Bremer Karateka im Interview

„Karate beginnt und endet mit Respekt“

Im Interview spricht Tobias Nickel, Vize-Präsident des Bremer Karate-Verbandes, über seine Sportart, die 2021 in Tokio erstmals bei den Olympischen Spielen debütiert und die Grundlagen des Karate.
03.01.2021, 05:00
Lesedauer: 7 Min
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„Karate beginnt und endet mit Respekt“
Von Mario Nagel
„Karate beginnt und endet mit Respekt“

Karateka Tobias Nickel.

Frank Thomas Koch
Was ist das Besondere an Karate?

Tobias Nickel: Definitiv die Vielseitigkeit. Karate ist für jeden geeignet, vom Dreijährigen bis ins hohe Alter. Es gibt gerade in Japan viele über 80-Jährige, die noch aktiv sind.

Auch in Wettkämpfen?

Die meisten sicherlich nicht, aber es geht beim Karate nicht primär um den Wettkampf mit einer zweiten Person oder einem Gegner. Das steht eher im Hintergrund. Es geht eher um den Kampf mit sich selbst, darum, sich zu verbessern und weiterzuentwickeln.

Welche Rolle spielen dabei die verschiedenfarbigen Gürtel?

Die Graduierung ist eine Art Belohnung, aber die Karateka (Begriff für Karatekämpfer, Anm. d. Red.) machen den Sport nicht deshalb. Den nächsten Gürtel zu erreichen hat ein bisschen was davon, in die nächsthöhere Klasse zu kommen. Mit jeder Stufe, die ein Karateka erreicht, steht er auch in der Reihe weiter vorne.

Damit sprechen Sie die Begrüßung und die Verabschiedung vor einem Training an. Dabei gibt es eine regelrechte Zeremonie – was hat es damit auf sich?

Die traditionelle Begrüßung und Verabschiedung erfolgen nach einem vorgegebenen Ablauf. Der Meister und seine Schüler stehen sich gegenüber, die Schüler stellen sich dabei in einer Reihe auf, die nach dem Grad ihrer Gürtel geordnet ist. Die Karateka mit schwarzem Gürtel stehen am Anfang, mit weißem Gürtel am Ende. Auf den Knien sitzend folgen eine kurze Meditation und japanische Kommandos zur Begrüßung.

Das klingt sehr umfangreich. Wie lange dauert es, bis man diese Abläufe erlernt hat?

Von der ersten Stunde an werden Karateka mit der traditionellen Begrüßung und Verabschiedung konfrontiert. Und wenn man selbst nicht ganz am Anfang der Reihe steht oder sitzt, müssen selbst keine Kommandos zum Sensei (Begriff für Trainer, Anm. d. Red.) geäußert werden. Insofern ist das Ritual nicht besonders schwierig zu erlernen. Einige Menschen haben allerdings Probleme damit, ihren Geist während der Meditation von den alltäglichen Gedanken zu befreien.

Gibt es denn eine Strafe, wenn einem mal ein Fehler im Training unterläuft?

Heutzutage nicht mehr, nein. Zumindest in Deutschland. In einigen japanischen Dojos (Sporthalle, Anm. d. Red.) kann es aber sein, dass ein Karateka zum Beispiel nicht mehr am Training teilnehmen darf, wenn er zu spät kommt. Physische Strafen gibt es aber auch hier nicht. Insgesamt ist die Sportart schon lockerer geworden. Vieles ist zwar noch sehr traditionell, aber Karate hat sich auf jeden Fall weiterentwickelt.

Sie haben vorhin gesagt, dass Karate vor allem der Kampf mit sich selbst ist. Wie lässt sich daher das Ziel der Sportart beschreiben, wenn sie nicht auf den Wettkampf ausgerichtet ist wie zum Beispiel beim Fußball, wo es immer das Ziel ist, ein Tor mehr zu schießen als der Gegner?

Beim Karate geht es in erster Linie darum, sich selbst zu perfektionieren und an sich zu arbeiten. Es gibt 20 Grundregeln, die das beschreiben. In einer geht es zum Beispiel darum, den Geist zu befreien. Weg vom Alltag zu kommen, sich da selbst rauszuziehen. Deshalb wird im Begrüßungsritual auch kurz meditiert, damit der Übergang ins Training leichter ist.

