LSB-Präsident Vroom kritisiert Profisportler

„Die Umarmungen sind das falsche Signal“

Andreas Vroom, Präsident des Landessportbundes Bremen, hat das Verhalten vieler Profi-Sportler während der Corona-Pandemie kritisiert. Vor allem die Umarmungen gefallen ihm gar nicht.
20.01.2021, 21:23
Lesedauer: 5 Min
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„Die Umarmungen sind das falsche Signal“
Von Mathias Sonnenberg

Herr Vroom, was denken Sie als Vertreter des Breitensports, wenn Sie die Fußballer in den Stadien kicken sehen, während Sportplätze und Turnhallen geschlossen bleiben?

Andreas Vroom: Da ich ja jetzt auch die Handballer und die Skisportler fliegen, fahren, laufen und schießen sehe, gewinnt Sport im Fernsehen etwas an Normalität. Aber ich denke noch immer, wenn ich die Umarmungs- oder Begrüßungsszenen sehe: Hach, das ist jetzt das falsche Signal zum Thema Abstand.

Aber Profi-Sportler werden ja permanent getestet und berühren sich ja auch im Spiel. Da kann man sich doch auch nach dem Abpfiff abklatschen oder umarmen.

Das sagt mein Kopf, klar, die Spieler sind ja auch in ihrer Blase. Aber für mich ist es das Signal, das da gesendet wird, auch an junge Leute. Dort beobachte ich, dass sich noch immer abgeklatscht wird. Aber das darf derzeit nicht die Normalität sein. Die Vorbildfunktion vom Sport wird hier nicht erfüllt. Und ich wünsche mir, dass dann auch mal der Kopf eingeschaltet wird, bei allen Emotionen im Sport.

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Der Breitensport befindet sich seit zehn Monaten mal mehr, mal weniger im Lockdown. Können Sie die Folgen schon absehen?

Wir haben eine Abfrage bei den Bremer Sportvereinen gestartet, um mögliche Folgen in politische Forderungen aufzunehmen. Die bisherigen Antworten sind sehr differenziert. Wir haben in einigen Vereinen deutliche Rückgänge von Mitgliedern, es gibt aber auch Zuwächse, gerade für den Outdoorbereich. In der Breite ist der Lockdown für den Sport und die Bewegung in den meisten Fällen natürlich schädlich. Es gibt Menschen, die durch Corona und den Folgen weniger Geld verdienen und nicht bereit oder in der Lage sind Mitgliedsbeiträge für die Sportvereine zu zahlen, in denen Sport derzeit nicht möglich ist. Dort beginnt die Struktur zu wanken.

Was ist denn die größte Sorge?

Das ist weiterhin der Mitgliederschwund. Austritte und Wechsel sind normal, aber uns fehlen massiv die Neueintritte.

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Im ersten Lockdown gab es viel Kreativität, um den Sport weiter anbieten zu können. Hat die mit der Zeit jetzt nachgelassen?

Die Angebote gibt es weiterhin und haben sich normalisiert, aber es ist auch ein bisschen Drive raus. Durch das Fahren auf Sicht durch die Politik fallen Entscheidungen im Zwei-Wochen-Rhythmus. Niemand weiß, wie lange das jetzt noch anhält, um viel Energie in alternative Angebote zu stecken. Im ersten Lockdown war schnell klar: Das kann jetzt mehrere Monate dauern. Aber man muss auch sagen, dass im Kinderbereich mit Online-Angeboten nicht viel zu machen ist.

Welche Wünsche haben Sie konkret an die Politik?

Das ist nicht so einfach, denn natürlich geht auch im Sport die Sicherheit vor, die Sorge um die Gesundheit. Aber wir haben im Sport super Hygienekonzepte erarbeitet, um wieder ins Training zu kommen. Deshalb auch mein Appell, so früh wie möglich den Sport wieder zu erlauben. Unsere Sorge ist groß, dass die Defizite bei Bewegung und im sozialen Bereich so unendlich groß werden. Wenn ein zweijähriges Kind ein Jahr keine Bewegung im normalen Maße hat, ist das schon ein halbes Leben und beeinträchtigt massiv die gesamte Entwicklung. Und wenn ein Senior nicht in unsere Reha- und Bewegungsangebote kommen darf, kommt er unter Umständen auch nie wieder auf die Beine. Die Motivation, sich in einer Sport-Gruppe zu bewegen, ist so groß und wichtig. Es geht ja auch um den Spaß und die Fachanleitung der Trainer.

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Wird es Vereine geben, die durch Mitgliederschwund nicht mehr alleine funktionieren können?

