Flüchtlingself beim Charity Masters "Das ist ein unglaublicher Moment"

Muhammed Susso kneift seine Augen zusammen, als er beginnt, von seiner Flucht zu erzählen. Seine sonore Stimme zittert, er blickt auf den Boden der Tribünen des Stadions am Panzenberg.
28.06.2015, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von NICO SCHNURR

Muhammed Susso kneift seine Augen zusammen, als er beginnt, von seiner Flucht zu erzählen. Seine sonore Stimme zittert, er blickt auf den Boden der Tribünen des Stadions am Panzenberg. Lang und gefährlich sei die Flucht gewesen, sagt er. Er spricht vom ständigen Gefühl, es vielleicht doch nicht zur Küste, zum Mittelmeer zu schaffen, dem Bürgerkrieg in Libyen, der rohen Gewalt und den vielen Toten, die er auf seinem Weg durch das Land gesehen habe.

Susso kommt aus Gambia. Sein Vater, ein Oppositioneller, wurde für drei Jahre inhaftiert. Weil seine Mutter bereits verstorben war, blieb dem 18-Jährigen nur die unbegleitete Flucht aus dem westafrikanischen Land, das zuletzt immer wieder durch massive Menschenrechtsverletzungen Schlagzeilen machte. Über einige Umwege, eine Zwischenstation in Mailand und eine inzwischen gescheitere Liebschaft kam Susso schließlich nach Bremen. Erst wenige Wochen ist es her, dass er im Zollhaus am Europahafen unterkam. Nun steht er in Fußballschuhen, blauweißem Trikot und farblich abgestimmter Hose vor dem frisch gemähten Rasen auf der Anlage des Bremer SV.

„Das ist ein unglaublicher Moment für mich und die anderen“, sagt er und meint damit seine Mannschaft, eine Auswahl Bremer Flüchtlinge. Sie alle wohnen in der Einrichtung im Zollhaus. Das Team darf bei den Charity Masters, einem prominent besetzten Wohltätigkeitsturnier des Vereins „Liebe Deine Nächsten e.V“, das Eröffnungsspiel bestreiten. Ihr Gegner, Türkspor Mosbach aus Baden-Württemberg, gewann im vergangenen Jahr den „Fair Play Preis des Deutschen Sports“.

„Das ist eine Herrenmannschaft, die um den Landesliga-Aufstieg gespielt hat?“, fragt Karim Boujibar zwei Tage vor Beginn des Turniers leicht schockiert. Der Betreuer sitzt an einem hellen Eichenholztisch im lichtdurchfluteten Foyer des Zollhauses. Die rustikalen Sitzgelegenheiten wechseln sich mit modernem Mobiliar ab, das in Gelbtönen leuchtet. 2013 wurde das Hostel mit einer Nominierung für den German Design Award bedacht. Seit einem halben Jahr ist das Zollhaus aber längst nicht mehr nur wegen der hübschen Einrichtung ein bemerkenswertes Hostel. Neben den Touristen aus ganz Europa wohnen hier seit Beginn des Jahres 26 unbegleitete, meist minderjährige Flüchtlinge, die von Angestellten der Akademie Lothar Kannenberg dauerhaft betreut werden.

Karim Boujibar ist einer der Betreuer. Gerade macht er sich Sorgen um seine Mannschaft. „Hoffentlich sind die Gegner nicht so stark“, sagt er. Das Team, das er zusammengestellt hat, trainiert zwar regelmäßig mit ihren Betreuern in einer Sporthalle in Osterholz-Tenever. Ein Spiel gemeinsam bestritten haben sie aber bisher noch nicht. Und eine zu hohe Niederlage sei nicht Sinn der Sache, sagt er: „Schließlich soll Sport die Jugendlichen in unserem Konzept verbinden, sie ermutigen und stärken.“ Und Sport, sagt Boujibar, sei bei vielen Jugendlichen der Einrichtung gleichzusetzen mit Fußball. Viele von ihnen kommen aus fußballverrückten Nationen, sind mit dem Sport aufgewachsen.

Auch bei Muhammed Susso ist das so. Für Jugendliche wie ihn ist der Sport zu gleichen Teilen Spaß wie identitätsstiftende Vergangenheits- und Gegenwartsbewältigung. „Fußball hilft mir, mit meiner Situation umzugehen“, sagt Susso. Er erzählt von glänzenden Pokalen, die er in der Heimat gewonnen und vor der Flucht seinen Freunden geschenkt habe. Lamin Jallow, 17, auch aus Gambia, stimmt ihm zu. „Fußball bedeutet mir alles, ich will Profi bei einem großen Verein werden“, sagt er.

Seit acht Monaten ist er in Bremen. Wie einige andere Jungen der Einrichtung spielt auch er bereits in einem Bremer Verein. Neben der Schule ist Fußball seine größte Konstante im Alltag. Und das sieht man. Die Auswahl kämpft und bereitet den Mosbachern im Eröffnungsspiel mit ihrer flinken, unorthodoxen Spielweise deutlich größere Probleme als von Boujibour erwartet. „Ich bin unglaublich stolz auf meine Jungs“, sagt der Betreuer strahlend nach der achtbaren 0:4-Niederlage.

Ein enorm wichtiges Zeichen sei der Auftritt der Flüchtlingsauswahl, sagt der SPD-Politiker und Bürgerschaftsabgeordnete Elombo Bolayela. Er selbst kam 1992 als Flüchtling aus dem Kongo nach Bremen. Seitdem habe sich vieles verbessert, glaubt er. „Der Bremer Sport ist in der Integration von Flüchtlingen inzwischen ganz weit vorne“, sagt er und fügt an: „Jetzt muss die Arbeitswelt nachziehen, sie muss offener werden und den jungen Menschen noch mehr Chancen bieten.“

Gesammelte Stimmen:

Flavio Stückemann, Basketballprofi bislang bei den Eisbären Bremerhaven: „Ich war sofort begeistert, als ich vor einem halben Jahr Martin Rietsch und seinen Verein kennengelernt habe. Ich bin in Brasilien geboren und habe dadurch einen starken Bezug zu seinem Einsatz für brasilianische Straßenkinder. Demnächst wird er einen Vortrag beim Basketballcamp halten, das ich in Nienburg organisiere.“

Rainer Meifert, Schauspieler (früher GSZS) und Produzent: „Alle Projekte, die Martin Rietsch macht, sind unterstützenswert. Besonders wichtig ist für mich seine Kampagne „Against Drugs and Violence“. Für meine Reportage „ausgekokst“ war ich mit dem ZDF in Südamerika und habe vor Ort miterlebt, welches Leid und welchen Terror der Kokainkrieg in Kolumbien verursacht. Mir ist es ein Anliegen darüber, aufzuklären und zu informieren – am besten auf eine spielerische Art wie hier.“

Filiz Koc, ehemalige türkische Nationalspielerin, Model, Schauspielerin und Moderatorin: „Ich bin froh, dass ich das Talent geschenkt bekommen habe, Fußballspielen zu können. So kann ich für eine gute Sache mitwirken und direkt etwas Gutes tun.“

Rigobert Gruber, ehemaliger Fußballprofi bei Werder Bremen: „Das letzte Mal stand ich vor drei Jahren für die Traditionsmannschaft von Werder auf dem Platz. Ich kenne Martin Rietsch schon seit über 20 Jahren, da war trotz meiner Knieprobleme klar, dass ich mitspiele. Ich unterstütze seinen Verein und die Arbeit gegen Rassismus, wo es geht.

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