Welche Grundregeln gibt es noch?

Eine der wichtigsten Regeln ist sicherlich, dass Karate mit Respekt beginnt und endet. Daneben gibt es auch Regeln, die verdeutlichen, dass der Wettkampf nicht der primäre Fokus ist: „Karate üben heißt, es ein Leben lang zu tun“ oder „Denke nicht an das Gewinnen, doch denke darüber nach, wie man nicht verliert“.

Welche Rolle spielt der Selbstverteidigungsgedanke?

Der spielt mit Sicherheit eine große Rolle. Viele fangen deshalb mit Karate an, damit man sich selbst verteidigen kann. Das war bei mir auch so. Aber Karate spielt mittlerweile auch im Gesundheitssport eine Rolle, denn der DOSB (Deutscher Olympischer Sportbund, Anm. d. Red.) hat Gesundheitskarate mit dem Siegel „Sport Pro Gesundheit“ zertifiziert.

Wie lange dauert es denn, bis ich so gut im Karate bin, dass ich mich auf der Straße bei einem Angriff erfolgreich wehren kann?

Das lässt sich pauschal nicht sagen. Es kommt auch darauf an, ob der Angriff mit oder ohne Waffen erfolgt. Wenn jemand zum Beispiel mit einem Messer bedroht wird, sollen auch Karateka nicht darauf eingehen, sondern die Situation lieber entschärfen. Es gibt zwar im Training Elemente, wie man bestimmten Angriffen ausweicht. Aber eine genaue Dauer, bis wann man für möglichst viele Angriffssituationen bereit ist, gibt es nicht.

Neben dem Selbstverteidigungsgedanken, dem Gesundheitskarate und der Arbeit an sich selbst gibt es auch Karateka, die dem Wettkampfsport nachgehen.

Ja, aber das sind nur wenige. Die persönliche Weiterentwicklung und Selbstfindung haben eine viel größere Bedeutung, als den Gegner zu schlagen. Der DOSB hat etwa 150 000 Mitglieder, die in Karate-Vereinen organisiert sind. Knapp fünf Prozent davon betreiben Karate als Wettkampfsport. Karate wird auch aus sportlichen Gründen betrieben, weil es mit Koordination, Schnellkraft und Athletik den ganzen Körper trainiert.

In Tokio 2021 wird Karate erstmals olympisch sein, also im Ursprungsland der Sportart. Welche Bedeutung hat das für die Karateka in Deutschland, aber vor allem für die Japaner?

In Japan ist Karate ein Volkssport, daher hat es dort eine enorme Bedeutung. Dort wie auch hier betreiben aber viele Karate nicht als Wettkampfsport, sodass es durchaus einige Aktive gibt, die nicht dahinter stehen, dass es nun olympisch wird. Die Mehrheit, mich eingeschlossen, hält das aber für richtig und längst überfällig.

Warum?

Diese Sportart verdient es, olympisch zu sein. Für einen Leistungssportler gibt es nichts Größeres, als bei den Olympischen Spielen zu starten. Und natürlich geht es auch um die finanziellen Förderungen. Bevor Karate olympisch wurde, gab es vom Bremer Sportamt genau null Euro für den Bremer Karate-Verband. Jetzt wird Karate finanziell gefördert, in Bremen steht für olympische Sportarten ein Topf von knapp 100 000 Euro für die Nachwuchsleistungssportförderung zur Verfügung. Aus diesem erhält der Bremer Karate-Verband 6000 Euro, 2020 waren es erstmals 12 700 Euro.

Bei allem Respekt, aber so richtig viel Geld ist das aber auch nicht...

Wenn man sich das Jahresbudget des Verbandes anschaut, ist es aber mehr als nur der Tropfen auf dem heißen Stein. Die Förderung hilft uns, auch, um Nachwuchs für die Sportart zu begeistern und entsprechend zu entwickeln.

Mit Blick auf die Olympischen Spiele 2021 liegt der Verdacht trotzdem nahe, dass Japan als Mutterland des Karate eine Medaillenflut erwarten kann, oder?

Das ist bestimmt nicht ausgeschlossen. Alleine schon deshalb, weil Japan als Ausrichter in jeder der acht Kategorien automatisch einen der zehn Startplätze erhält. Alle anderen Länder müssen in unzähligen Turnieren Punkte sammeln, um sich so ihren Platz zu erkämpfen.

