Interview zur Handball-WM

Handball-Verbandspräsidentin: „Der Sport muss doch sichtbar bleiben“

Start der Handball-WM: Für die Präsidentin Monika Wöhler war eine Absage des Turnier keine Option. Sie glaubt: „Das Turnier wird eine Werbung für den Sport“
12.01.2021, 21:04
Lesedauer: 4 Min
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Handball-Verbandspräsidentin: „Der Sport muss doch sichtbar bleiben“
Von Mathias Sonnenberg

Frau Wöhler, an diesem Mittwoch startet die Handball-Weltmeisterschaft in Ägypten. Ein guter Tag für Sie?

Monika Wöhler: Aber auf jeden Fall, so ein Turnier hat ja immer noch einen anderen Stellenwert als die Bundesliga oder Champions League, die wir ja zuletzt auch im Fernsehen verfolgt haben.

Der Handball hat im Januar traditionell die große Chance, sich mit einer EM oder WM einem breiten Publikum zu zeigen und für seinen Sport zu werben.

Und ich finde es gut, dass wir jetzt wieder Werbung betreiben dürfen. Natürlich gibt es diese Diskussionen, ob das sinnvoll ist oder nicht. Aber darüber wollen Sie ja bestimmt mit mir sprechen.

Genau. Fördert eine WM in Ägypten in Zeiten von Corona das Image vom Handball?

Das glaube ich, es wird für den Sport allgemein und für den Handball speziell eine Werbung. Alle Spiele werden im Fernsehen oder Internet live gezeigt. Und ich habe von vielen Menschen gehört, dass sie sich auf die WM freuen.

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Es gibt Kritiker, die sagen, dass solch ein Turnier in Pandemiezeiten nicht angebracht ist.

Natürlich, aber ich weiß auch, dass der Internationale Handball-Verband ein sehr, sehr gutes Hygienekonzept erarbeitet hat und dabei sehr viel vom Konzept des Deutschen Handball-Verbandes übernommen hat. Natürlich gibt es immer ein Risiko, aber das hat auch der THW Kiel gehabt, als er in der Champions League durch Europa gereist ist. Oder die Mannschaften, die in der Bundesliga gegeneinander gespielt haben. Für die Spieler wird es in Ägypten keine leichte Zeit, die dürfen ja nicht mal zum Bummel in die Stadt.

Aber sie dürfen ihren Sport ausüben. Daran gibt es ja grundsätzlich Kritik von vielen Seiten. Als der WESER-KURIER vor vier Wochen ein Foto druckte, das Werder-Trainer Florian Kohfeldt in enger Umarmung mit einem seiner Spieler zeigte, gab es viele ­Leserbriefe. Einer schrieb: Ich darf seit Monaten meinen 89-jährigen Vater nicht mal sehen, aber die Sportler umarmen sich in aller Öffentlichkeit.

Diese Diskussion kenne und verstehe ich ja auch. Aber wenn wir den Kritikern folgen würden, dürften wir ja überhaupt keinen Sport mehr ausüben, dann ginge gar nichts mehr. Die Auswirkungen mag ich mir wirklich nicht vorstellen. Wenn der Sport generell nicht mehr möglich ist, wie sollen dann die Strukturen aufrechterhalten bleiben? Wie viele Sponsoren würden sich dann abwenden? Der Gesellschaft würde ein riesiges Stück verloren gehen, die Folgen wären nicht absehbar.

So argumentieren andere Bereiche des öffentlichen Lebens aber auch.

Ich weiß, und ich habe den Neustart des Profi-­Fußballs im Mai letzten Jahres auch erst kritisch gesehen. Aber was wäre denn gewesen, wenn es nicht weitergegangen wäre? Hätte der Fußball das überlebt? Ich bin froh, dass der Sport-Betrieb, wenn auch nur in den Profi-Bereichen, weiterläuft. Der Sport muss doch sichtbar bleiben, das ist vielen Menschen sehr wichtig.

Gibt es Menschen in Ihrem Umfeld, die von der Handball-WM nichts halten?

Ja, die gibt es immer. Ich frage mich als Handballerin ja auch, ob da wirklich mit 32 Mannschaften gespielt werden muss. Aber das entscheiden wir ja nicht. Für mich wäre es auch der falsche Weg gewesen zu sagen, dass wir dann nicht an der WM teilnehmen.

