Annullierung, Abbruch oder Fortsetzung?

Was wird aus der Fußball-Saison in Bremen?

Seit Anfang März ruht zwar der Ball, die Diskussionen aber mitnichten. Jetzt äußern sich Bremer Funktionäre zum Vorschlag des Niedersächsischen Fußballverbandes, die Saison ab September fortzusetzen.
21.04.2020, 06:00
Lesedauer: 5 Min
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Von Mario Nagel

Wann kann wieder Fußball gespielt werden? Diese Frage beschäftigt derzeit alle Fußballspieler und Fußballspielerinnen in Bremen und umzu. Welch große Unklarheit im Amateurfußball herrscht, zeigen etliche Diskussionen in den sozialen Medien. Seitdem der Ball ruht, wird viel über die künftigen Entscheidungen philosophiert: Wird die Saison annulliert, abgebrochen oder fortgesetzt? Und was passiert, wenn...? Während andere Sportarten bereits Fakten geschaffen und die jeweilige Saison abgebrochen haben, hängt der Fußball in der Luft. Der Bremer Fußball-Verband (BFV) will erst die weitere Entwicklung der Corona-Pandemie abwarten und setzte den Spielbetrieb deshalb bis auf Weiteres aus. In Niedersachsen sind sie da bereits einen Schritt weiter.

Der Niedersächsische Fußballverband (NFV) gab am Freitag bekannt, die Saison bis zum 31. August 2020 einzufrieren und ab dem 1. September 2020 fortsetzen zu wollen. „Es gibt nicht den Königsweg, aber dies ist wohl die sauberste und sportlich fairste Lösung für alle“, hatte Jürgen Stebani, Vorsitzender des NFV-Spielausschusses, gesagt. Der Vorschlag werde nun mit den Vereinen diskutiert, ehe es zu einer endgültigen Entscheidung kommt. Das Vorgehen des Niedersächsischen Fuß­ballverbandes sorgt bei den Bremer Kollegen jedoch für Unverständnis. „Wir streben für den norddeutschen Fußball eine einheitliche ­Lösung an. Das ist durch das Vorpreschen des NFV nicht mehr gegeben“, sagt Holger Franz, der Vizepräsident des Bremer Fußballverbandes, und fügt an: „Ich finde das sehr unglücklich.“

Auch in Bremen hat man sich Gedanken über den weiteren Verlauf der Saison gemacht. BFV-Präsident Björn Fecker sprach im Interview mit dem WESER-KURIER über mehrere Varianten. Die Unwahrscheinlichste sei eine Annullierung der Saison, die Fortsetzung sei dagegen wahrscheinlich. Der niedersächsische Vorschlag hat jetzt eine neue Diskussion innerhalb des Bremer Amateurfußballs losgetreten. Doch die wird vermutlich zu früh geführt. „Wir wollen eigentlich bis zum 4. Mai warten und schauen, was die Regierung bekannt gibt“, sagt Holger Franz. Der Bremer Fußball-Verband hatte erst am Donnerstag und Freitag in zwei Videokonferenzen mit seinen 78 Vereinen gesprochen und dabei alle Fragen aufgenommen. „Die werden jetzt aufgearbeitet. Ein Abbruch oder gar eine Annullierung der Saison waren aber kein Thema für die Vereine“, sagt der BFV-Vizepräsident.

Stattdessen soll die Saison fortgesetzt werden, sobald die Behörden dies zuließen. „Es kann aber auch passieren, dass wir im Kalenderjahr 2020 keinen Fußball mehr spielen können. Dann müssten wir bis 2021 weiterspielen“, sagt Holger Franz. Aus den Vereinen seien bislang keine Einwände gekommen. Fest steht aber: der kleinste Fußballverband in Deutschland kann keine individuelle Entscheidung treffen. Der BFV ist abhängig von den Entscheidungen in Niedersachsen, vor allem aber von denen des Norddeutschen Fußballverbandes und des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). „Die Vereine achten nur auf ihre eigenen Interessen, dabei geht es um eine bundesweite Entscheidung“, sagt Kristian Arambasic, Trainer des FC Oberneuland. Wenn die Saison in der dritten Liga und der Regionalliga Nord abgebrochen würde, könnte in Bremen nicht bis ins Jahr 2021 gespielt werden.

