24-Stunden-Classic-Rennen von Le Mans Borgward Renncoupé erreicht das Ziel

Ein Borgward Renncoupè aus dem früheren Borgward-Werk in Bremen ist nach 65 Jahren wieder in Le Mans gestartet – und hat beim Classic-Rennen für Oldtimer die Zielflagge gesehen.
08.07.2018, 20:15
Lesedauer: 4 Min
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Borgward Renncoupé erreicht das Ziel
Von Frank Büter

Ankunft nach 65 Jahren: Das im Bremer Werk gefertigte Borgward Hansa Renncoupè 1500 hat nach seiner missglückten Premiere beim 24-Stunden-Rennen von Le Mans im Jahr 1953 im zweiten Anlauf mit der Startnummer 41 die Zielflagge gesehen! Beim Classic-Rennen für Oldtimer kam das Fahrzeug nicht nur unversehrt über die Runden, sondern belegte am Ende in der Gruppe bis 1500 Kubikzentimeter Hubraum sogar einen hervorragenden vierten Platz. Im Klassement stand zudem Rang 36 zu Buche.

"Das ist für unser Team mit solch einem seltenen Fahrzeug ein extremer Erfolg", jubilierte Hauptsponsor Jürgen Betz, Inhaber der Borgward-Zeitmanufaktur mit Sitz in Efringen-Kirchen und einer Niederlassung in Bremen. "Geschlaucht, aber glücklich" sei er, sagte der Unternehmer nach einem intensiven Rennwochenende mit vielen Tausend Menschen an der Strecke und gefühlt ebenso vielen Eindrücken. "Das hier", sagte Betz, "das hier ist einfach nur der Wahnsinn."

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Das emotional stärkste Erlebnis dürfte derweil Lars-Erik Larsson gehabt haben. Der 65-jährige Schwede saß nämlich am Steuer, als das Borgward Renncoupè die letzten Meter bewältigte. „Als ich an der Zielflagge vorbeifuhr, kamen mir die Tränen", sagte Larsson, der sich mit diesem Rennen in seinem Borgward einen Traum erfüllt hatte.

Der Start des alten Mannes

Den Traum, dieses Classic-Rennen gemeinsam mit seinen Söhnen Johan und Jakob zusammen absolviert zu haben. Larssons Dank galt dabei der Crew, "die uns an diesem Wochenende die ganze Zeit so toll unterstützt hat.“ Und auch Rennleiter Christian Loch war voll des Lobes: „Ich bin so stolz, dass wir sauber durchs Rennen gekommen sind. Wir waren richtig schnell unterwegs, sind aber trotzdem mit ganz viel Übersicht gefahren."

Schnell und mit viel Übersicht: Das galt bereits für die imposante Startszene dieses Classic-Rennens. Die Fahrzeuge standen allesamt schräg eingeparkt entlang der langen Geraden, die Fahrer warteten auf der gegenüberliegenden Seite auf das Signal. Und natürlich brachte "der alte Mann", wie Lars-Erik Larsson von seinen Söhnen Jakob und Johan liebevoll tituliert wurde, das Renncoupè bei diesem Start zurück auf die Strecke. Und wie: Zwar erreichte der 65-Jährige das im Mittelfeld positionierte Fahrzeug eher gemächlichen Schrittes, doch kaum war Larsson eingestiegen, war der Borgward auch schon auf der Piste und machte mit einem fulminanten Manöver bereits etliche Plätze gut.

Verteilt über 24 Stunden hatten die Oldtimer jeweils drei Rennblöcke (zweimal tagsüber, einmal nachts) zu absolvieren. Dabei gingen die Classic-Fahrzeuge unterteilt in verschiedenen Jahrgangsgruppen auf den 13,629 Kilometer langen Rundkurs. Der Bremer Borgward, Baujahr 1953, fuhr im sogenannten Plateau 2 in einem Feld mit 74 Rennwagen der Baujahre 1949 bis 1956. Tagsüber wechselte sich das Fahrer-Trio hinterm Steuer ab, bei der Einheit in der Nacht, wo die Lichtverhältnisse wegen mangelhaft ausgeleuchteter Kurven schwierig waren, saßen dann nur die Larsson-Söhne Jakob (29 Jahre) und Johan (27) am Lenkrad. Da die Anzeigetafeln, mit denen die Fahrer auf den nächsten Boxenstopp aufmerksam gemacht werden, in der Nacht schwer zu sehen sind, bediente sich das Borgward-Team eines kleines Tricks: Mit Kabelbindern hatten sie einen bunt blinkenden Feenstab an der Tafel befestigt, den sie für zwei Euro in einem Spielzeugladen gekauft hatten. „Das war richtig auffällig, unsere Fahrer sind immer perfekt zum Boxenstopp reingekommen“, sagte Teamleiter Christian Loch.

Ein enormer Aufwand

Kleiner Aufwand, hoher Ertrag also – das galt zumindest in dieser Situation. Insgesamt nämlich war der Aufwand enorm hoch gewesen. Mitte Juni hatte sich das Borgward-Team im Rahmen der Nürburgring-Classics einem umfassenden Testlauf unter Wettkampfbedingungen unterzogen. Danach wurde der Rennwagen noch einmal eigens in die Werkstatt seines Besitzers Lars-Erik Larsson nach Schweden gebracht, um den Motor zu überholen. Und nach einem mehrtägigen Abstecher ins Porsche-Zentrum nach Mannheim, wo man das Coupè auch besichtigen konnte, machte sich der Tross nebst Begleitfahrzeugen und Mechanikern schließlich Anfang Juli auf den Weg nach Frankreich.

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Nach der Ankunft am Dienstag vergangener Woche folgten Testläufe, ein erstes Training auf der legendären Rennstrecke mit Nachtfahrt und abschließend natürlich die Qualifikationsläufe. Und zwischendurch immer wieder der Blick und der Griff unter die Motorhaube. Im Vorfeld wurde noch eine neue Zylinderkopfdichtung eingebaut, die dann in Le Mans regelmäßig nachgezogen werden musste. Dafür mussten die beiden Vergaser, Kipphebeldeckel, Ansaugbrücke sowie das Kipphebelgehäuse und die Kipphebelwelle abgebaut und danach wieder zusammengesetzt und die Ventile eingestellt werden. „Eine aufwendige Wartung, aber wir wollten unbedingt auf Nummer sicher gehen“, sagte Rennleiter Christian Loch.

Ein Aufwand, der sich mit der Ankunft im Ziel mehr als ausgezahlt hat. Nicht nur zur Freude des Teams, sondern auch der zahlreichen Liebhaber, die eben diesem Borgward die Daumen gedrückt haben. Darunter die in Bremen lebende Monica Borgward: Die Tochter des früheren Unternehmensgründers Carl. F. W. Borgward hatte vor Rennbeginn noch die besten Wünsche übermitteln lassen. Daumen gedrückt hatte aber auch der inzwischen 90-jährige Herbert Linge: Der frühere Porsche-Werksfahrer war im Jahr 1970 Fahrdouble von Schauspieler Steve McQueen im Film "Le Mans" und hatte der Borgward-Crew auf dem Nürburgring noch persönlich einen Besuch in der Boxengasse abgestattet. Und apropos Besuch: Jerome Brudes, Enkel des früheren Bremer Rennfahrers Adolf Brudes, der 1953 in Le Mans das Borgward-Schwesterfahrzeug mit der Startnummer 42 gefahren hatte, kam in Le Mans an die Strecke, um den Wagen zu sehen, den sein Großvater vor 65 Jahren auf das Rennen vorbereitet hatte.

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