Serie Übung und Meister

„Sex-Appeal gehört auch dazu“

Die gebürtige Kubanerin Laine Quesada Abreu bringt Bremerinnen und Bremern seit 1993 das Tanzen bei. Neben lateinamerikanischen Tänzen und afrokubanischen unterrichtet sie auch Burlesque.
25.04.2021, 05:00
Lesedauer: 5 Min
Zur Merkliste
„Sex-Appeal gehört auch dazu“
Von Maurice Arndt
„Sex-Appeal gehört auch dazu“

Burlesque-Tänzerin Laine Quesada Abreu.

Christina Kuhaupt

Frau Quesada Abreu, geht es beim Burlesque tanzen eigentlich nur um Sex-Appeal?

Laine Quesada Abreu: Es stimmt, mit Burlesque wird gerne Erotik verbunden, weil es nicht normal war, dass Frauen sich freizügig zeigen, als der Tanz Anfang des 20. Jahrhunderts entstand. Klar, Sex-Appeal gehört dazu und einige Bewegungen sind dem Striptease oder Poledance entlehnt. Es gibt aber auch viele sportliche Aspekte. Bewegungen vom Burlesque können etwa auch beim Ballett tanzen helfen.

Was fasziniert Sie persönlich an Burlesque?

Generell mag ich Showtänze. Speziell Burlesque ist ein Tanz, der mich aus meiner Komfortzone holt. Der Tanz gibt der Frau eine Präsenz und man fühlt sich besonders. Außerdem lernt man seinen Körper kennen und lernt ihm zu vertrauen durch die Bewegung.

Hat das Tanzen eine große Bedeutung für Sie?

Si! Vor allem dieses Gefühl, das mir das Burlesque-Tanzen gibt, ein Star zu sein. Das braucht man einfach ab und zu im Leben.

Wie sind Sie zum Tanzen gekommen?

Das war eines Tages nach dem Schulunterricht. Zu der Zeit lebte ich noch auf Kuba. Als ich nach Hause kam, tanzten andere Mädchen auf der Straße und ich habe gefragt, ob ich mitmachen darf. In Kuba ist es ganz normal, auf der Straße zu tanzen. In meiner Jugendzeit gab es kaum Fernsehen, kaum Spielzeuge: Also haben wir uns viel bewegt und getanzt. Neue Freunde hat man beim Tanzen kennengelernt.

Wie wurde aus dem Tanzen mehr als nur ein Hobby?

Das kam nach der Schulzeit. Meine Mutter wollte zwar, dass ich Medizin studiere, doch ich habe neun Jahre Tanzen studiert: Tanzgeschichte, Kunstgeschichte, Tanzpädagogik. Ich habe viele verschiedene Tänze gelernt. Unter anderem Ballett, was die Grundlage vieler Tänze ist, aber auch internationale. Später im Studium lernte ich die in Kuba heimischen Tänze wie Folklor populär, den man auf der Straße tanzt.

Wie kamen Sie zum Burlesque tanzen? Das ist ja schließlich kein typisch kubanischer Tanz.

Angefangen hat das, als ich 20 Jahre alt war. Zu der Zeit, 1993, war ich gerade nach Bremen gekommen. Seitdem habe ich immer auf verschiedenen Veranstaltungen getanzt. Zunächst vor allem außerhalb von Deutschland, etwa in den Niederlanden, als der Tanz in Deutschland noch nicht so populär war.

Gab es Gemeinsamkeiten zwischen Burlesque und ihren heimischen Tänzen?

Alles, was ich tanze, hat viel mit Show zu tun – Samba, Salsa und alles was aus Südamerika und der Karibik kommt. Burlesque hat eben auch viel mit Show zu tun. Im Gegensatz zu den anderen Tänzen geht es aber auch noch um Schauspiel und teilweise auch Gesang. Ich beschränke mich allerdings auf den tänzerischen Aspekt.

Ist Tanzen für Sie auch Sport?

Es ist sportlich, aber: Ich trete nur im Rahmen von Shows auf und nicht im Rahmen von Wettkämpfen. Anfangs mit meiner Schwester, mittlerweile mit meiner Tochter Julia. Wir tanzen auf Tanzfestivals in Deutschland und international. Dort geben wir Workshops und – meist Samstagsabends – präsentieren uns mit den anderen Tanzlehrern. Ich finde, dass man einen Tanz nicht bewerten kann. Für uns in Lateinamerika ist Tanzen in dem Sinne kein sportlicher Wettbewerb, der Spaß und das Gemeinschaftliche stehen im Vordergrund.

Sie haben am Anfang gesagt, dass es beim Burlesque auch um Sex-Appeal geht. Müssen Sie manchmal auch mit Vorurteilen kämpfen?

Heutzutage zum Glück nicht mehr. Das Image ist mittlerweile gut und es gibt mehr Toleranz. Viele freuen sich, wenn sie Burlesque tanzen oder sehen können. Eigentlich ist Burlesque ja ein Spiel. Man weckt Fantasien, aber man bleibt dabei und geht nicht weiter.

Jede Bühnenshow braucht eine Choreografie: Wie entsteht eine gute?

