Während Löws Umstellungen nicht funktionieren, schlägt Italien zu und wirft die DFB-Elf mit 2:1 aus dem Turnier Ciao, Deutschland

Das letzte große Halbfinale zwischen Deutschland und Italien hatte es 2006 bei der WM gegeben. Italien siegte 2:0. Noch nie hatte Deutschland gegen die Italiener bei einem großen Turnier gewinnen können. Dabei blieb es auch gestern, als für viele die DFB-Auswahl der Favorit war. Italien siegte 2:1 und brauchte diesmal nicht einmal eine Verlängerung dafür.
29.06.2012, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Ciao, Deutschland
Von Olaf Dorow

Das letzte große Halbfinale zwischen Deutschland und Italien hatte es 2006 bei der WM gegeben. Italien siegte 2:0. Noch nie hatte Deutschland gegen die Italiener bei einem großen Turnier gewinnen können. Dabei blieb es auch gestern, als für viele die DFB-Auswahl der Favorit war. Italien siegte 2:1 und brauchte diesmal nicht einmal eine Verlängerung dafür.

UND MARC HAGEDORN

Warschau. Sie wollten eine Überlegenheit im Mittelfeld schaffen. Toni Kroos sei sehr ballsicher, sagte Co-Trainer Hansi Flick noch schnell in die Kamera. Sie wollten unbedingt die Kreise von Italiens Mittelfeld-Magier Andrea Pirlo stören. Auch darum sollte sich Kroos kümmern. Also krempelte Bundestrainer Joachim Löw sein Team um, schon zum zweiten Mal in diesem Turnier. Für Andre Schürrle kam Lukas Podolski. Für Marco Reus kam Toni Kroos. Für Miroslav Klose kam Mario Gomez.

Manche hatten Löw schon zu einer Art Wundermann gemacht, dem alles zu Gold wird, was er anpackt. Nach 36 Minuten des Warschauer Halbfinales wusste man: Das ist er nicht. Sein Plan ging nicht auf. Italien führte 2:0. "Wir haben doch in den ersten drei Spielen mit Gomez und Podolski gewonnen", sagte Löw hinterher fast trotzig.

Weil Toni Kroos von der rechten Seite abwich und so, wie er es im Verein gewohnt ist, in der Mitte auf Balljagd ging, verwaiste Deutschlands rechte Seite. Mesut Özil konnte bei fast schon flehentlichen Handbewegungen ertappt werden. Er suchte dort rechts eine Anspielstation und fand sie nur zu selten im Rechtsverteidiger Jerome Boateng. Auf der linken Seite gelang Podolski so gut wie nichts, im Sturmzentrum ließ sich über Gomez nichts Besseres sagen.

Aber es lag nicht nur an den Umstellungen, die nicht funktionierten. Als Mario Balotelli in der 20. Minute das 1:0 für Italien köpfte, hatten zuvor gleich beide hochgelobten deutschen Innenverteidiger gepatzt. Mats Hummels, der bis dato ein großartiges Turnier gespielt hatte, genehmigte Antonio Cassano eine Flanke. In der sechsten Minute hätte Hummels nach einer Ecke beinahe die Führung für Deutschland herausgeschossen, aber nur beinahe. Pirlo rettete auf der Linie. Kurz vor Schluss hatte Hummels eine vergleichbare Chance. Nun, in dieser 20. Minute, hätte Hummels auf gar keinen Fall die Cassano-Flanke zulassen dürfen.

Aber er ließ sie zu. In der Mitte schaffte es Holger Badstuber nicht, Balotelli am Kopfball zu hindern. Der Kopfball saß. Eine Viertelstunde später durfte Balotelli erneut triumphieren. Diesmal reichte eine lange Flanke aus dem Mittelfeld. Riccardo Montolivo, ein Mann mit deutschen Wurzeln, schlug sie in den deutschen Strafraum. Philipp Lahm unterlief sie. Torwart Manuel Neuer hatte keine Chance gegen Balotellis wuchtigen Schuss. "Wenn man solche Fehler macht wie wir heute und gegen Italien in Rückstand gerät, dann wird es schwierig", sagte Lahm hinterher.

Löw versuchte zu retten. Er nahm Podolski zur Halbzeit heraus und brachte Reus. Stürmen sollte nun Klose und nicht mehr Gomez. Reus spielte wirkungsvoller als Podolski. In der 63. Minute pfefferte er einen Freistoß in Richtung italienisches Tor. Doch Altmeister Gianluigi Buffon kam mit den Fingerspitzen noch heran. Auch Lahm hatte eine große Chance. "Wenn ich den reinmache, dann können wir das noch drehen", sagte Lahm später.

Die Deutschen drückten, aber Italien behielt den Überblick. Es hat in der Geschichte des Fußballs schon Mannschaften gegeben, die einen 2:0-Vorsprung zur Halbzeit in einem Turnierspiel noch aus der Hand gegeben haben. Italienische Mannschaften pflegen nicht dazuzugehören. Bei zwei Chancen von Claudio Marchisio hätte Italien um ein Haar auf 3:0 erhöht. Marchisio gilt als offensivschwach. Der eingewechselte Angreifer Antonio Di Natale machte es in der 82. Minute auch nicht besser, auch er hätte einen Konter mit einem Treffer abschließen können.

Das deutsche Selbstvertrauen sank und sank. Löws Spieler wollten doch unbedingt diesen Titel, viele Experten hatten es ihnen auch zugetraut. Aber das Spiel lief so, als sei das große Italien der Favorit gewesen und Deutschland zu klein für diesen großen Gegner.

Daran änderte auch der Handelfmeter nichts, den Mesut Özil in der Nachspielzeit zum 1:2 verwandelte. Sein Tor sorgte für nicht mal zwei Minuten schließlich doch noch für das, was sich viele für das ganze Spiel erhofft hatten: für Spannung. Mitten hinein in eine letzte verzweifelte Flanke in Richtung des italienischen Strafraums, in den auch Manuel Neuer gesprintet war, ertönte der Abpfiff. In der deutschen Kabine sei es danach mucksmäuschenstill gewesen, berichtete Löw im ersten Fernsehinterview. Viele Tränen würden fließen bei den Spielern, die aus seiner Sicht trotzdem ein gutes Turnier gespielt hätten. Draußen dröhnte aus den Lautsprecherboxen Adriano Celentanos "Azzurro".

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