Nach einem Jahr beim THW Kiel

Handball-Talent entscheidet sich für mehr Freizeit

Fynn Schröder gilt als einer der talentiertesten Nachwuchs-Handballer aus Bremen. Nach einer Saison als dritter Torwart beim Bundesligisten THW Kiel entscheidet sich der 23-Jährige, kürzer zu treten.
26.06.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Handball-Talent entscheidet sich für mehr Freizeit
Von Patricia Friedek
Handball-Talent entscheidet sich für mehr Freizeit

Fynn Schröder hat sich gegen die Handball-Bundesliga und für mehr Freizeit entschieden. Nach einem Jahr beim THW Kiel, das gleich mit dem Gewinn der deutschen Meisterschaft endete, geht der Bremer jetzt ein paar Schritte zurück und wird künftig in der Oberliga die Bälle halten.

Uwe Paesler

Mit dem Lieblingssport ist das oft so eine Sache. Er erfordert Hingabe, Leidenschaft, Willen und vor allem eines: Zeit. Erst recht, wenn es darum geht, ein Talent zu fördern. Irgendwann legt sich der Nebel des Hobby-­Sports dann über das restliche Privatleben, über die Ausbildung oder sogar über die Wahl des Wohnorts, wird schnell zu mehr als einem Hobby. So zumindest war es bei Fynn Schröder, Nachwuchs-Handball-Torwart aus Bremen.

Vier Minuten Handball-Bundesliga

Bei aller Liebe zum Sport kann aber auch die Sehnsucht nach etwas Neuem und Aufregendem aufkommen. Bei Fynn Schröder ist es das Fernweh. Nach einer Saison im Bundesliga-Kader des THW Kiel hat der 23-Jährige beschlossen, eine Pause vom Handball einzulegen. „Die Zeit beim THW hat sich wahnsinnig gelohnt“, sagt Fynn Schröder. Zwei Mal die Woche habe er dort mittrainiert, zusätzlich spielte er in der U 23 in Kiel. „Die Jungs in der Bundesliga-Mannschaft waren immer sehr nett, ich hatte nicht das Gefühl, als dritter Torwart exkludiert zu sein“, erzählt der 23-Jährige, obwohl er nicht bei jedem Training dabei gewesen sei. Einmal habe er sogar einen Einsatz im Spiel gehabt: „Das waren nur vier Minuten und ich war so aufgeregt, dass ich keinen Ball gehalten habe. Das war etwas ganz anderes, vor 10.000 Zuschauern zu spielen.“

Für andere Profisportler mag dieser Punkt der sein, an dem sie kurz vor ihrem Ziel stehen. An dem das Du-hast-es-geschafft zum Greifen nah ist. Aber Fynn Schröder hat die Saison im Bundesliga-Kader des THW gezeigt, was er nicht möchte. Die Öffentlichkeit, die Autogramme. Fans, die Fotos machen wollen. „Das war nichts für mich.“ Zudem kommt, dass er weiß, wie schwer es ist, den letzten Absprung als Torwart in einer Bundesligamannschaft zu schaffen. Mit Niklas Landin und Dario Quenstedt als zweite und dritte Torhüter stünden absolute Weltklasse-Torhüter im Tor, sagt Mutter Anja Schröder.

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Im März fiel für Schröder die Entscheidung, dass er beim THW Kiel aufhören möchte. Es sei ihm nicht leicht gefallen, aber das Fernweh und der Wunsch nach mehr Freizeit überwogen. „Ich werde mit dem Verein immer viel verbinden.“ Auch der Verein habe seinen Abgang sehr bedauert, berichtet Anja Schröder. Trotzdem, sagt ihr Sohn, hätte er die Saison noch gerne zu Ende gespielt und sich eine richtige Meisterfeier zum Abschied gewünscht. Durch die Corona-Pandemie fand sie nur im kleinen Kreis statt, der THW Kiel wurde zum Meister bestimmt und erspielte sich den Titel nicht mehr selbst.

