Bremer über Calisthenics „Wenn wir einen Handstand machen, fallen wir auf“

Es ist eine Mischung aus Akrobatik, Fitnessübungen und Turnen: Calisthenics. Die urbane Street-Sportart ist noch recht unbekannt. Drei junge Bremer erzählen, was sie an dem Sport fasziniert.
26.04.2020, 13:10
Lesedauer: 5 Min
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„Wenn wir einen Handstand machen, fallen wir auf“
Von Carolin Henkenberens
Sie machen Calisthenics. Ich hatte das vorher noch nie gehört. Was ist das?

Amadou Joof: Calisthenics ist eine Kombination aus Fitness und Turnen. Die Freestyle-Form des Turnens sozusagen. Im Turnen ist es kein vernünftiger Handstand, wenn deine Arme eingeknickt oder deine Füße nicht komplett gestreckt sind. Beim Calisthenics ist das egal, da hat jeder seinen eigenen Style.

Gibt es trotzdem bestimmte Vorgaben?

Joof: Absolut nicht. Es ist wie Hip-Hop. Das Ziel ist es, seinen Körper so zu beherrschen und zu trainieren, dass man kein Equipment benötigt, dass man alles mit seinem eigenen Körper erreichen kann.

Man setzt nur sein eigenes Körpergewicht ein, oder?

Joof: Exakt.

Und man braucht wirklich gar kein Equipment? Sie haben ja zum Beispiel Stangen für den Handstand hier stehen.

Joof: Ja, aber die sind nicht essenziell. Wir könnten den Handstand auch so machen. Es gibt Übungen, für die man eine Stange oder ein Reck benutzt, aber oft funktioniert auch ein Stuhl oder Tisch. Das einzige, was wir benutzen, sind Zusatzgewichte, wenn wir zum Beispiel Klimmzüge machen. Irgendwann kommt man nämlich an den Punkt, wo es zu einfach ist. Da braucht man Extragewichte. Sonst braucht man nichts, um Calisthenics zu machen.

Perfekt für die Corona-Zeit, in der Sportplätze zu sind.

Joof: Ja, als wir die Nachricht bekommen haben, haben wir gesagt: Kein Problem, dann trainieren wir halt draußen (lacht).

Wie viel wiegen Sie?

Joof: Ich wiege 82, 83 Kilo.

Wenn man Eigenkörpergewichtsübungen macht, ist dann das Ziel, dass man möglichst wenig wiegt? Oder ist es egal, weil man möglichst darauf aus ist, sich gut zu trainieren?

Joof: Ich glaube, eine Mischung aus beidem. Um wirklich Körperbeherrschung aufzubauen, muss man eine gewisse Muskulatur haben. Natürlich ist es physikalisch gesehen einfacher, die Masse hoch zu bewegen, wenn man leichter ist. Robin wiegt ein bisschen weniger als ich, es sieht schon so aus, als ob er leichter hoch kommt.

Robin Wandelt: Die meisten Leute denken: Ich bin zu dick oder schwer und schaffe das nie im Leben. Aber es ist bewiesen, dass es gar nichts mit dem Körpergewicht zu tun hat, sondern mit Bewegung. Wenn dicke Menschen sich genauso bewegen würden wie dünne, hätten sie auch genug Kraft, um ihren Körper so bewegen zu können. Die meisten trauen sich das immer nur alles nicht zu. Wir versuchen, Menschen die Angst zu nehmen.

Kann also jeder Calisthenics machen?

Joof: Ja, auf jeden Fall. Jeder kann damit anfangen.

Wandelt: Die Basics kann jeder. Aber es ist, wie in vielen Sportarten, so, dass Frauen irgendwann einen Nachteil haben, weil sie nicht so einen hohen Testosteron-Ausschuss haben und ihre Muskeln nicht so schnell oder groß wachsen wie bei Männern. Deshalb machen Calisthenics viel mehr Männer...

Joof: Leider!

Wandelt: Die ganz großen, berühmten Stars sind alles Männer.

Wie sind Sie zu Ihrer Leidenschaft gekommen?

Joof: Das ist durch Instagram und soziale Netzwerke entstanden. Ich habe zufällig Videos entdeckt und nach meinem Training im Fitnessstudio mal einen Handstand probiert.

Wandelt: Ich hab ihn im Fitnesstudio gesehen und ihn gefragt, was er da macht. Als ich mir Videos angesehen habe, war ich so begeistert, dass ich gesagt habe: Ich will das mit dir machen. Er hat gesagt: Nein. Und ich hab gesagt: Aber ich suche jemanden, der das auch machen will.

Joof: Um uns ein bisschen mehr zu pushen und unseren Fortschritt festzuhalten, haben wir die Seite „Calisthenegros“ eröffnet. Die ersten Videos, die wir da hochgeladen haben (lacht) – der Handstand ging zwei Sekunden. Wir haben das Video extra so geschnitten, dass man nur die zwei Sekunden sieht.

Wie lang ist das her?

Joof: Das war letztes Jahr im März.

Und wie ist Andrés dazu gekommen?

Andrés Gambier: Das war vor einem halben Jahr. Immer wenn Amadou in Bremerhaven zu Besuch war, haben wir ein bisschen Calisthenics gemacht, ich fand das cool. Dieses Gruppengefühl ist toll beim Calisthenics, da treffen sich Leute, pushen sich.

