Volleyball

Bremen, Türkei, Tokio

Am Freitag spielen die deutschen Volleyballerinnen in Bremen gegen Polen. Ein letzter EM-Test. Der Weg über Bremen, die EM bis zum Fernziel Olympia ist steinig - und für den Bundestrainer nicht konfliktfrei.
14.08.2019, 18:57
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Bremen, Türkei, Tokio
Von Olaf Dorow
Bremen, Türkei, Tokio

Am Freitag Bremen, bald Shanghai: Nationalspielerin Louisa Lippmann (Mitte), hier im olympischen Quali-Turnier gegen China, wechselt in die Liga des Olympiasiegers.

LI JUNDONG/dpa

Bremen. Bloß gut, dass sie noch mal in Bremen vorbeischauen. Sagt, zumindest sinngemäß, der Bundestrainer über sich und seine Spielerinnen aus der deutschen Volleyball-Nationalmannschaft. Sie wollen zeigen, dass sie besser sind, sagt, auch sinngemäß, Felix Koslowski. Wörtlich sagt er: „Holland tat richtig weh, das war nicht gut.“ Gemeint ist das Länderspiel vor ziemlich genau einem Jahr in der Bremer ÖVB-Arena gegen die Niederlande. Die Schmetterlinge, wie die deutschen Auswahlspielerinnen genannt werden, wurden, nun ja, abgeschmettert. Sie verloren glatt in drei Sätzen. Lediglich der zweite Satz hatte dabei vorübergehend etwas im Angebot, was Spannung hervorrief.

An diesem Freitag (18 Uhr) stellen sich die deutschen Damen erneut in der Bremer Arena vor. Sie treffen, wie bereits am Abend zuvor in Münster, auf die Auswahl Polens. Die ist zwar nicht wie das polnische Männerteam Weltmeister. Hat aber neulich fast den Weltmeister geschlagen und gilt in Bezug auf Deutschland als, sagen wir mal: ein Gegner mit ähnlicher Kragenweite.

Es im August 2019 in Bremen besser machen als im August 2018 gegen Holland – das wäre allerdings nur ein wenig von dem Licht, in dem dieses Länderspiel steht. Es ist, eine Woche vor Turnierbeginn, der letzte Test vor der Europameisterschaft. Welche wiederum einerseits natürlich ein sehr wichtiges Turnier ist, zumal es erstmals in vier Ländern ausgetragen und länger als zwei Wochen dauern wird. Im Vergleich zum Olympia-Turnier ist die EM andererseits: nicht mehr als ein sehr wichtiges Turnier. „Olympia ist das absolute Ziel“, sagt Koslowski. Man könne das jede Spielerin in Europa fragen: Wenn eine Fee sie vor die Wahl stellen würde, würde jede die Olympia-Qualifikation einer EM-Medaille vorziehen.

Die Erzählung vom Verhältnis zwischen EM und Olympia im Volleyball geht so: Man sagt (und auch Felix Koslowski sagt das), dass es schwerer ist, sich für Olympia zu qualifizieren, als eine EM-Medaille zu holen. Zu den Top-Nationen gehören China, USA und Brasilien. Und dann ganz viele Teams aus Europa. Für die zwölf olympischen Startplätze ist zunächst mal nur ein einziger für eine europäische Mannschaft reserviert. Ein paar weitere Tickets können über Interkontinental-Turniere dazukommen, aber eben nur ein paar. Viele Top-Team werden wieder nur zuschauen, wenn im Sommer 2020 in Tokio im Zeichen der Ringe gebaggert und gepritscht wird. Eine EM sei quasi schwerer als Olympia, sagt Koslowski, die Leistungsdichte sei einfach so hoch.