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Vier Spieler aus dem WM-Kader haben erklärt, dass sie lieber bei ihren Familien bleiben, als in Ägypten um Punkte und Medaillen zu kämpfen.

Ich finde es legitim, dass es da unterschiedliche Meinungen gibt. Und ich will mir da kein Urteil erlauben, weil ich die familiären, privaten oder beruflichen Verhältnisse nicht im Detail kenne. Wir haben das zu akzeptieren. Ich gehe davon aus, dass es wohlüberlegte Entscheidungen waren. Dass sind ja Spieler, die schon längere Zeit in der Nationalmannschaft spielen, und ich denke nicht, dass ihnen die Nationalmannschaft egal ist.

Aber man muss auch sagen, dass sie in dieser Saison durchaus schon international unterwegs waren, zum Beispiel in der Champions League.

Ja, aber sie waren nicht vier Wochen von Zuhause weg, mitten im Lockdown, wie jetzt bei der WM. Vielleicht ist das ausschlaggebend. Ich habe Verständnis, wenn ein Spieler nicht zur WM reist. Und ich halte nichts davon, wenn man jetzt noch darüber diskutiert. Die Entscheidung ist getroffen und meiner Meinung nach zu akzeptieren – fertig! Jetzt muss es um die Spieler gehen, die dabei sind. Und ich habe den Eindruck, dass die Mannschaft gut funktioniert und einen echten Spirit besitzt.

Ärger gab es auch um mögliche Zuschauer in den Hallen.

Das ist ja zum Glück geklärt, ich finde es in Ordnung, dass jetzt ohne Zuschauer gespielt wird. In der Bundesliga wird auch vor leeren Rängen gespielt. Der Präsident des Handballweltverbandes ist der Ägypter Hassan Moustafa, er wollte in seinem Land Zuschauer durchdrücken für das Turnier. Und ich finde es gut, dass der Verband sich den Spielern der Teilnehmer-Mannschaften gefügt hat. Das nimmt aus den Diskussionen sehr viel Emotionen raus. Ich glaube, dass sich alle jetzt besser fühlen.

Diese WM wird anders alle anderen: Die Fans müssen Zuhause alleine auf dem Sofa sitzen, es wird keine Diskussionen über die Spiele bei den Trainingseinheiten geben oder im Vereinsheim. Verläuft die WM emotional im Sande?

Die Emotionen können nicht so stattfinden wie bei anderen Turnieren. Das fängt ja schon damit an, dass niemand als Fan nach Ägypten reisen kann. Aber es gibt ja so viele digitale Möglichkeiten, sich über die Spiele auszutauschen, da wird schon eine gewisse Begeisterung entstehen. Aber das hängt natürlich auch davon ab, wie gut sich die Mannschaft präsentiert.

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Wie war zuletzt die Mitgliederbewegung im Handball, haben Sie da schon neue Zahlen?

Nein, das noch nicht. Es gab gefühlt schon einige Austritte, aber das waren in erster Linie ältere Mitglieder. Oder eben ganz junge Mitglieder, die im Herbst eingetreten sind, aber nie am Training oder Spiel teilnehmen konnten, weil das nicht erlaubt war. Grundsätzlich stellen sich ja zwei Fragen für den Sport: Treten Menschen aus, weil sie in den letzten Monaten bemerkt haben, dass es auch ohne Bewegung im Verein geht? Oder bleiben sie dabei, weil sie sich so darauf freuen, endlich wieder andere Menschen zu treffen, gemeinsam zu trainieren, Erlebnisse zu teilen, Wettkämpfe zu haben? Ich hoffe sehr, dass Letzteres eintrifft.

Zurück zur WM: Wo wird die deutsche Mannschaft bei der WM landen?

Unser Vizepräsident Bob Hanning möchte, dass die Mannschaft zumindest ins Viertelfinale kommt. Dem schließe ich mich an. Und dann schauen wir mal weiter.

Das Gespräch führte Mathias Sonnenberg.

Info

Zur Person

Monika Wöhler ist seit 2006 Präsidentin des Bremer Handballverbandes und sitzt damit auch im Präsidium des Deutschen Handballbund (DHB). Die Bremerin engagiert sich besonders für die Nachwuchsarbeit und erhielt für ihre Tätigkeit die Silberne Ehrennadel des DHB.

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