Hohe Nichtschwimmer-Quote

Bremer Schwimm-Gipfel fordert neues Konzept fürs Schwimmen-Lernen

Kinder, die nicht schwimmen können: Der Ist-Zustand ist so schlecht wie das Vorhaben groß, das zu ändern. Auf einem kleinen Bremer Schwimm-Gipfel geht es um eine große Herausforderung.
31.07.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Bremer Schwimm-Gipfel fordert neues Konzept fürs Schwimmen-Lernen
Von Olaf Dorow
Bremer Schwimm-Gipfel fordert neues Konzept fürs Schwimmen-Lernen

Neue Herausforderungen, neue Wege zur besseren Schwimmbefähigung: Stephan Oldag vom Bremer Schwimm-Verband, Martina Baden von der Bremer Bäder GmbH, Martin Reincke von der DLRG (von links).

Christina Kuhaupt

Das Problem ist groß, die Ursachen sind vielfältig, die Problemlösung eine komplexe Sache. So unbefriedigend der Zustand, so groß die Absicht, daran etwas zu ändern – diesen Eindruck versuchen sie vehement zu vermitteln, wenn sie zusammenkommen, die Spitzen der Bremer Bäder GmbH, des Landesschwimmverbandes und der DLRG. Es geht darum, dass Kinder sicher schwimmen können, die Nichtschwimmer-Quote ist hoch, viel zu hoch. Um sie nach unten zu drücken, müsse sich eine Menge ändern, sagen die Spitzenvertreter..

Es müsse dabei nicht nur ein gemeinsames Ziel, sondern auch ein gemeinsames Vorgehen geben. Das ist schon oft bezweifelt worden, vor allem aus den Bremer Vereinen heraus. Harald Wolf, seit Jahren in verschiedenen Funktionen im Schwimm-Metier unterwegs, hatte zuletzt im WESER-KURIER die Bremer Bäder als Monopolist bezeichnet, der die Vereine an den Rand dränge. So schlecht wie noch nie sei es in Bremen. Ungefähr jeder zweite Grundschüler kann nicht sicher schwimmen.

Gute Zusammenarbeit mit Rettungsgesellschaft

Nach vorne schauen, nicht nach hinten, dieser Geist soll nun aber, bei allem unterschiedlichem Rollenverständnis der handelnden Parteien, gelebt werden. Stephan Oldag, Chef des Schwimm-Verbandes, Martina Baden, Geschäftsführerin der Bremer Bäder und DLRG-Präsident Martin Reincke wollen diesen Geist vorleben. „Ich lasse nicht mehr zu“. sagt Oldag entschlossen, „dass Bremer Bäder der Prügelknabe ist.“ Es sei ein Klischee, dass man mit der städtischen Gesellschaft, die die Bäder betreibt, nicht zusammenarbeiten könne, sagt Reincke. Mit dem Schwimm-Verband arbeite die Rettungs-Gesellschaft sowieso gut zusammen, was im Übrigen nur in wenigen anderen Bundesländern so prima klappe wie in Bremen.

Damit es (endlich) besser klappt mit der Schwimmbefähigung, sind zuletzt etliche Maßnahmen beschlossen worden. Aktuell läuft das vom Senat geförderte Ferienprojekt, in dem bis zur zweiten Augusthälfte im Unibad 1000 von insgesamt 1400 Kindern es geschafft haben sollen, ein Schwimmabzeichen abzulegen. Die Betreuer des Projekts: Angestellte der Bäder, Ehrenamtliche aus Vereinen und DLRG. Vom Schuljahr 2021/2022 an sollen nicht nur die dritten, sondern auch die zweiten Klassen der Grundschulen wöchentlichen Schwimmunterricht erhalten, das jeweilige Zeitfenster dafür soll von 30 auf 45 Minuten angehoben werden.