Die deutschen Damen hatten zuletzt 2004 den Sprung zu Olympia geschafft. Um es 2020 zu schaffen, bleibt noch die Chance eines zweiten Qualifikationsturniers im Januar. Der Austragungsort steht noch nicht fest. Wahrscheinlich werde es die Türkei sein, sagt Koslowski. Damit wäre dann auch schon mal etwas zur Schwere der Aufgabe gesagt. Die Türkei hat unlängst, im ersten Quali-Turnier für Tokio 2020, Deutschland besiegt – und hat nun wahrscheinlich Heimrecht fürs Januar-Turnier. Dort treten dann die sieben besten Team der Europa-Rangliste an, nur der Sieger darf nach Tokio. Italien, Russland und Serbien, und das wäre dann die wenigstens eine gute Nachricht aus deutscher Sicht, fehlen im Januar. Das Trio ist bereits für Tokio qualifiziert.

Wenn man so will, ist eine andere gute Nachricht, dass die deutsche Mannschaft noch eine recht junge ist. Sie besteht nicht mehrheitlich aus Spielerinnen, für die Tokio das letzte große Ziel darstellen dürfte, das sie erreichen wollen. Felix Koslowki sagt, er sei fest überzeugt, dass sich die deutsche Mannschaft für die Spiele 2024 qualifizieren werde.

Er spricht von Spielerinnen mit großem Potential und guter Perspektive. Von Spielerinnen, die gerade den Sprung in starke ausländische Mannschaften geschafft hätten. Louisa Lippmann geht nach Shanghai, Jennifer Geerties nach Italien, zu Imoco Volley Conegliano. „Dieser Prozess nimmt gerade Fahrt auf“, sagt Koslowski. Erfahrungen in starken ausländischen Ligen könnten das Niveau der nationalen Auswahl durchaus heben. 2013, als Deutschland letztmalig eine EM-Medaille ergatterte, seien am Ende sämtliche deutschen Nationalspielerinnen in nicht-deutschen Ligen unter Vertrag gewesen.

Wie lange Koslowski selbst diesen Prozess als Bundestrainer begleitet, ist nicht leicht zu beantworten, auch von ihm selbst nicht. Er ist gleichzeitig Bundestrainer und Vereinstrainer bei einem der besten deutschen Klubs. Beim SSC Palmberg Schwerin. Das birgt reichlich Konfliktstoff. Vorwürfe stehen im Raum, mal laut, mal leise formuliert, mal verschlüsselt, mal unverschlüsselt: Schweriner Spielerinnen würden für die Auswahl bevorzugt, beziehungsweise Auswahl-Spielerinnen würden bevorzugt nach Schwerin gelockt.

„Ich bewege mich permanent auf dünnem Eis“, sagt Koslowski. Ein falsches Wort von ihm würde reichen, um den Konflikt zu verschärfen. Eine „traurige Situation“ sei das. Sie sei nicht gut für die Liga, nicht gut für die Auswahl, nicht für ihn selbst, nicht für seine Familie. Im kommenden Jahr, zumindest das sei mit dem Verband besprochen, werde es eine Entscheidung geben: entweder nur Bundes- oder nur Vereinstrainer. Zumindest, falls er immer noch beide Optionen habe, werde er sich für eine entscheiden, sagt er.

Aber jetzt erstmal die Option EM und letzter EM-Test in Bremen. Der Bundestrainer gibt sich zuversichtlich, dass sein Team eine gute bis sehr gute EM spielen werde. Gut wäre, das Viertelfinale zu erreichen. Sehr, wirklich sehr sehr gut wäre, wenn es nach dem Viertelfinale noch weiterginge. Den Basis-Optimismus dafür kann sich die Mannschaft dann am Freitag in der ÖVB-Arena holen. Dort, wo sie es besser machen wollen als vor einem Jahr im August.

Info

Zur Sache

Im Zeichen des Jubiläums

Das Volleyball-Länderspiel der Frauen zwischen Deutschland und Polen in der ÖVB-Arena (Freitag, 18 Uhr) zählt zu den Veranstaltungen, mit denen der Bremer Volleyball-Verband (BVV) das 50. Jahr seiner Gründung begeht. „Wir wollten unbedingt ein Länderspiel“, sagt BVV-Präsident Lars Thiemann. Tickets (12,50 bis 25 Euro) gibt es im Pressehaus, unter nordwest-ticket.de, reservix.de oder ADticket.de.

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