Kea Kühnel hat sich qualifiziert Bremerin nimmt an den Olympischen Winterspielen teil

Kea Kühnel aus Bremerhaven hat sich für die Olympischen Winterspiele qualifiziert. Die 26-Jährige durfte nachrücken, weil andere Länder ihre Startplätze nicht ausnutzten.
25.01.2018, 10:41
Lesedauer: 4 Min
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Von Olaf Dorow

Die Nacht war kurz. Der Jetlag.– Kea Kühnel ist gerade vom Wettkampf aus Kalifornien zurück, neun Stunden Zeitunterschied bringen den Rhythmus ordentlich durcheinander. Es gab da aber noch einen zweiten Grund, warum sie in der Nacht zu Donnerstag erst morgens gegen 4 Uhr einschlafen konnte. Es kreiste ihr wieder diese eine Frage durch den Kopf: Bin ich bei Olympia dabei oder nicht?

Die Antwort war lange: Jein. Zwar hatte die 26-jährige Slopestylerin aus Bremerhaven kurz vor Weihnachten mit einem fünften Weltcup-Platz das Kriterium des deutschen Verbandes erfüllt, übererfüllt sogar. Aber nicht das Kriterium des Weltverbandes FIS. Der hatte für die ersten 24 Athletinnen der Weltcup-Liste einen Startplatz in Pyeongchang vorgesehen. Kühnel: Rang 26. Es fehlten 19 Punkte. Sie konnte nur darauf hoffen, dass noch etwas passiert. Eine Absage, ein Ausfall. Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) hatte die Bremerhavenerin am Dienstag nur unter Vorbehalt nominiert, als Kann-Starterin sozusagen.

Das Kann kann gestrichen werden. Es ist noch etwas passiert. Als Kea Kühnel am Donnerstagmorgen, nach vier Stunden Schlaf, wieder auf die Liste der FIS schaute, hatte sie einen sogenannten Quotenplatz erhalten. Einige Länder wie Kanada oder die Schweiz hatten ihre Kontingente nicht ausgeschöpft oder überschritten. Sie bekam den einen deutschen Platz. Wenig später gab der DOSB bekannt: Das deutsche Olympia-Aufgebot für Pyeongchang ist gewachsen. Ist von 153 auf 154 Sportler gestiegen. Kea Kühnel vom SC Bremerhaven ist auch dabei.

„Es war wirklich eine Achterbahnfahrt“

Die sagt: „Ich kann das noch gar nicht fassen. Ich habe immer noch ein mulmiges Gefühl.“ Sie könnte das zwar immer wieder vor sich hinsprechen, dass sie jetzt eine Olympia-Starterin ist. Begreifen? Kann sie es trotzdem noch nicht. Der Jetlag. Das Auf und Ab der Emotionen. „Es war wirklich eine Achterbahnfahrt“, sagt sie.

Achterbahn ist ein gutes Stichwort: Irgendwie ist die Freestyle-Disziplin Slope­style ja auch wie eine Achterbahnfahrt. Halsbrecherisch sieht es aus, wenn die Athleten die Piste heruntersausen, wenn sie von Schanzen abheben, sogenannten Kickern. Durch die Luft wirbeln und wundersam auf zwei Skiern landen. Wenn sie sich auf Geländern oder Röhren halten, sogenannten Rails. Kea Kühnels Vater Holger stockt da oft der Atem, wenn er im Livestream zuschaut. Und wenn er seine Tochter dann anruft, erzählt er, dann ist seine erste Frage zumeist: „Bist du heile?“

Holger Kühnel ist seit anderthalb Jahrzehnten der Präsident des – mit rund 4600 Mitgliedern erstaunlich großen – Bremer Ski-Verbandes. Und er ist natürlich nicht ganz unschuldig an der Ski-Karriere seiner Tochter. Die Flachland-Familie Kühnel mit den drei Kindern Sönke, Kea und Nele zog es schon immer in die Berge. Die Kinder konnten kaum laufen, als sie auch schon auf Skiern laufen konnten. Tochter Kea, die auch turnte, wurde andauernd Bremer Meisterin in den alpinen Wettbewerben.

Die Karriere kam zu ihr

Dass eine Bremer Alpin-Meisterin es bis zu Olympischen Spielen schafft, ist dennoch eine außergewöhnliche Geschichte. Kea Kühnel, ausgestattet mit ordentlich Bewegungstalent und Abenteuerlust, hat nie ganz auf eine Sportkarriere gesetzt. Die Karriere kam eher zu ihr. Sie verbrachte die elfte Klasse als Austausch-Schülerin in Taiwan, nach dem Abi zog es sie immer wieder nach China, wo sie diverse Praktika absolvierte. Fürs Bachelor-Studium wählte sie schließlich das Fach „Internationales BWL“ – ein Chinesisch-Studium in München schloss sich an. Beim eher privaten Freestylen wurde sie vor rund zweieinhalb Jahren von einem Scout des Deutschen Ski-Verbandes entdeckt.

Schon bald war sie Deutsche Slopestyle-Meisterin. An ihrer noch jungen Sportart schätzt sie vor allem: die Freiheit, die sie ihr lässt. „Jeder hat hier seine Art und Weise, wie er die Tricks ausführt“, sagt sie, „die Pisten sind immer anders. Jeder muss sein Trick-Repertoire irgendwie auf die Piste bringen. Es ist wohl mehr ein Lebensgefühl als eine Sache, mit der sich das große Geld verdienen lässt. Das gibt es eher in Amerika. Daheim ist die Finanzierung durch Preisgelder, eigene Sponsoren und ein wenig Sporthilfe vergleichsweise mühselig. Kea Kühnel, mit 26 im für eine Slopestylerin schon quasi gehobenen Alter, weiß noch nicht, ob sie nach Olympia weitermacht. Wahrscheinlich aber schon. Zumindest so lange, so lange sie studiert.

Aber wer weiß, welchen Kick Olympia auslöst? Über die mögliche Platzierung im olympischen Schnee will die junge Frau von der Nordseeküste nicht nachdenken, nicht jetzt. Sie fliegt am 11. Februar nach Südkorea, wegen der schmalen Kapazitäten im olympischen Dorf leider erst zwei Tage nach der Eröffnungsfeier für die Spiele. Am 17. Februar ist sie dran, und dann will sie eine gute Performance abliefern. Der Rang? Da gibt es erst mal weder Plan noch Ziel. Man sollte es nicht überhöhen, aber man kann Kea Kühnel schon als ein Beispiel dafür darstellen, dass das olympische Motto noch lebendig ist: Dabeisein ist alles.

Und dann ist da noch etwas, das stolz macht. Sehr stolz. Zwar gab es vor 20 Jahren den Bremerhavener Eishockey-Spieler Reemt Pyka, der damals für die Krefeld Pinguins antrat und für Olympia nominiert wurde. Aber gab es je eine Sportlerin aus dem Land Bremen, die für Olympische Winterspiele berufen wurde? Holger Kühnel, der langjährige Ski-Präsident, wüsste da niemanden. Außer seiner Tochter.

(Diese Meldung wurde um 21.30 Uhr aktualisiert.)

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