Wie trainieren Sie drei zusammen, wie läuft das ab?

Joof: Wir sind sehr verpeilt (lacht). Vor einiger Zeit haben wir aber tatsächlich mal einen Trainingsplan erstellt, nach Muskelgruppen unterteilt.

Dann probieren Sie den Handstand, bis er klappt oder wie?

Joof: Ne, es gibt für jede Übung eine Vorübung, beim Handstand zum Beispiel eine Liegestütz, die mehr die Schulter beansprucht.

Wie lange dauert es, bis man einen Handstand kann?

Joof: Das ist ganz unterschiedlich, manche haben die Balance schnell raus. Calisthenics ist: Geduld. Definitiv. Man schafft eine Übung nicht direkt. Man fällt sehr oft hin, man fällt nach vorne, nach hinten, zur Seite, man muss wieder aufstehen und wieder hoch. Aber in ein, zwei Monaten ist das möglich, wenn man hart trainiert.

Und wie oft trainieren Sie in der Woche?

Joof: Vier bis fünf Mal auf jeden Fall. Nicht super schwer, mein Körper ist danach nicht komplett zerstört.

Was ist für Sie ein Erfolg?

Wandelt: Mein neuer Rekord im Handstand: eine Minute eins (lacht).

Joof: Das wusste ich ja noch gar nicht!

Wandelt: Der große Punkt, der uns zu Calisthenics gebracht hat, ist, im Fitnessstudio nicht mehr nur Geräte hin und her zu schmeißen. Wir gehen nicht nach Hause und sagen: Wir haben heute 40 Kilo weggedrückt. Der erste Trick war so ein Erfolgserlebnis! Ich dachte mir: Wow, ich habe was geschafft, ich kann jetzt was, was ich anderen zeigen kann, ein Kunststück. Es gibt im Calisthenics Master-Übungen, die so schwer sind, dass man da erst ganz zum Schluss hinkommt. Die haben wir ständig vor Augen.

Joof: Mein größter Erfolg wäre, aus meiner Leidenschaft zum Sport einen Beruf zu machen.

Gambier: Bei mir wäre es, beruflich sowas wie Cirque du Soleil zu machen. Ich bin sehr ästhetisch, mein Handstand muss gut aussehen, muss gerade sein. Amadou macht das anders, aber das ist das Schöne beim Calisthenics, jeder macht es anders. Ein Erfolg wäre auch, das, was ich gelernt habe, weitergeben zu können.

Einige Übungen sehen in der Tat nach Zirkus aus.

Gambier: Ja, das ist das, was es so geil macht. Es hat auch was Kunstvolles an sich. Viele Profis lassen es so aussehen, als wäre es sehr einfach.

Joof: Wir lieben es, bisschen anders zu sein, bisschen aus der Reihe zu tanzen. Wenn wir im Gym einen Handstand machen, fallen wir auf. Wir fallen auch schon wegen unserem Äußeren auf, weil wir halt eine andere Hautfarbe haben.

Sie nennen sich „Calisthenegros“. Wieso dieser Name?

Wandelt: Wegen Calisthenics, klar, und „Negro“ heißt schwarz. Wir machen Calisthenics und sind schwarz. Ist einfach ein cooler Name.

Steckt da eine politische Botschaft hinter? In Bezug auf Rassismus?

Joof: (überlegt) Nein, es geht nur um Sport. Mal schauen, was in Zukunft daraus wird. Wenn wir es tatsächlich schaffen, auf so ein großes Thema wie Rassismus aufmerksam zu machen, wir kleinen Sportler, die natürlich auch in Kontakt mit Rassismus gekommen sind, wäre das natürlich großartig.

Gibt es eigentlich in Bremen Calisthenics-Wettbewerbe?

Joof: Die Competitions sind momentan noch sehr international, weil Calisthenics in Deutschland noch nicht so angekommen ist. Aber das „Hood Training“ [Jugendprojekt von Daniel Magel, Anm. d. Red.] macht im Herbst in Bremen eine Competition. Da sollte man auf jeden Fall am Start sein, wenn man Lust auf Calisthenics hat.

Das Gespräch führte Carolin Henkenberens.

Info

Zur Person

Amadou Joof, Robin Wandelt und Andrés Gambier (alle 24)

nennen sich „Calisthenegros“. Das Trio macht Eigenkörpergewichtsübungen (Calisthenics). Wandelt (links) und Joof (rechts) kommen aus Bremen-Blumenthal und studieren dual Fitness­ökonomie. Den praktischen Teil absolvieren sie in einem Fitnessstudio in Blumenthal. Gambier (sitzend) wohnt
in Bremerhaven und macht eine Ausbildung zum Fitnesskaufmann.

Info

Zur Sache

Calisthenics

Das urbane Straßen-Workout ist seit Anfang der 2000er-Jahre von New York aus populär geworden . Die Ursprünge sind weitaus älter und sollen im antiken Griechenland und frühen 19. Jahrhundert, als Gymnastik als Sportart aufkam, praktiziert worden sein. Der Name leitet sich von den griechischen Worten "Kalos" (schön oder gut) und " Sthenos " (Stärke oder Kraft) ab. Klassische Übungen sind Klimmzüge, Liegestütze und Handstand. Als besonders schwierig gilt die "Planche" (Stützwaage).

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