„Soll der FC Oberneuland dann die Saison in der Bremen-Liga zu Ende spielen und gleichzeitig in der Regionalliga antreten?“, fragt Andreas Ernst, Trainer des SV Werder Bremen III. Hier gäbe es für Arambasic nur eine Lösung: „Wenn in Bremen weitergespielt wird, die Regionalliga aber ihre Saison abbrechen und ab August neu starten würde, dann müssten wir aufsteigen und wären raus aus der Bremen-Liga.“ Der FC Oberneuland hat als einziger Bremen-Ligist für die Regionalliga Nord gemeldet. „Aber man merkt bei der Entscheidungsfindung, wie egoistisch wir sind. Jeder hat nur seine Interessen im Kopf“, sagt Arambasic. Er könne sich dagegen mit den beiden Varianten anfreunden, die derzeit am wahrscheinlichsten erscheinen.

Die Fußball-Saison 2019/20 könnte zu Ende gespielt werden, selbst wenn dafür das erste Halbjahr 2021 benötigt wird. Dann wären alle sportlichen Entscheidungen auf dem Platz gefallen, es gebe Auf- und Absteiger. Ob und wann es dann zu einer Saison 2020/21 kommt, ist jedoch unklar. Im zweiten Szenario würde die Saison abgebrochen werden, es gebe nur Auf-, aber keine Absteiger. Die Aufsteiger würden nach einem Quotienten (wie im Handball) oder nach der Hinrundentabelle ermittelt, die Ligen entsprechend aufgefüllt. Andreas Ernst spricht sich für diese Variante aus. „Ich habe viele junge Spieler, die beim Neustart der Saison im September gar nicht mehr in Bremen sind. Dann habe ich einen völlig anderen Kader, das wäre Wettbewerbsverzerrung.“

Auch Sascha Steinbusch, Trainer des Bezirksligisten 1. FC Burg, findet eine Fortsetzung der Saison schwierig. „Der NFV-­Vorschlag ist nicht tragbar. Man bräuchte Anfang September erstmal eine Vorbereitungsphase von mindestens vier Wochen, um die Jungs fit zu bekommen. Eine Annullierung wäre für uns der Super-Gau.“ Die Burger stehen zurzeit ungeschlagen und mit zwölf Punkten Vorsprung auf Platz zwei an der Tabellenspitze, wären somit also aufstiegsberechtigt. Das gilt auch für den KSV Vatan Sport als Tabellenzweiten der Landesliga Bremen. „Bei einem Abbruch würden wir aufsteigen, aber ich bin dafür, die Saison zu Ende zu spielen“, sagt Spielertrainer Necati Uluisik. Es gäbe nicht die eine Lösung, irgendeine Mannschaft würde immer leiden. Je länger die Pause andauere, desto unmotivierter würden die Spieler allerdings werden, glaubt Uluisik. „Eine schnelle Entscheidung ist deshalb am wichtigsten.“

Nantke Penner, Torhüterin des TuS Schwachhausen und Mitglied im BFV-Verbandsjugendausschuss, ist da zurückhaltender. „Wir müssen abwarten, was der Norddeutsche Fußballverband macht.“ Persönlich hofft sie darauf, dass die Saison regulär beendet wird. „Das wäre am fairsten“, sagt Penner, die mit ihrem Team um den Regionalliga-Aufstieg kämpft. Im Jugendbereich sei die Lage dagegen viel komplizierter. „Wie wird mit den Jahrgängen umgegangen, die in eine höhere Altersklasse kommen sollen?“, fragt Nantke Penner. Sie hat darauf ebenso keine Antwort wie Kristian Arambasic. „Wird die Saison fortgesetzt und die Spielzeit 2020/21 wird gestrichen, dann fehlt den Jugendspielern ein ganzes Jahr in ihrer Entwicklung.“ Der Trainer des FC Oberneuland sagt angesichts der Komplexität des Themas deshalb auch: „Ich bin froh, dass ich zwar philosophieren kann, die Entscheidungen aber nicht treffen muss.“

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Bremer SV und FC Oberneuland kicken auf der Playstation gegeneinander

An diesem Mittwoch wird mal wieder Fußball gespielt. Um 18.15 Uhr treffen sich der Bremer SV und der FC Oberneuland an der Playstation nämlich zum virtuellen Bremen-Liga-Spiel im In­ternet, zu sehen live auf Youtube. Es findet damit exakt zu jener Zeit statt, da auch die Nachholpartie über die Bühne gehen sollte, bevor der Spielbetrieb vor einigen Wochen ausgesetzt worden war. Das „TV-Highlight“, übertragen vom BSV-Latnight-Team, erfreut sich offenbar großer Beliebtheit. Am Wochenende waren bereits 300 Karten zu je drei Euro verkauft worden – obwohl diese natürlich keine Voraussetzung sind für den digitalen Genuss.

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