Blumenthaler SV: Ein Pokal für Menschlichkeit Wie ein Togolese dank Ballack nach Bremen kam

Der Blumenthaler SV hat einem früheren Mitspieler aus Togo einen großen Traum erfüllt. Dafür wurde nicht nur Geld gesammelt. Auch Michael Ballack spielte bei dieser Geschichte eine wichtige Rolle...
10.11.2021, 11:00
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Wie ein Togolese dank Ballack nach Bremen kam
Von Jean-Julien Beer

Ohne Michael Ballack wäre der Fußballspieler Lila Akposso nicht in Blumenthal. Und ohne Michael Ballack müssten auch die älteren Damen und Herren im Seniorenheim „Doreafamilie“ in Bremen-Lesum auf den jungen Pfleger aus Togo verzichten, der sich so freundlich um sie kümmert. Dabei hat der junge Akposso den Weltstar Ballack nie persönlich getroffen. Nur im Fernsehen haben sie Ballack immer spielen sehen daheim in Togo, vor allem Lilas Bruder war ein großer Fan des damaligen Bayern-Kapitäns und deutschen Nationalspielers. „Made in Germany“, dieses Qualitätssiegel haben sie in der Familie geliebt, wegen Ballack und den Bayern. Alles aus Deutschland war besser und toll, da waren sie sich sicher, auch wenn keiner von ihnen jemals in diesem fernen Land war. Und als sich Lila eines Tages auf dem Gymnasium in Westafrika zwischen den Fremdsprachen Deutsch und Spanisch entscheiden musste, wählte er tatsächlich das viel schwierigere Deutsch. Wegen Ballack.

So fängt sie an, die Geschichte von Lila, wie man ihn in Blumenthal nennt. Mit ganzem Namen heißt der 28-Jährige N`yanvi-Hanssah Lilanouwolo Akposso, was deshalb interessant ist, weil auch dahinter eine Geschichte steckt: Sein Rufname heißt in der Übersetzung „An Gott glauben“, und Gott ist neben Ballack der zweite wichtige Grund, warum er nach Deutschland kam. Über die „Norddeutsche Mission“ war der gläubige junge Mann 2019 schon einmal nach Bremen gekommen, er verbrachte ein freiwilliges soziales Jahr in einem Kindergarten in Blumenthal. Weil Fußball seine Leidenschaft ist, spielte er in der zweiten Mannschaft des Blumenthaler SV in der Bezirksliga. Daheim in Togo war ein er Innenverteidiger, in der neuen Heimat setzte man ihn wegen seines enormen Tempos im Mittelfeld ein.

Doch dann kam Corona und veränderte alles, auch bei Lila. Eigentlich war er auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz in Bremen, wo es ihm gut gefiel, auch wenn es weit weg ist von Togo, mehr als 5000 Kilometer. Mit einem der letzten Flieger vor dem Lockdown verließ er Deutschland, bevor sein Visum ablief, und war erst einmal weg. „Nur in unserer Whatsapp-Gruppe ist er immer geblieben“, erzählt sein Mitspieler Mirko Vopalensky. Der Kontakt nach Blumenthal riss nicht ab, und irgendwie fehlte Lila allen sehr schnell: als Sportler und als Mensch.

In der Pandemie blieb lange unklar, ob der junge Mann von Togo seinen Traum verwirklichen könnte, einen Platz in der deutschen Arbeitswelt zu finden. Sein Glück, das zeigte sich schnell, hieß Blumenthaler SV. Es gibt viele soziale Projekte, die hier unterstützt werden, zum Beispiel auch ein Kinderhospiz. „Blumenthaler Jungs“ nennen sie sich gerne, und Vopalensky betont, „dass der Zusammenhalt bei uns immer an erster Stelle steht“. Das gilt auch, wenn ihnen einer bis nach Westafrika abhandenkommt.

Der junge Lila legte sich in Togo weiter ins Zeug, um es wieder nach Deutschland zu schaffen. Für das entsprechende Visum fehlte ihm nur noch ein Nachweis eines Deutsch-Sprachdiploms auf B1-Niveau. An sich nicht wirklich ein Problem, Lila hat sogar einen Bachelor in Germanistik – im Prinzip natürlich auch das nur wegen Ballack, auch wenn der womöglich gar nicht weiß, was das ist. Zwei Jahre unterrichtete Lila selbst Deutsch als Lehrer in Togo, er gab Anfängerkurse. Deutsch war also nicht sein Problem, sondern das Geld: Das B1-Zertifikat am Goethe-Institut in Togo kostete mehr als 100 Euro, eine unvorstellbare Summe für die sechsköpfige Familie, in der Lila mit drei Geschwistern lebte.

