Vereine in der Zwickmühle

Das Coronavirus und die Folgen im Reitsport

Weil auf öffentlichen und privaten Anlagen kein Vereinssport mehr betrieben werden darf, die Pferde aber auch zu Zeiten des Virus verpflegt und bewegt werden müssen, stecken die Klubs in einer schwierigen Lage.
17.03.2020, 21:18
Lesedauer: 4 Min
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Das Coronavirus und die Folgen im Reitsport
Von Jörg Niemeyer
Das Coronavirus und die Folgen im Reitsport

Noch läuft die Arbeit mit den Pferden im Betrieb von Walter Kind reibungslos. Eine allgemeine Ausgangssperre im Zuge der Coronavirus-Krise würde die Situation allerdings dramatisch verschärfen. Denn angesichts von 60 Pferden auf seinem Hof ist Walter Kind auf menschliche Unterstützung angewiesen.

Kuhaupt

Die Zeiten sind angesichts des Coronavirus überhaupt nicht lustig. Und doch kann sich Walter Kind ein Lachen in diesem Moment nicht verkneifen. „Egal ob in der Reithalle oder auf den Außenplätzen“, sagt er, „bei der Ausübung unseres Sports zieht es fast immer, ist es immer luftig und immer kalt.“ Eine Beschreibung, die zumindest für die Wintermonate gelten dürfte. Und die äußere Bedingungen wiedergibt, nach denen sich eigentlich kein Sportler sehnt. Aber aktuell sind sie eher von Vor- als von Nachteil. Denn im Reitsport spielt sich der Übungsbetrieb überwiegend im Freien ab. Ohne größere Ansammlungen von Menschen, ohne körperliche Nähe – abgesehen von der zwischen Mensch und Tier. Ein Rahmen also, der das Verbreiten des Virus zwar nicht stoppt, es aber wenigstens auch nicht fördert.

An diesem Mittwoch tritt in Bremen wegen der Pandemie die behördliche Verfügung in Kraft, die unter anderem auch das Leben in den Sportvereinen erheblich einschränkt. Danach muss der Sportbetrieb auf allen öffentlichen und privaten Anlagen eingestellt werden. Was für jeden „normalen“ Sportverein schon eine Katastrophe ist, löst im Verein von Walter Kind zusätzliche, ganz spezielle Probleme aus: Der Vorsitzende des Reit- und Fahrclubs (RFC) Niedervieland, der auch Präsident des Pferdesportverbands Bremen (PSVB) ist und hauptberuflich seinen eigenen landwirtschaftlichen Pferdebetrieb leitet, betreut Tiere und arbeitet folglich auch mit ihnen.

Verein und Beruf liegen bei Walter Kind räumlich zusammen, sein Hof in Niedervieland im Westen Bremens ist zugleich die Heimat des RFC. Im Betrieb wie im Verein gilt das Tierschutzgesetz. Das besagt zum Beispiel auch, dass die Pferde bewegt werden müssen. Das kann auf dem Hof von Walter Kind unmöglich eine Person allein bewerkstelligen. 60 Pferde sind auf der Anlage an der Brokhuchtinger Landstraße untergebracht – elf Schulpferde des RFC, einige eigene Pferde der Familie Kind und viele sogenannte Einstaller, also Pferde, deren Besitzer sie zur Pension auf den Hof von Walter Kind bringen.

In normalen, Coronavirus-freien Zeiten ist es kein Problem, die Tiere ausreichend zu bewegen. Der RFC hat genügend Mitglieder und vereinsintern mit der Plattform „Das Reitbuch“ eine Organisationsform, die die Zuordnung von Pferd und Reiter auf digitalem Weg regelt. Der Ausbruch des Coronavirus bringt nun aber auch das erprobte System dieses Reitsportvereins ins Wanken. Der Knackpunkt dabei: Einerseits muss der Vereinsbetrieb ruhen, andererseits brauchen die Vierbeiner Bewegung.

„Ich benötige Menschen, die das übernehmen“, sagt Walter Kind. Er hat Sorge, dass der jetzigen Verfügung eine Verschärfung folgen könnte: die Ausgangssperre. „Das wäre für die Vereine der Worst Case“, sagt er, „dann geht gar nichts mehr.“ Dieser „schlimmste anzunehmende Fall“ würde bedeuten, dass er aus dem Pool an Reitern keinen mehr auf seinen Hof bestellen dürfte. „Wir sitzen seit drei Wochen mit dem Vorstand des Bremer Verbands und den Vereinsvorsitzenden zusammen, um über dieses Szenario zu beratschlagen“, sagt der Verbandschef.

