Anbieter verzeichnen großen Zulauf Das Geschäft mit den Online-Sportwetten

Bremen. Der jüngste Fußball-Wettskandal erreicht bisher unbekannte Dimensionen. Genauso unübersichtlich erscheint der deutsche Sportwetten-Markt, den die Bundesländer mit dem Glücksspielstaatsvertrag zu regulieren versuchen.
11.02.2013, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Julia Basic

Bremen. 380 manipulierte Spiele, weitere 300 unter Verdacht, über 400 Aktive im Visier der Fahnder – der jüngste Fußball-Wettskandal erreicht bisher unbekannte Dimensionen. Genauso unübersichtlich erscheint der deutsche Sportwetten-Markt, den die Bundesländer mit dem Glücksspielstaatsvertrag zu regulieren versuchen. Kritiker sehen darin aber eine Verschärfung des Manipulations-Problems.

Auf den Bildschirmen laufen Fußballspiele, Wintersport und Pferderennen. Mindestens zwei Fernseher hängen an jeder Wand, damit die Zuschauer keine Szene verpassen. An den Tischen des Wettlokals in der Bremer Innenstadt sitzen zwölf Männer, trinken Bier, lesen Spielpläne und diskutieren über die Wettkämpfe im Fernsehen. Manchmal steht einer von ihnen auf und geht an den Schalter, um eine Wette abzuschließen. Vielleicht auf den nächsten Werder-Sieg.

Die Quote für den Sieg gegen Stuttgart lag bei 2,90. Wer zehn Euro auf die Grün-Weißen gesetzt hat, darf sich über einen Gewinn von 29 Euro freuen. Ein Gang ins Wettlokal hätte genügt. Schneller geht das übers Internet. Rund um die Uhr und an sieben Tagen die Woche. Einziger Haken: Wer wetten will, muss sich ein Spielkonto anlegen, eine Bankverbindung nennen und meistens auch noch Name, Anschrift und Telefonnummer herausgeben.

Trotzdem floriert das Geschäft mit Online-Sportwetten in Deutschland. 3,4 Prozent der 16- bis 65-Jährigen haben 2011 laut der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung an einer Sportwette teilgenommen. 1,1 Prozent davon haben den staatlichen Anbieter Oddset genutzt.

Die jüngste Erhebung über Umsätze und Geldeinsätze auf dem Sportwetten-Markt stammt aus dem Jahr 2010. Die Beratungsfirma Goldmedia kam in einer Studie zu dem Ergebnis, dass die Bruttospielerträge bei Online-Wetten (nach Abzug der Gewinnausschüttung) zwischen 2005 und 2009 von 110 auf 295 Millionen Euro gestiegen sind. Online-Wetten machen demnach die Hälfte des gesamten Sportwetten-Marktes aus. 2,4 Milliarden Euro werden laut der Studie in lokalen Wettshops gesetzt, fast vier Milliarden Euro auf Online-Sportwetten. Nach eigenen Angaben entfällt allein eine Milliarde Euro des Gesamtumsatzes auf den Marktführer Bwin. "Davon werden aber wieder 800 Millionen Euro als Gewinn an die Kunden zurückgezahlt," sagt Bwin-Sprecher Hartmut Schultz. Das meiste Geld werde auf Fußballspiele gesetzt. "Hohe Einsätze sind aber eher selten darunter, meistens sind es zwischen fünf und neun Euro", so Schultz.

Doch egal wie seriös und verantwortungsbewusst sich Online-Anbieter im Internet geben – die Unternehmen befinden sich in einer rechtlichen Grauzone. Denn nach dem Glücksspielstaatsvertrag, der den deutschen Glücksspielmarkt reguliert, sind Online-Sportwetten verboten. Diese Regelung verstoße jedoch gegen das Recht auf Dienstleistungsfreiheit, wie der Europäische Gerichtshof (EuGH) urteilte. Somit sind den deutschen Behörden bei der Strafverfolgung von illegalen Anbietern bisher noch die Hände gebunden. Zum deutschen Sportwetten-Markt gehört der staatliche und regulierte Markt aus Oddset und Fußball-Toto, sowie der bisher unregulierte Markt aus Wettlokalen und Online-Angeboten. Dazu zählen vorrangig private Anbieter wie Digibet, Magicbet oder Tipico. Wie viele von ihnen in Deutschland aktiv sind, lässt sich nicht genau sagen. Denn die meisten sind nicht in der Bundesrepublik registriert, sondern in Ländern mit liberaleren Glücksspielgesetzen.

Um den Online-Markt dennoch besser kontrollieren zu können, haben sich die Bundesländer 2011 auf eine Änderung des Staatsvertrags geeinigt. Die Reform sieht bundesweit 20 Konzessionen für Privatanbieter vor, die ihnen erlauben, Sportwetten in lokalen Geschäften anzubieten - und das in mehreren deutschen Städten. Ein Lizenzinhaber darf mit besonderen Auflagen auch im Internet Sportwetten anbieten.

"Das Bewerbungsverfahren für die Konzessionen läuft noch", sagt Rainer Gausepohl, Sprecher der Bremer Innenbehörde. "Anfang April soll die Entscheidung darüber fallen, wer eine Erlaubnis bekommt." Ob und wo die Anbieter ihre Wettlokale in Bremen eröffnen dürfen, entscheidet das Stadtamt. "Pro Stadtbezirk dürfen es maximal fünf Stück sein", so Gausepohl. Für die Vergabe der Konzessionen ist das Land Hessen zuständig, das haben die Bundesländer so beschlossen. Bewerber müssen allerdings ein sozialverträgliches Konzept vorlegen, sagt Gerhard Meyer von der Fachstelle Glücksspielsucht der Uni Bremen. Die Anbieter müssten sich dazu verpflichten, die Suchtbekämpfung zu unterstützen und den Jugend- und Spielerschutz zu gewährleisten. Außerdem sollen Wetten auf untere Fußballligen eingeschränkt werden, wie etwa auf die Bremen-Liga. "Spieler und Funktionäre in diesen Ligen sind empfänglicher für Bestechungsversuche", so Meyer. "Die Aktiven in den unteren Ligen gehen oft davon aus, dass sie durch ihr Fachwissen über die Mannschaften Vorteile beim Wetten haben." Dies sei jedoch ein Trugschluss. Sportwetten blieben eben ein Glücksspiel.

Ob die Konzessionen die gewünschte Kontrolle bringen, sehen Kritiker allerdings skeptisch. Der Branchenverband Bitkom hält die Reform für "unzeitgemäß". Die Hürden für Privatanbieter würden damit grundlos hochgesetzt. Auch Bwin habe sich um eine Konzession beworben, so Hartmut Schultz. "Der Schwarzmarkt wird durch die Konzessionen nicht verschwinden. Im Gegenteil: Die lizenzierten Anbieter sind durch die Auflagen nicht mehr wettbewerbsfähig gegenüber den Schwarzmarktanbietern." Die Zahlen von Goldmedia bestätigen diese These: Seit 2005 sanken die Spieleinsätze beim staatlichen Anbieter Oddset um 247 Millionen Euro.

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