Fynn Schröder sagt von sich selbst, dass er in der Handball-Halle aufgewachsen ist. Seine Eltern Anja und Matthias Schröder sind in Bremer Handballkreisen bekannt, die Mutter spielte beim TSV Hastedt, dem heutigen HC Bremen, und beim TuS Walle, der Vater war Zweitliga-Torwart beim TV Grambke. Auch seine beiden Brüder spielten Handball. „Wir kannten nicht viel anderes“, sagt Fynn Schröder. Auch wenn er immer mal wieder andere Sportarten probierte, es war der Handball, der ihn am meisten faszinierte. Mit 16 Jahren dann das Angebot vom THW Kiel: Jugendtrainer Pitti Petersen fragte ihn, ob er nicht dort in der A-Jugend Bundesliga spielen möchte. Für den Teenager bedeutete das, alles in seinem damaligen Wohnort Oyten stehen zu lassen und nach Kiel zu ziehen, in eine WG mit einem Mannschaftskollegen. Zur Saison 2019/2020 kam die Anfrage aus dem Bundesliga-Team, ob er als dritter Torwart einsteigen wolle.

Ein Jahr in der finnischen ersten Liga

Zuvor hatte Schröder bei einem weiteren Kieler Verein gespielt und war zwischendurch für ein Auslandssemester in Finnland. Auch dort konnte er nicht ganz die Finger vom Handball lassen und spielte in der ersten Liga. Als er zurück war, legte er wieder richtig los. „Ich habe mit den Athletik-Trainern sehr viel gemacht, die waren wirklich gut“, erzählt Schröder. Das habe ihm geholfen, um wieder auf ein gutes Fitness-Level zu kommen. Mit seinen 1,85 Metern ist Schröder für einen Torwart recht klein, deshalb habe er viel Sprungkraft und Schnelligkeit trainiert.

Trainer Petersen und dessen Frau hatten ihn auf seinem Weg in die erste Mannschaft sehr geholfen. „Es lief nicht immer alles gut. Wir waren sehr unordentlich“, erzählt Schröder von seiner Zeit in der Wohngemeinschaft. Doch am Ende haben sowohl er als auch sein WG-Partner erfolgreich das Abitur bestanden. „Das war uns das Wichtigste. Wäre das nicht so gut gelaufen, hätten wir irgendwann die Reißleine gezogen“, sagt Anja Schröder.

Nun möchte sich der 23-Jährige Sozioökonomie-Student mehr auf andere Dinge konzentrieren. Die Bachelorarbeit schreibe er gerade. Nebenher baue er seinen Bully um, damit möchte er dann losziehen, wenn die Abschlussarbeit fertig ist. Wohin, weiß er noch nicht so genau, aber seine Gastfamilie in Finnland möchte er auf jeden Fall besuchen. Und der Handball? Fynn Schröder sagt: „Bis ich mit dem Bully losfahre, werde ich beim TSV Kronshagen in der Oberliga spielen. So ganz ohne Handball ging es dann doch nicht.“

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Zur Sache

Hallensportarten mit 70 Millionen Euro Umsatzverlust

Frank Bohrmann beziffert als Vizepräsident der Vereinigung der Sportsponsoring-Anbieter (VSA) den Umsatzverlust für die drei Hallensportarten Handball, Basketball und Eishockey in der abgelaufenen Saison durch die Corona-Krise auf 70 Millionen Euro. „Der künftige Schaden lässt sich nur schwer beziffern. Der wird davon abhängen, wann wir den regulären Spielbetrieb wieder aufnehmen dürfen“, sagte Bohmann dem Magazin „Horizont“. Der Geschäftsführer der Handball-Bundesliga wies auf die Gefahr hin, „dass es im kommenden Jahr zu Insolvenzen kommen kann“. Jeder Club sei in einer absoluten Krisensituation. Im Handball und im Eishockey war die Saison nach Ausbruch der Pandemie abgebrochen worden. Im Basketball wird derzeit beim Turnier in München der Meister ohne Zuschauer ausgespielt.

Die nächste Handball-Saison soll am 1. Oktober und dann auch möglichst wieder vor Zuschauern starten. „Endlich wieder Handball. Nun können die Trainer und Spieler planen und auf einen festen Termin hinarbeiten“, schrieb Berlins Sportvorstand Stefan Kretzschmar auf Twitter. Flensburgs Geschäftsführer Dierk Schmäschke freute sich, „nun wieder ein Ziel vor Augen“ zu haben. Stuttgarts Trainer Jürgen Schweikardt sprach von einer „absolut richtigen Entscheidung“. Sollte es tatsächlich beim 1. Oktober bleiben, dürften die meisten Teams wohl spätestens im August wieder mit dem Mannschaftstraining beginnen. Da es wegen des Saison-Abbruchs nur zwei Aufsteiger gab, erwartet die 20 Clubs ein eng getaktetes Programm.

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