Swim Open in Stockholm Bremer Schwimmer bricht 27 Jahre alten deutschen Rekord

Der Bremer Schwimmer Florian Wellbrock brach bei den Swim Open in Stockholm einen 27 Jahre alten deutschen Rekord und stellte damit eine neue Weltjahresbestleistung auf.
21.04.2018, 20:04
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Bremer Schwimmer bricht 27 Jahre alten deutschen Rekord
Von Frank Büter

800 Meter hat Florian Wellbrock auf seiner Paradestrecke bereits absolviert. Bisher läuft für ihn alles nach Plan bei diesen Swim Open in Stockholm. Wellbrock liegt gleichauf an der Spitze mit dem Ukrainer Mychajlo Romantschuk, dem Silbermedaillengewinner über 1500 Meter Freistil bei der WM 2017 in Budapest. Florian Wellbrock horcht in sich hinein.

Der Körper sendet ein klares Signal: Ich habe noch die Power. Und tatsächlich besitzt der gebürtige Bremer noch ganz viel Energie. Wellbrock steigert das Tempo, setzt sich nach 1000 Metern ab von dem Ukrainer, an den er sich eigentlich nur dranhängen wollte, um selbst eine neue persönliche Bestleistung zu schwimmen.

Was dann passiert, jagt dem 20-Jährigen immer noch eine Gänsehaut über den Rücken. Wellbrock explodiert. Seine Arme pflügen durchs Wasser. Kraftvoll und unwiderstehlich. Bahn für Bahn zieht er auf und davon – und schlägt nach exakt 14:40,69 Minuten an. Beim Blick zur Anzeigetafel erstarrt seine Miene. Wellbrock kann es nicht glauben, „ich dachte, da stimmt etwas nicht“.

Neue Weltjahresbestleistung

Dann aber sieht er seinen Trainer Bernd Berkhahn – „der hat am Beckenrand schon Party gemacht“, schildert Florian Wellbrock. Und damit wird auch ihm klar: Die Zeit stimmt! Wellbrock hat soeben nicht nur persönliche Bestleistung geschwommen (vorher 14:55,04), sondern gleichzeitig den 27 Jahre alten deutschen Rekord über diese Freistildistanz geknackt (14:50,36) und damit überdies eine neue Weltjahresbestleistung aufgestellt.

„Mein Freude war riesengroß. Und ich bin auch jetzt noch ganz aus dem Häuschen“, sagt Florian Wellbrock einige Tage später. Diese Leistungsexplosion in Stockholm, wo er zwei Tage zuvor auch noch persönliche Bestzeit über 400 Meter (3:47,17) geschwommen war und zwei Tage nach den Fünfzehnhundert zudem noch über 800 Meter in Weltjahresbestzeit von 7:46,85 Minuten einen weiteren deutschen Rekord aufgestellt hatte, diese Leistungsexplosion, sie war für ihn wie eine Befreiung. Er selbst nennt es „eine Genugtuung“.

Knapp zwei Jahre lang war der Bremer, der im Sommer 2014 von der Sportbetonten Schule an der Ronzelenstraße ins Sportinternat des SC Magdeburg an den Bundesstützpunkt gewechselt ist, seiner persönlichen Bestzeit hinterhergekrault. Mit großen Hoffnungen war Wellbrock als damals 18-Jähriger zu den Olympischen Spielen nach Rio de Janeiro geflogen – „und dort bin ich dann kläglich gescheitert“, sagt Florian Wellbrock heute.

"Einiges richtig gemacht"

Fast 30 Sekunden blieb er im August 2016 über seiner damaligen Bestzeit, lange hat dieser Misserfolg an ihm genagt. „Es hat wehgetan“, sagt Wellbrock. Und weil auch in der Zeit danach die Erfolge ausblieben und er nicht einmal mehr unter 15 Minuten blieb, habe sich Unzufriedenheit aufgebaut. Bis jetzt. Bis zu diesen Swim Open in Stockholm, wo er die deutsche Rekordmarke regelrecht pulverisiert und sich eindrucksvoll in der Weltspitze zurückgemeldet hat.

„Das zeigt mir, dass ich doch einiges richtig gemacht habe“, sagt Florian Wellbrock. Angefangen beim Trainingsplan, der jährlich auch drei, vier Höhentrainingslager in der Sierra Nevada (Spanien) vorsieht. Montags bis freitags zieht Wellbrock, der in Magdeburg zurzeit eine Ausbildung zum Immobilienkaufmann absolviert (2. Lehrjahr), vor und nach der Arbeit seine Bahnen.

Und wenn keine Wettkampfwochenenden anstehen, legt er oft noch am Sonnabend eine Einheit ein. Wellbrock ist diszipliniert und nach wie vor ehrgeizig. Als 16-Jähriger nach Magdeburg zu wechseln, „es war die richtige Entscheidung zur richtigen Zeit“.

Auch nervlich stärker geworden

Wellbrock lobt das Vereinsumfeld, die Trainingsbedingungen und die starken Trainingspartner. Er erzählt zudem von einem sehr guten Verhältnis zu seinem Trainer Berkhahn, der ihn pusht, der ihm aber „auch mal in den Arsch tritt – denn das brauche ich ab und zu“.

Wellbrock ist in seiner Magdeburger Zeit gereift. Und er hat dazugelernt. Eine Enttäuschung wie in Rio, die ihn als Päckchen auf dem Rücken lange begleitet hat, wird ihn nun nicht mehr aus der Bahn werfen, davon ist er überzeugt. Zudem ist er auch nervlich stärker geworden und wird sich nicht mehr blenden lassen von guten Vorleistungen.

„Eigentlich bin ich auch dankbar für diese Erfahrung von Rio, so schmerzhaft es auch gewesen ist“, sagt Florian Wellbrock. „Denn jetzt bin ich vorbereitet auf das, was noch kommt.“ Und es soll noch einiges kommen – schließlich steht der Bremer mit 20 immer noch am Beginn seiner Karriere, die er auch in Zukunft von Magdeburg aus gestalten möchte. Sein großes Ziel sind die Olympischen Spiele 2020 in Tokio.

Kein Widerspruch

Diesem Ziel ordnet er schon jetzt vieles unter. So konzentriert er sich derzeit voll auf das Beckenschwimmen – obwohl der amtierende Deutsche Meister und WM-Fünfte 2015 über fünf Kilometer auch als Freiwasserschwimmer national wie international gute Perspektiven hätte. „Ich sehe bei mir aber momentan noch Steigerungsraten über 800 und 1500 Meter und möchte meine Geschwindigkeit dort noch ausbauen“, sagt Wellbrock.

Erst, wenn seine Leistung über seine Paradestrecke, also über die 1500 Meter, mal stagnieren sollte, dann würde er den Fokus auf die Zehn-Kilometer-Freiwasser-Distanz legen. Im Sommer 2019 wird er seine Ausbildung beenden. „Dann habe ich Ruhe und kann mich auf Japan vorbereiten“, sagt Wellbrock.

Und fügt mit Blick auf Tokio hinzu: „Wenn ich dort die Chance auf einen Beckenstart habe, dann sollte ich sie auch wahrnehmen.“ Widerspruch wird der aktuelle Weltjahresbeste dafür wohl kaum ernten: Schließlich könnte eine Zeit um 14:40 Minuten in einem olympischen Finallauf sogar für eine Medaille reichen.

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