Miese Plätze, fiese Gegner

Bremen-Liga: Zahl der Verletzten ist so hoch wie nie

Verletzungssorgen in der Bremen-Liga: Zahlreiche Spieler fallen aus. Die Gründe sind sehr vielschichtig – ein Überblick.
26.11.2019, 06:54
Lesedauer: 4 Min
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Von Stefan Freye
Bremen-Liga: Zahl der Verletzten ist so hoch wie nie

Verletzungsbedingte Ausfälle sind in der Bremen-Liga an der Tagesordnung.

Jan Woitas/dpa-Zentralbild/dpa

Die Liga läuft: Mittlerweile wurden 126 von 240 Partien in der Bremen-Liga absolviert. Dabei erzielten die 16 Teams dieser Spielklasse 530 Tore, also durchschnittlich 4,2 Treffer pro Spiel. Das ist eine gute Quote. Sie wird allerdings übertroffen von den verletzungsbedingten Ausfällen – deren Quote ist noch deutlich höher.

Die Situation

Es gab wohl keinen Bremen-Liga-Trainer, der in den vergangenen Monaten nicht auf eine stattliche Anzahl von Verletzten hingewiesen hat. So macht Andreas Ernst, Trainer von Schlusslicht Werder Bremen III, einen durchschnittlichen Verletzungsstand von „drei bis sechs Spielern“ aus, während Günter Tuncel von der SV Hemelingen „in der Spitze“ auf ein Dutzend seiner Kicker verzichten musste. „So wie jetzt war es noch nie“, sagt Kristian Arambasic jedenfalls. Er sitzt seit 2010 auf der Trainerbank, aktuell beim FC Oberneuland. Auch Frank Dahlenberg von Union 60 gilt als alter Hase. Er stellt angesichts der aktuellen Verletztenzahlen fest: „Letztes Jahr waren wir noch deutlich besser aufgestellt.“

Die Gründe

Den einen Grund gibt es nicht; kein Verantwortlicher macht eine wesentliche Ursache für die ungewöhnlich große Anzahl der Blessuren aus. So manche Verletzung lässt sich gar nicht verhindern, und oft ist eben Pech im Spiel. Nahezu alle Trainer vermuten allerdings, dass die zunehmende Verbreitung der Kunstrasenplätze ein Faktor sein könnte. „Für Knie und Leiste sind sie Gift“, findet Andreas Ernst, und auch Günter Tuncel hat einen Zusammenhang zwischen „Gelenken und Rücken“ und dem Kunstrasen ausgemacht. „Es ist hinlänglich bekannt, dass der Kunstrasen ein Problem für die Gelenke ist“, findet auch Frank Dahlenberg. Er sei jedenfalls „kein Freund“ der künstlichen Plätze. Allerdings: Es steht außer Frage, dass die Kunstrasenplätze gerade im Winter große Vorteile bieten – dort kann noch gespielt werden, wenn die anderen Plätze längst gesperrt wurden.

Das künstliche Grün ist natürlich keine neue Erfindung. Es zählt seit Jahren zum üblichen Bild auf Bremer Sportanlagen, und angesichts seiner Belastbarkeit ist dieser Untergrund sogar ziemlich begehrt. „Alle freuen sich, wenn sie überhaupt einen Kunstrasen bekommen“, sagt Kristian Arambasic. Der FCO-Coach macht darin aber auch ein Problem aus: „Bremen hat kein Geld, also werden die Rasenplätze nicht richtig gepflegt und alle gehen auf den Kunstrasen.“ Er könne das verstehen, aber in der Konsequenz würde eben immer mehr auf einem Untergrund gespielt, der mit höheren Belastungen verbunden ist. Zumal die neue, günstigere Variante der künstlichen Spielfelder kürzer und damit auch stumpfer sei. „In Bremen haben nur Brinkum und Werder wirklich gute Kunstrasenplätze“, so Arambasic.