Also organisierte Vopalensky eine Spendensammlung innerhalb der zweiten Blumenthaler Herrenmannschaft. Später, als es um die Flugtickets nach Deutschland ging, beteiligten sich verschiedenste Mannschaften des Vereins. Der Vorsitzende Peter Moussalli betont: „Das zeichnet unseren Verein aus. Als klar war, dass dem Jungen in Togo nur noch das Geld fehlt, haben wir sofort gesagt: Daran wird es nicht scheitern.“ Außerdem gingen die Blumenthaler auf die Suche nach einem passenden Ausbildungsplatz, mit dem Lila auf dem deutschen Arbeitsmarkt Fuß fassen könnte. „Das war gar nicht so einfach“, erzählt Moussalli, „viele Firmen oder Sponsoren sagten zwar: Klar, schickt uns den Jungen mal zum Gespräch. Aber der war ja noch in Togo.“ Lilas feiner Charakter, sein Fließ und seine Freundlichkeit hatten jedoch die Runde gemacht, am Ende griff das Altenheim zu, wo Lila nun eine dreijährige Ausbildung macht.

Just am Tag der Deutschen Einheit kam er in Hamburg an und wurde von einer Delegation des Blumenthaler SV am Flughafen abgeholt, kurz vor Mitternacht. Am nächsten Morgen saß er schon in der Berufsschule. Pünktlich wie immer in seinem Leben. In Togo nervte ihn die Unpünktlichkeit vieler Leute. Beim Blumenthaler SV ist er nun einer der fittesten Spieler der Bezirksligamannschaft – und der pünktlichste. „Er hat sich direkt wieder super integriert“, freut sich Vopalensky, „wir haben ihn ins Herz geschlossen.“ Das war auch zu erwarten nach den ersten Erfahrungen: Als Lila im Winter 2019 zum ersten Mal Schnee erlebte, stellte er ein Foto von sich in die Gruppe, wie er mit nacktem Oberkörper am Boden liegend einen Schnee-Engel machte. Auf dem Freimarkt lernte er das Bayernzelt kennen und schätzen. Und seine Arbeit, die macht ihm auch Spaß.

Fußball spielt er in der Bezirksliga jetzt auf Kunstrasen statt auf afrikanischem Sand. „Einen Kunstrasen“, erzählt Lila lachend, „gibt es in Togo nur im Nationalstadion, wo die Nationalmannschaft spielt.“ Auf Blumenthals Mannschaftsfoto sitzt er nun stolz in der ersten Reihe. Er sei unheimlich dankbar, wie sehr ihm der Verein geholfen hat, „das ist wie eine Rettung für mich. Dank der Leute hier habe ich die Chance, mir ein neues Leben aufzubauen und meine Familie zu unterstützen. Ich werde auch selbst jedem helfen, wo ich nur kann.“ Aus Togo hat er deshalb sogar einen Pokal mitgebracht und der Mannschaft nach einem Derbysieg gegen Aumund-Vegesack in der Kabine mit einer emotionalen Rede überreicht: „Pokal für Menschlichkeit“, diese Worte hat er in Afrika eingravieren lassen.  

Seine Mutter sei stolz auf ihn, erzählt Lila, überhaupt ist die Familie aufgeregt, dass einer von ihnen im Land von Ballack lebt. „Du schaffst das“, habe seine Mutter ihm nachgerufen, „wenn du immer an Gott glaubst.“ Er ist nun dabei, es zu schaffen, und nebenbei ist er auch noch ein Leistungsträger der zweiten Herrenmannschaft in Blumenthal. Den längsten Namen der Bezirksliga hat er wohl auch. Dass ihn alle Lila nennen, ist im Alltag praktisch. Spannender ist aber der Nachname Akposso. „So heißt die Stadt, aus der ich komme und es ist der Name eines Dialektes“, sagt er, „ich komme also aus Akposso, ich spreche Akposso und ich bin Akposso.“ Er lacht herzhaft und sympathisch, als er diese Anekdote in bestem Deutsch erzählt. So viele Spiele von Ballack anzuschauen, war wohl die beste Idee, die seine Familie haben konnte.

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