Kein Leistungszentrum in Hastedt Bremen ganz weit weg vom Leistungshandball

Mit Thomas Gerster hat der Mann, der seit vielen Jahren den Handball voranzubringen versucht hat, das Ende seiner Mission verkündet. Sie wird unvollendet bleiben, solange sich kein anderer Antreiber findet.
28.06.2019, 20:24
Lesedauer: 4 Min
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Bremen ganz weit weg vom Leistungshandball
Von Jörg Niemeyer

Handball hat Thomas Gerster nie losgelassen. Der ehemalige Bundesliga-Spieler des VfL Gummersbach hat immer Pläne geschmiedet, die er meistens auch in die Tat umsetzte. Kurz vor seinem 70. Geburtstag im Oktober 2017 hatte er allerdings auch gesagt, dass er sich zurückziehen wolle aus der Organisation großer Spiele und Turniere. Die Weltmeisterschaft 2017 der Frauen im Dezember, für die er in Oldenburg eine Vorrundengruppe betreute, sollte sein letztes Projekt werden – eigentlich.

Doch Handball ohne Gerster und Gerster ohne Handball: Das passt irgendwie nicht zusammen. Der heute 71-Jährige hob 2009 mit seinem Sohn Sören den Erima-Cup aus der Taufe. Bis 2015 bereiteten sich sechs Mal jeweils vier Bundesliga-Teams in Bremen auf ihre Saison vor – das Publikum strömte in die Halle 7 auf der Bürgerweide.

Misserfolge gehören zum Geschäft

Gerster Senior brachte die Männer-WM 2007 mit einer Vorrunde nach Bremen, und er organisierte Länderspiele. Er war, ebenfalls mit seinem Sohn, Spielerberater. Und hielt, als er 2017 leise von einer Wiederbelebung des Erima-Cups unter anderem Namen sprach, Wort. Am 10. und 11. August 2019 kommen wieder vier Erstligisten nach Bremen und kämpfen diesmal um den Dextra-FM-Cup.

Gerster ist ein zäher Verhandler. Keiner, der schnell auf- oder gar klein beigibt. Er ist gut vernetzt, und doch gibt es Projekte, die er zu keinem Abschluss führen konnte. Wahrscheinlich gehören derartige Misserfolge auch zum Geschäft. Der frühere Leistungssportler erweckt jedenfalls nicht den Eindruck, dass sie ihn nun aus der Bahn werfen würden.

Wenn Pläne am Ende in der Schublade bleiben müssen, verschleiern Begriffe wie Misserfolg oder Scheitern die vielen Teilerfolge, die der Planer zwischenzeitlich erzielt hatte. So hatte Gerster laut eigener Aussage 2016 für den Bau einer Sporthalle mit Internat auf dem Jakobsberg schon finanzielle Zusagen in Höhe von 5,6 Millionen Euro. Das seien aber 1,6 Millionen Euro zu wenig gewesen, um das Großprojekt finanzieren und realisieren zu können. „Der letzte Dominostein, der alle anderen angestoßen hätte, fehlte“, sagt der 71-Jährige.

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Gemeinsam mit dem ehemaligen Nationaltorwart Fynn Holpert hatte Gerster den Handball in Bremen ein gutes Stück voranbringen wollen. In der Stadt laufen schon seit Langem zwischen Sportlern, Politikern und Unternehmern Gespräche über ein sogenanntes Haus der Athleten. Gersters Pläne für ein Haus für Handballer waren weit gediehen.

„Das ehemalige Eisstadion wäre ein idealer Platz dafür gewesen“, sagt Gerster noch heute. Seine damalige Vision: In einer neuen Halle mit Platz für etwa 2000 Zuschauer sollte nicht nur Handball, sondern auch Volleyball, Hockey oder Basketball gespielt werden. Alles an einem Tag – an einem „Tag des Bremer Sports“. Ein Leckerbissen für Sportfans.