In erster Linie mit einem guten Choreografen, der alles im Blick hat – dass die Bühne gefüllt ist, dass die Bühne bunt ist, der die Stärken der Tänzerinnen sieht. Dazu kommt die Musik. Ein guter Choreograf kann das aber nicht alleine, das Gespräch mit den Tänzerinnen ist auch wichtig.

Ein Tanz erzählt oft auch Geschichte. Wie entstehen diese?

Das meiste ist Fantasie, je nach Vorgabe des Themas oder der Musik. Wir spielen eine Rolle, die vor allem das Publikum unterhalten soll. Tänzerisch erzählen wir diese Geschichten, wie bei jedem anderen Tanz auch, mit Gesten und Bewegungen, vor allem aber auch mit der Mimik im Gesicht.

Wie lange müssen Sie trainieren, bis eine Choreografie sitzt?

Eine Stunde. Danach haben meine Tochter und ich uns die Choreografie überlegt und sie uns gemerkt. Das klappt bei mir nicht immer hundertprozentig, aber meine Julia merkt sich immer alles sofort. Anschließend geht es an die Feinheiten: Die Musik muss zurechtgeschnitten werden oder wir überlegen, ob wir bei einer Pose die Hand nach innen oder außen drehen. Diese Kleinigkeiten dauern Tage, ehe es dann in das Training mit den richtigen Schuhen und noch später mit dem richtigen Outfit geht. Zum Schluss darf man auch die Requisiten nicht vergessen, der klassische Stuhl, ein Hut oder ein Sonnenschirm.

Sie sprechen immer von Tänzerinnen. Gibt es auch Männer, die Burlesque tanzen?

In Bremen leider nicht. Prinzipiell ist das aber möglich und das gibt es auch. Eigentlich ist es auch schöner, weil man zusammen schönere Figuren machen kann. Ich hoffe, dass das hier noch kommt. Burlesque ist ein Gruppentanz, den können Männer und Frauen gut zusammen tanzen.

Sie geben in Bremen Tanzkurse für Burlesque. Wie groß ist die Nachfrage?

Es ist eher eine kleine Gruppe, die sich mit dem Tanz beschäftigt. Es gibt keine richtige Szene, wie etwa beim Samba oder Salsa. Mich freut aber, dass die Teilnehmerinnen beim Alter bunt gemischt sind. Da bin ich selbst immer wieder etwas überrascht. Ich hätte gedacht, Burlesque wäre nur etwas für Jüngere.

Wieso sind Sie Trainerin geworden?

Das war mir von Anfang an klar, seit ich auf Kuba mit den Kindern in meiner Nachbarschaft getanzt habe. Es ist einfach schön zu sehen, was ich den Tänzern beibringe, auf der Bühne zu sehen – zu sehen, wie sie ihre eigene Persönlichkeit zeigen; zu sehen, wie sich die Tanzschüler verbessern mit der Zeit. Das ist wirklich einmalig.

Wie kam es dazu, dass Sie Tanzlehrerin in Deutschland geworden sind?

Als ich meinen Deutschkurs an der Fachhochschule gemacht habe, habe ich dort das Angebot der Tanzkurse gesehen. Ich wollte sehen, wie in Europa tanzen gelehrt wird – deutlich praktischer als in Kuba. Aber die Art des Tanzens, die mir beigebracht wurde, hat mir nicht gefallen. Das war kein richtiges Tanzen. Da habe ich mir gesagt: Ich möchte den Leuten Tanzen beibringen, aber richtig.

Was bringen Sie Ihren Tanzschülerinnen bei?

In jeder Stunde versuche ich, ihnen neue Posen und verschiedene Schritte beizubringen. Wichtig ist, dass das immer dynamisch ist, weil das zu Burlesque einfach dazu gehört. Meist tanzen wir eine Choreografie gemeinsam durch.

Macht der Unterricht Ihnen also mehr Spaß?

Es ist beides toll. Ein bisschen mehr Spaß macht aber das eigene Tanzen.

Das Gespräch führte Maurice Arndt.

Info

Zur Person

Laine Quesada Abreu (48)

ist Tanzlehrerin bei der Casa Cultural. Sie ist zudem Choreografin, Tanzpädagogin und Fitnesstrainerin. Quesada Abreu ist in Santiago de Cuba aufgewachsen. Sie unterrichtet lateinamerikanische und afrokubanische Tänze. Als Showtänzerin steht sie auch selbst auf der Bühne und tanzt unter anderem Burlesque.

Info

Zur Sache

Das ist Burlesque

Burlesque stammt ursprünglich aus den Vereinigten Staaten. Die Mischung aus Tanz und Schauspiel kam Anfang des 20. Jahrhunderts als Gattung des Unterhaltungstheaters auf. Damals standen vor allem kleinere Striptease-Elemente, wie das Ausziehen eines Handschuhs, im Vordergrund der Show. Mit dem Milleniumswechsel kam die sogenannten New Burlesque auf. Dabei rückte die Erotik im Vergleich zu den Anfängen stärker in den Hintergrund und machte Platz für mehr Humor und Ironie. Eine bekannte Vertreterin der neuen, umgangssprachlich weiter nur Burlesque genannten Ausrichtung ist etwa Dita Von Teese.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+