Die Folgen

Der Oberneulander hat es für sein Team einmal ausgerechnet: Von den zwölf Verletzen des FCO wurden zwei Drittel in Zweikämpfen oder durch Fouls verletzt, nur vier Spieler erwischte es ohne Fremdeinwirkung. Für Arambasic liegt die Verletzungsmisere deshalb auch an der gegnerischen Spielweise. „Wir haben viele flinke Spieler, und die werden gern mal gelegt“, so der Trainer des Spitzenreiters. Während der FCO als Topfavorit tatsächlich auf sehr engagierte Teams treffen dürfte, liegt die Sache bei Union 60 anders. Dort spricht Frank Dahlenberg von einem „Anpassungsprozess“: Die Spieler des Aufsteigers mussten sich erst gewöhnen an die neuen Anforderungen – auch so wurde manche Verletzung durch eine Überbelastung verursacht. Aber sowohl Dahlenberg als auch Arambasic machen keine grundsätzliche Veränderung aus: In dieser Saison wird nicht härter oder unfairer gespielt als zuvor. Offenbar haben sich jedoch die Spieler geändert. „Es gibt mittlerweile viele Selbst-Diagnosen“, sagt Wilco Freund. Der Trainer des Habenhauser FV hört immer wieder: „Das muss ein Muskelfaserriss sein.“ Wenn diese Kicker dann zum Arzt gingen, würde der eine dreiwöchige Pause vorschlagen – und schon stehe der Nächste auf der Verletztenliste.

Die Spieler

Zumal offenbar längst nicht alle Spieler den Weg zum Sportmediziner nehmen. „Davon geht man zwar aus, aber gewisse Leute muss man führen“, sagt Maik Stolzenberger vom Bremer SV. Er erlebt es nämlich oft, dass die eigentliche Diagnose von einem Hausarzt gestellt wird – und diesen fehlen nicht selten die Erfahrung, Ausbildung oder Ausstattung eines Fachmediziners. „Manche gehen auch gar nicht zum Arzt, da waren wir früher selbstständiger“, findet Frank Dahlenberg. Unterm Strich bleibt also der Verdacht, dass ein gewisser Teil der Blessuren mit unnötig langen Pausen verbunden ist.

Die Defizite

Daneben tritt derzeit eine Spielergeneration an, der man nachsagt, sie habe im Kindesalter schon relativ viel Zeit vor dem Computer verbracht. „Wir sind früher noch über Zäune geklettert und haben die Äpfel aus den Bäumen geholt – es kann sein, dass heute eine allgemeine Bewegungsschule fehlt“, meint Dahlenberg. Als Leiter einer Grundschule weiß er zudem um die sinkende Anzahl von Sportstunden an den Bremer Schulen. Also kann es zu „Defiziten im Körperbau“ kommen, wie Maik Stolzenberger vermutet. Da ein Zusammenhang besteht zwischen mangelnder Rumpfstabilität und der Verletzungsanfälligkeit, deutet sich also ein weiterer Faktor an. „Es fehlt zum Teil an der Disziplin, für die eigene Stabilität zu sorgen“, sagt Arambasic.

Die Lösung

Leicht zu lösen ist das Problem natürlich nicht. So betonen alle Trainer, dass sie im Rahmen der Trainingssteuerung für Ruhephasen sorgen, ihre Kicker also nicht per se überlastet sind. Ein Ansatz ergibt sich aus den vermeintlichen Defiziten der Kicker. „Wir sagen den Spielern ganz klar: Sie sollen im Studio nicht auf Masse trainieren, sondern auf Athletik – das ist nämlich ein Unterschied“, betont Maik Stolzenberger, der gerade seine Ausbildung zum Athletiktrainer absolviert. Es ist also durchaus möglich, dass die nicht gerade beliebten Stabilisationsübungen zukünftig eine noch größere Bedeutung in den Einheiten der Bremen-Ligisten erhalten.

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