Gibt es trotzdem einen oder sogar mehrere Deutsche, die sich etwas ausrechnen dürfen?

Im Schwergewicht (84 Kilo plus, Anm. d. Red.) stellt Deutschland mit Jonathan Horne den amtierenden Weltmeister. Hier gibt es also berechtigte Hoffnungen auf eine Medaille. Auch bei den Frauen konnte Jana Bitsch in der Gewichtsklasse bis 55 Kilo bei der Karate-WM 2018 die Silbermedaille gewinnen. Trotzdem müssen sich auch die beiden erst mal für Olympia qualifizieren.

Ist die Qualifikation noch nicht abgeschlossen?

Nein, durch die Pandemie ist sie noch nicht beendet. Es gibt noch zwei ausstehende Turniere. Viele Karateka hoffen natürlich, dass sie noch durchgeführt werden können. Es gilt, sehr viele Punkte auf den entsprechenden Turnieren zu holen. Je mehr Turniere es gibt, desto größer sind natürlich die Chancen, Punkte zu sammeln. Dass es mindestens ein deutscher Karateka nach Tokio schafft, ist für mich aber realistisch. Wenn die Qualifikation wegen der Pandemie nicht abgeschlossen werden kann, gilt der aktuelle Stand. Danach wäre Jonathan Horne für Olympia qualifiziert.

Auch sie selbst wollten im Rahmen ihrer Weltreise 2020 eigentlich nach Tokio reisen, um sich die Olympischen Spiele vor Ort anzuschauen. Wegen der Pandemie mussten sie ihr Vorhaben schon im März abbrechen, wollten den zweiten Teil der Reise aber nachholen. Wie ist mittlerweile der Stand?

Es steht und fällt natürlich alles mit der Corona-Impfung. Es ist nicht absehbar, wann die Allgemeinbevölkerung in Deutschland geimpft sein wird, daher ist es derzeit noch unklar, wann wir die Weltreise fortsetzen können. Die Hoffnung ist aber, 2021 wieder starten zu können.

Und Ihr Besuch in Tokio?

Auch der hängt davon ab, ob die Olympischen Spiele mit Zuschauern durchgeführt werden und wie weit Deutschland und Japan mit den Impfungen sind. Wenn es die Situation hergibt, werden meine Freundin und ich aber auf jeden Fall nach Tokio fliegen. Wenn mein Sport zum ersten Mal olympisch wird – das kann ich mir nicht nehmen lassen.

Das Gespräch führte Mario Nagel.

Info

Zur Person

Tobias Nickel (42)

betreibt seit 1990 Karate und wurde mit 16 Jahren zum jüngsten Abteilungsleiter bei Tura Bremen. Er war ein Teil der Organisationsteams für die Karate-Europameisterschaft 2003 und für die Karate-
Weltmeisterschaft 2014 in Bremen.
Seit 2015 ist er als Vize-Präsident für den Bremer Karate-Verband tätig. Nickel
studierte Sportmanagement und arbeitet als Projektmanager in einer Software-
Firma. Er ist mit Janina Köneke liiert.

Info

Zur Sache

Kampfkunst aus Japan

Karate ist ein Kampfsport, dessen Ursprünge bis etwa 500 Jahre n. Chr. zurückreichen. Chinesische Mönche, die keine Waffen tragen durften, entwickelten aus gymnastischen Übungen im Lauf der Zeit eine spezielle Kampfkunst zur Selbstverteidigung. Diese Kampfkunst galt auch als Weg der Selbstfindung und Selbsterfahrung. Als Sport ist Karate relativ jung: Erst Anfang dieses Jahrhunderts entstand in Japan aus der traditionellen Kampfkunst ein Kampfsport mit eigenem Regelwerk.

In den 1950er Jahren kam Karate schließlich nach Europa: Im Jahr 1954 gründete zunächst der Franzose Henry Plee in Paris das erste Trainingszentrum, 1957 gründete Jürgen Seydel dann den ersten Karateverein in Deutschland. Der Deutsche Karate-Verband wurde 1976 gegründet und hat heute mehr als 150 000 Mitglieder. Im Bremer Karate-Verband wurden für das Jahr 2018 rund 1850 Mitglieder in 26 Vereinen gemeldet.

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