noch ausgebaut wird. Lentz und Zimmermann sind seit etwa einem Vierteljahrhundert für die Vereinszeitung der Gröpelinger verantwortlich. Immer mal wieder veröffentlichten sie auch Texte über Trautmann, der am 22. Oktober 1923 in Walle zur Welt gekommen war, mit acht Jahren Mitglied bei Tura wurde und eigentlich Bernhard hieß. Weil sich die Engländer mit der Kurzform des Vornamens jedoch schwertaten, wurde aus „Bernd“ schließlich „Bert“. Und dabei blieb es, auch öffentlich sichtbar, über den Tod des Ex-Fußballers am 19. Juli 2013 hinaus. Seit 2014 heißt der Platz vor Turas Vereinsheim Bert-Trautmann-Platz.

Trautmann dürfte, obwohl er nie für die deutsche Nationalmannschaft auflief, der wohl bekannteste Sportler mit Wurzeln bei Tura sein. Im Laufe der Jahre hat der Klub viel Material über den Torwart gesammelt – viel mehr als in der Ausstellung zu sehen ist, die Ekkehard Lentz und Wolfgang Zimmermann im vergangenen Jahr zusammenstellten. Anlass war der 2018 gedrehte Film „Trautmann“, der der Öffentlichkeit in einer Preview am 8. März 2019 in der Bremer „Schauburg“ präsentiert wurde. „Beim Joggen war mir die Idee von einer Ausstellung gekommen“, sagt Lentz. Und er habe nicht lange gebraucht, um seinen kongenialen Partner Wolfgang Zimmermann, einen gelernten Grafiker, mit seiner Idee zu begeistern. „Wir machen seit 25 Jahren Vereinszeitung und werden uns inhaltlich immer schnell einig“, sagt der 72-Jährige. Innerhalb von nur einer Woche erstellten sie die 14 Tafeln, die ab März sieben Monate in Turas Vereinsheim und danach ein Vierteljahr in den Räumen der Arbeiterwohlfahrt (Awo) am Wall gezeigt wurden.

Erst Thüringen, dann Sachsen

Aktuell befinden sich die Tafeln wieder im Vereinsheim am Bert-Trautmann-Platz – diesmal allerdings eingelagert in ihren Einzelteilen. Im Dezember soll ein Lastwagen aus Thüringen anrücken, um die Ausstellungsstücke abzuholen. Ab 24. Januar, so der Plan, sollen sie erstmals außerhalb von Bremen präsentiert werden – im Rathaus der Stadt Brotterode-Trusetal und bis April, sofern die Corona-Pandemie den Beteiligten keinen Strich durch die Rechnung macht. Dresden könnte danach eine weitere Station der Ausstellung werden, auch wenn es dafür bislang nur vage Pläne gibt.

Dass das Interesse an Bert Trautmann auch außerhalb Bremens vorhanden ist und möglicherweise immer größer wird, macht die Ausstellungsmacher durchaus ein bisschen stolz. „Unsere Arbeit hat sich auf jeden Fall gelohnt“, sagt Lentz, „wir wollten Bert Trautmann und seine Geschichte bekannter machen, das ist uns geglückt.“ Im kommenden Jahr, so Lentz, soll der Kinofilm im Fernsehen laufen – das würde dieser einzigartigen Fußballer-Laufbahn zu noch mehr Aufmerksamkeit verhelfen.

Herberger nahm keine Legionäre

„Bert Trautmann hat immer bedauert, nie für Deutschland gespielt zu haben“, sagt Ekkehard Lentz, der den einstigen Profi 2004 in Bremen persönlich kennenlernen durfte. Trautmanns Pech war, dass Bundestrainer Sepp Herberger in den 50er-Jahren nicht auf im Ausland spielende Kicker setzte. Die sogenannten Legionäre wie Karl-Heinz Schnellinger oder Helmut Haller fanden erst in den 60er-Jahren Berücksichtigung im Team, da war es für Bert Trautmann zu spät. Doch als der Torwart 1964 nach 15 Jahren bei Manchester City mit fast 41 Jahren aufhörte, war er längst ein gefeierter Held. „In England ist er so bekannt wie Uwe Seeler bei uns“, sagt Turas Vorsitzender Dirk Bierfischer. Welch großes Ansehen der Bremer genoss, offenbarte auch die Auszeichnung durch Königin Elisabeth II.: 2004 ehrte sie den ehemaligen Torwart für dessen Verdienste um die englisch-deutsche Verständigung durch Fußball mit dem Ritterorden „Order of the British Empire“.

In knapp drei Jahren jährt sich Trautmanns Geburtstag zum 100. Mal. Dann soll es in Bremen, so schwebt es Ekkehard Lentz und Wolfgang Zimmermann vor, auf jeden Fall eine große Veranstaltung zu Ehren des berühmten Turaners geben. Vielleicht wieder eine Ausstellung – vielleicht sogar etwas Gemeinsames mit Manchester City? „Es wäre kein Problem, die Tafeln ins Englische zu übersetzen“, sagt Lentz. Mal abwarten, was passiert. Sicher ist aber, dass die Ausstellungsmacher mit ihren Plänen längst noch nicht am Ende sind. „Wir könnten die Ausstellung auch noch erweitern“, sagt Zimmermann. Insgeheim hofft er, dass den Kuratoren auf ihrem Weg durch Deutschland weiteres Material zur Verfügung gestellt wird. Brotterode-Trusetal und Dresden müssten schließlich nicht die letzten Stationen der Ausstellung sein.

Ekkehard Lentz weiß, was er auf keinen Fall möchte: dass die Trautmann-Tafeln übereinander gestapelt im Vereinsheim verstauben. Im Gegenteil. „Ich träume davon“, sagt der 65-Jährige, „dass die Ausstellung eines Tages im Bremer Focke-Museum einen Dauerplatz bekommt.“ Mehr Nachhaltigkeit zu Ehren einer Torwart-Legende aus Bremen wäre kaum möglich.

Info

Zur Sache

Trautmann – Film und Ausstellung

So ein Leben musste einfach verfilmt werden. Ein junger Deutscher, der als Kriegsgefangener 1945 nach England kommt und dort zunächst argwöhnisch betrachtet wird, erobert bald als Fußballtorwart die Herzen der Briten. Auf der Insel wird der Bremer Bert Trautmann zum Helden, in Deutschland dagegen kennen ihn nur wenige. Der Film „Trautmann“ war 2019 Anlass für Ekkehard Lentz und Wolfgang Zimmermann, eine Ausstellung über den einstigen Turaner zu machen. Demnächst geht Trautmann sogar auf Wanderschaft.

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