Das versuchen wir gerade herauszufinden. Ob es finanzieller Brücken bedarf, damit die Strukturen nicht kaputtgehen. Wenn es Motivationsthemen bei der Vereinsführung oder den Mitgliedern sind, wird es Lösungen geben, das hat der Sport schon immer geschafft. Wir wollen ja auch nicht immer bettelnd die Hand ausstrecken. Aber wenn das Modell Sportverein nach Corona nicht mehr funktioniert, dann hat die Gesellschaft ein Problem.

Wie meinen Sie das?

Dann müsste man überlegen, wie man die Gesellschaft in Bewegung bringt. Das wäre eine politische Grundsatzfrage: Wie können wir eine nicht mehr funktionierende Sport-­Landschaft gesellschaftspolitisch auffangen? Deshalb sage ich der Politik ja immer, dass sie es nicht hoch genug wertschätzen kann, was der Sport an Eigenorganisation leistet. Wenn man auf den organisierten Sport umrechnen müsste, was zum Beispiel in Bürgerhäuser und Sozialeinrichtungen investiert wird, wäre das unbezahlbar. Kommerzielle Sportanbieter können nur kleine Segmente abdecken und sind in der Regel auch deutlich teurer.

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Was kann die Politik außer finanzieller Unterstützung dem Sport noch bieten?

Wir brauchen drei Dinge: Sportstätten, Trainer und Trainerinnen und willige Vereinsmitglieder. Sportstätten sind heute mehr eine Wiese oder ein Barren in einer Gaststätte. Die Sportstätten sind in der Regel nicht von den Vereinen und seinen Mitgliedern finanzierbar, sieht man mal von der ein oder anderen Tennis- oder Golfanlage ab, die aber dann auch ein besonderes Klientel haben. Aber wenn Vereine bei einem so hohen Armutsanteil wie im Land Bremen die Turnhalle selbst finanzieren müssen, kann das Kinderturnen nicht stattfinden. Hier geht es nicht ohne finanzielle Unterstützung. Das Zweite sind Trainer, Trainerinnen und Übungsleiter: Wie viel Zeit, Kraft und Ehrenamt bringe ich selbst ein? Davon lebt der Breitensport. Das war noch nie ein Selbstläufer, aber im Moment ist es in diesem Bereich sehr kritisch.

Das bedeutet was für Sie?

Wir hoffen, dass einige Menschen nach dem Lockdown sagen: Ich will wieder was Sinnvolles machen und als Übungsleiter zur Verfügung stehen. Aber wir müssen diese Leute ja auch ausbilden, da wünsche ich mir mehr finanzielle Unterstützung von der Politik. Die Ausbildung ist nicht billig und kostet Zeit. Ich wünsche mir, dass Übungsleiter dafür nichts zahlen müssen. Das würde die Motivation erhöhen, sich in Sportvereinen einzubringen.

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Der Bremer Senat hat für die Sportvereine einen Millionen-Fonds für Soforthilfe eingerichtet. Wie wird der genutzt?

Ich lobe ausdrücklich das schnelle und unbürokratische Maßnahmenpaket. Meines Wissens sind 2020 von der eine Million Euro rund 700.000 Euro abgerufen worden, der Rest geht in dieses Jahr und wird sogar noch aufgestockt. Vereine können in 2021 maximal 12.000 statt 10.000 Euro in 2020 als Hilfe beantragen. Wenn es um eine drohende Insolvenz geht, können sogar bis zu 25.000 Euro beantragt werden. Für Großvereine sind 12.000 Euro nicht viel Geld, für kleine Vereine aber mitunter eine riesige Summe. Wir wollen mal schauen, ob wir in Einzelfällen das Geld anders verteilen müssen. Aber da war die Politik bislang ein guter Partner.

Noch einen Blick in die Glaskugel: Wird es im Sommer die Olympischen Spiele geben?

Ja, das glaube ich, weil der finanzielle und teilkommerzielle Aufbau des Spitzen- und Leistungssports gar keine andere Wahl zulässt. Das treibt ja auch die Fußball-Bundesliga oder die Handballer mit ihrer WM in Ägypten an. Das Zahlenräderwerk würde ohne diese Veranstaltungen komplett zusammenbrechen und große Strukturprobleme mit sich bringen. Deshalb wird man alles daransetzen, dass die Spiele in Tokio stattfinden.

Das Gespräch führte Mathias Sonnenberg.

Info

Zur Person

Andreas Vroom ist seit November 2014 Präsident des Landessportbundes Bremen
und Vorsitzender des TuS Komet Arsten. Er arbeitet als selbstständiger ­Kaufmann in der Schiffsbranche.

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