Die Bundesliga-Kolumne Mutiger und unkonventioneller Fußball der Bremer

In der Bundesliga-Kolumne beschreibt Lou Richter die aktuelle Situation der Bremer, die Chancen auf den Klassenerhalt und gibt einen kurzen Ausblick auf das bevorstehende Spiel gegen Dortmund.
18.08.2022, 18:00
Lesedauer: 2 Min
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Von WK

Es bleibt alles anders. Genauso wie in der letzten Saison ist Werder wieder Favorit – nur diesmal nicht auf den Aufstieg, sondern auf den Abstieg. Wegen des Fernbleibens vom erstklassigen Gala-Büfett in der letzten Spielzeit bekommen die Bremer am zweitwenigsten aus der Verteilung der TV-Gelder; nur Bochum erhält weniger, Werder ist also Vorletzter. Daraus folgt ein Umstand, den auch Trainer Ole Werner gerne mal dezent erwähnt: Werders Kader hat den zweitgeringsten Marktwert aller Teams, nur Bochums Truppe wird mit noch weniger Gold aufgewogen. Werder ist schon wieder Vorletzter. Kein Geld macht ja alleine noch nicht unglücklich, aber fehlende Wertschätzung schmerzt zusätzlich. In einer repräsentativen Umfrage unter 5560 Fußballfans erfragte das Portal „bundesliga-barometer.de“, wie die Abschlusstabelle dieser Saison wohl aussehen mag. Man ahnt es schon: Bayern triumphiert sensationell vor Dortmund, Bochum steigt vorschriftsmäßig als Letzter ab. Und Werder? Ahn mal: Vorletzter!

Werder hat wegen Covid und Abstieg scheinbar nur vorletzte Möglichkeiten. Da ist sie wieder, die alte Geschichte von dem Mann, der seine Brille verloren hat und sie nicht wiederfindet, weil – er halt seine Brille verloren hat. Diese konventionelle Zwangsläufigkeit akzeptieren nur die Mutlosen, Matten, Maroden. Aber Werder trat an den ersten beiden Spieltagen mutig und vor allem unkonventionell auf. Neulich in Wolfsburg: Füllkrug, Stoßstürmer altdeutscher Bauart, brilliert mit einem sensiblen Schlenzer in der Manier eines genialen Zehners, sodass Johan Micoud im fernen Cannes ein Phantomkribbeln durchzuckte. Bittencourt, ein Zehner nicht nur auf dem Trikot, schädelt im Kontrast dazu höchst mittelstürmerisch ein. Unkonventionell, weil vor einem Jahr undenkbar, trägt Werders Kapitänsbinde ein Mann, der sich im vergangenen Sommer noch wegstreiken wollte und jetzt seinen Bremer Friedl gefunden hat. Konventionell spielen Aufsteiger gegen den Abstieg, Werder sollte unkonventionell diesem vermeintlichen Schicksal entgehen.

Wenn der „Video Assistant Referee“ (VAR) nicht dazwischenfunkt! Exakt fünf Jahre nach dessen Einführung muss sich die deutsche Schiri-Zunft fragen lassen: was habt ihr bei „Assistant“ nicht verstanden? Aus dem Kölner Keller heraus sollen sie zuarbeiten, nicht den Obermacker spielen! Eingreifen bei klaren Fehlentscheidungen, ansonsten ist Schweigen Gold. Als gebürtiger Richter fühle ich mich der Gerechtigkeit verpflichtet, was exakt den Auftrag an den VAR ausmacht. Fußball im obersten Regal ist tatsächlich gerechter geworden. Nur - die Kellerpfeife nervt weiter. Die Diskussionen flammen wieder auf: wie wär´s mit der „Challenge“, die in US-Ligen dazugehört wie Labberbrötchen zum Fleischklops? Ein Trainer hat demnach das Recht, strittige Entscheidungen per Video überprüfen zu lassen. Ich vermute, die Coaches sind schon gechallenged genug. Ole Werner steht morgen in Dortmund vor einer besonderen Herausforderung: er ist der einzige Trainer in Werders Geschichte, der in der Bundesliga ungeschlagen ist. Naja, gewonnen hat er auch noch nicht. Ich hätte nichts dagegen, wenn beim Vize-Meister beide Serien halten würden. 2:2 scheint ja gerade modern zu sein.

Zur Person

Lou Richter
wurde durch die Moderation der Sat.1-Sport-Sendung „Ran“ bekannt. Im wöchentlichen Wechsel mit Jörg Wontorra, Christian Stoll und Oliver Reck schreibt er in unserer Zeitung, was ihm im Fußball-Geschehen aufgefallen ist.

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