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Die, wenn man es so nennen will, Werbung soll ausgeweitet werden. In Kitas, auf den Elternabenden, in den Arztpraxen, die die frühkindliche Untersuchungen vornehmen – überall sollen Pflöcke eingeschlagen werden. „Überall dort, wo Kinder sind, wollen wir rein.“ sagt Martina Baden. Ein Bewusstsein soll geschaffen werden für ein Thema, das nach Auffassung der Beteiligten zu wenig Aufmerksamkeit erhält und mit begrenzten Mitteln auskommen muss. Schwimmen können, das hat etwas Existenzielles, es ist jedenfalls nichts, von dem man neudeutsch sagen würde: nice to have.

„Die Sensibilisierung der Eltern ist dabei das Wichtigste“, sagt Reincke. Baden und Oldag sagen ähnliche Sätze. Es würde auch nichts gegen die so genannten Tobetage sprechen, sagt die Bäder-Chefin. Mit denen sollen die Kinder, vereinfacht gesagt, auf spielerische Art an das Element Wasser herangeführt werden. Tobetage müssten aber eingebettet sein in ein entsprechendes Gesamtkonzept, argumentiert Baden. Man müsse erst mal an die Eltern rankommen. Von Stadtteil zu Stadtteil sei das sehr unterschiedlich. Unterscheide sich vor allem der zu betreibende Aufwand sehr.

Zeit für das Schwimmen nutzen

Stephan Oldag weist auf den Aspekt namens Ganztagsschulen hin. Mehr Wasserflächen für die Vereine an den Nachmittagen zu bekommen, das sei halt nur die eine Seite der Angelegenheit. Oft ergebe sich für Kinder durch die Ganztagskonzepte aber erst am Abend die Chance, ins Becken zu gehen. Effekt: Dann seien sie oft zu kaputt, zu quenglig, zu wenig lernbereit. „Mein Appell wäre: Öffnet Euch dafür, die Zeit zwischen Mittag und Schul-Ende auch fürs Schwimmen zu nutzen“, sagt der Schwimm-Präsident.

Je länger geredet wird auf diesem kleinen Bremer Schwimm-Gipfel, desto größer erscheint die Herausforderung. Dass es primär daran liegt, dass Bremen zu wenig Bäder und sowieso zu wenig Geld hat, taugt nicht als Antwort mit Achselzucken. Nicht mal die Vermutung passt, dass Schwimmen aus der Mode gekommen zu sein scheint. 2019 hätten Bremens Schwimmvereine an Mitgliedern um fünf Prozent zugelegt, sagt Oldag. Dass so viele Kinder nicht schwimmen können, hat wohl eher ein ganzes Bündel an Ursachen und lässt sich sogar in allgemeine Trends einbetten. Stichwort: Bewegungsarmut.

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Vor zehn Jahren, sagt Martina Baden, sei das so gewesen: Ein Jahrgang von Drittklässlern habe am Anfang eine Nichtschwimmer-Quote von 50 Prozent gehabt. Mal abgesehen davon, dass die viel zu hoch ist und seit Langem gepredigt wird, dass die Eltern ihre Kinder früher ans Wasser gewöhnen sollten, sank dieses Quote dann bis zum Ende des Schuljahres auf circa zehn Prozent. Heutzutage würde das Vorher-Nachher-Verhältnis deutlich schlechter aussehen. Vorher: 50 Prozent Nichtschwimmer. Hinterher: immer noch 30 bis 40 Prozent. Früher: viele Abzeichen. Heute: „Sind wir oft froh, wenn ein Seepferdchen rauskommt“, sagt Baden.

Corona und die daraus folgende Bäderschließung für mehrere Monate brachte die Systeme in diesem Jahr erst recht an seine Grenzen. Die Freibäder konnten erst im Juni, die Hallenbäder erst im Juli wieder geöffnet werden. „Wir haben ein Vierteljahr verloren“, sagt Stephan Oldag. Anmerkung Martin Reincke: „In diesem Zeitraum haben wir sonst die meisten Schwimmkurse.“

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