Mittlerweile ist nicht nur das Projekt auf dem Jakobsberg gestorben, sondern Bremen auch ganz weit weg vom Leistungshandball. Mit dem A-Jugend-Bundesliga-Team der SG HC Bremen/Hastedter TSV war der Anfang des Spitzensports gemacht. Die Fortsetzung sollte der Aufstieg der Männer des HC Bremen werden. Einst hatte Gerster sogar von Erstliga-Handball mit Bremer Beteiligung geträumt. Doch 2006, als der Kauf einer entsprechenden Lizenz der HSG Nordhorn möglich gewesen wäre, sei die Chance vertan worden.

„Der HC Bremen wird kein Leuchtturmprojekt mehr“

Grundsätzlich jedoch hält Gerster den Aufbau einer Mannschaft von unten nach ganz oben für besser. „Dann kann sich eine Stadt mit dem Verein identifizieren.“ Dieser Verein hätte der HC Bremen werden sollen. Gerster war lange an den Planungen beteiligt. Und Erfolge stellten sich ein: erst die Gründung des Nachwuchs-Bundesligisten, dann der Aufstieg der HC-Männer bis in die Oberliga. Als die Vorstellungen der HC-Verantwortlichen auseinander liefen, ging Gerster von Bord.

„Der HC Bremen wird kein Leuchtturmprojekt mehr“, sagt Gerster jetzt. Und angesichts der Probleme des Klubs, schon für den Oberliga-Spielbetrieb genügend Geld zusammen zu bekommen – der Spielbetrieb des HC ist inzwischen aber gesichert –, erscheint seine Einschätzung nicht abwegig. Schließlich scheiterte auch der ATSV Habenhausen mehrfach bei dem Versuch, sich zumindest in der 3. Liga zu etablieren.

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Bremen und Leistungshandball: Diese Kombination wird es wohl langfristig nur in Form eines Saisonvorbereitungsturniers für Bundesligisten und vielleicht mit weiteren Länderspielen geben. „Wir wollten eine Bastion schaffen, um Handballer in Bremen halten zu können“, sagt Gerster. Dieses Ziel hat auch er nie erreicht. Und er will es jetzt auch nicht mehr. „Ich werde es nicht tun“, antwortet er auf die Frage, ob Bremen doch noch wieder Bundesliga-Standort wird, indem irgendwer die Lizenz eines gescheiterten Bundesligisten übernimmt.

Thomas Gerster wäre nicht Thomas Gerster, wenn er nicht trotz aller angekündigten Rückzugspläne doch noch einen Traum hat. Dieser handelt nicht mehr von einem Bremer Bundesliga-Team, sondern von einem hochkarätig besetzten Turnier. „Barcelona, Paris und zwei deutsche Topmannschaften – am besten Flensburg und Kiel“: Der 71-Jährige zählt auf, welches Quartett er gern in der Hansestadt zusammenbringen würde. Nicht ausgeschlossen, dass Gerster zumindest diesen Plan noch umsetzen wird.

Info

Zur Sache

Glanzzeiten in den 1970er-Jahren

Fast 40 Jahre ist es inzwischen her, dass Bremen im Männer-Handball einen Erstligisten hatte. Dreimal war der TV Grambke im Oberhaus vertreten, von 1972 bis 1975 und 1976 bis 1977 in der damaligen zweigleisigen Bundesliga und zwischen 1978 und 1980 für zwei Spielzeiten in der 1977 gegründeten eingleisigen Bundesliga. Die Bremer Rolf Harjes, Wilfried Lankenau und später Uwe Schwenker, der 1980 zum THW Kiel wechselte, wurden Nationalspieler. Von 1996 bis 2002 spielte der TV Grambke immerhin noch in der 2. Bundesliga. Bremer Erstliga-Handball gab es zwischen 1990 und 1998 noch bei den Frauen. Der TuS Walle wurde in dieser Zeit fünfmal deutscher Meister. In der Saison 1977/78 spielten auch die Frauen des SV Werder in der damals noch zweigeteilten Bundesliga.

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