27 Vereine aus Bremen, Bremerhaven und Schwanewede gehören dem PSVB an. In Bremen gebe es, so Walter Kind, 48 Pferdebetriebe – entweder Vereine oder, wie bei ihm, landwirtschaftliche Betriebe mit Verein. In den Stallungen lebten mehr als 3000 Pferde, die alle von Menschen betreut werden. Die Tiere einfach auf die Weiden zu stellen, sei in vielen Fällen keine Option. „Meine Weiden stehen derzeit alle unter Wasser“, sagt Walter Kind, „da kann ich keine Pferde rauslassen, denn die fressen die Grasnarbe ab und zertreten die Wurzeln.“ Dann wäre die natürliche Verpflegung der Vierbeiner in der wärmeren Jahreszeit nicht mehr möglich.

Der RFC Niedervieland hat im Vergleich zu anderen Vereinen das Glück, dass er sich über „Das Reitbuch“ organisiert. Mit dieser Plattform als Basis hat Walter Kind jetzt einen Pferdebewegungsplan mit täglichen Reitzeiten von 8 bis 20 Uhr erstellt. „Da kommt uns der gegenwärtige Schulausfall sogar entgegen“, sagt der Klubchef. Kinder, Jugendliche und Erwachsene tragen sich in den Plan ein. Und wenn jemand eine Stunde zurückgeben muss, werden alle anderen auf ihrem Handy informiert, dass eine Stunde frei ist. Walter Kind sorgt dafür, dass zeitgleich nie mehr als sechs Reiter auf seinem Gelände sind.

„Das Reitbuch“ hat noch einen anderen großen Vorteil: Über diese Plattform lässt sich problemlos regeln, dass Reiter über das Jahr gesehen die Reitstunden nehmen können, für die sie bezahlen. Weil das System die finanzierte Leistung gewährleistet, zahlen die Reiter nicht, wie in vielen Vereinen üblich, pro Reitstunde, sondern entrichten monatlich eine Pauschale. Das verschafft dem RFC Planungssicherheit auch in Zeiten einer Pandemie. So ist gesichert, dass regelmäßig Geld für Futter oder für hauptamtliche Arbeitskräfte eingeht. „Für Vereine, die einzeln abrechnen, ist der Ausfall der Reitstunden eine Katastrophe“, sagt Walter Kind, „diese Vereine haben ab sofort keine Einnahmen mehr.“

Gut möglich, dass auch in Reitsportkreisen bald nach finanzieller Unterstützung aus öffentlicher Hand gerufen wird. „Aber an wen kann sich der Verein wenden?“, fragt Walter Kind. Und für den Fall einer allgemeinen Ausgangssperre: „Wer bekommt von wem eine Genehmigung, dass er auf meinen Hof kommen darf?“ Es gebe viele Fragen, die er und seine Reitsportvorstandskollegen derzeit zusammentragen. Eine gute Nachricht dazu kommt am Dienstagnachmittag aus dem Haus der Sportbehörde: Es sei geregelt, dass das Ordnungsamt Ausnahmen erlassen darf, teilt der Sprecher von Sportsenatorin Anja Stahmann (Grüne) mit. „Wir gehen davon aus, dass sie für den Pferdesport erlassen werden“, sagt Bernd Schneider.

Neben den Aspekten des Tierschutzes und der Finanzierung haben natürlich auch die Reiter wegen des Coronavirus gravierende sportliche Sorgen: Bis Anfang Mai, so sagt Walter Kind, seien erst einmal alle Turniere abgesagt worden. „Sportlich ist das Jahr damit eigentlich schon gelaufen.“ Denn niemand wisse, ob und wann es wieder Wettbewerbe geben könne. Und niemand wisse, wie sich die Sponsoren verhalten werden. „Natürlich fallen auch Cupserien und Meisterschaften aus, für die wir finanzielle Zusagen bekommen haben“, sagt Walter Kind. Egal, in welcher Sportart man derzeit nachfragt: Die Sorgen sind riesig. Und keiner weiß, was auf die Verbände und Vereine noch alles zukommen wird.

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