Sixdays 2016 Das Rennen ihres Lebens

Die Paracyclerin Denise Schindler zeigt in der ÖVB-Arena ihr Können - und will im Sommer Gold in Rio.
16.01.2016, 10:05
Lesedauer: 5 Min
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Das Rennen ihres Lebens
Von Andreas Lesch

Die Paracyclerin Denise Schindler zeigt in der ÖVB-Arena ihr Können - und will im Sommer Gold in Rio.

Wenn Denise Schindler sich im Training einen Berg hochquält, lang und länger, dann fragt sie sich irgendwann: „Warum tust du dir das eigentlich an?“ Sie findet meistens keine Antwort, aber das macht ihr nichts. Denn sie weiß: Irgendwann wird die Frage verschwinden. Irgendwann wird sie so erschöpft sein, dass sie gar nichts mehr denkt. Dass sie ganz ruhig wird und einfach nur noch ihren Körper spürt. Wie er arbeitet. Wie er schafft, was kaum zu schaffen ist.

Die ganze Geschichte der Dachauer Athletin Schindler erzählt davon: dass ein Mensch vieles kann – wenn er will. Die Zuschauer der Bremer Sixdays werden diese Geschichte spüren können, wenn Schindler in der ÖVB-Arena antritt, am Dienstag um 21 Uhr, in einem Verfolgungsrennen gegen Yvonne Marzinke, ihre Kollegin aus der paralympischen Nationalmannschaft. Schindler (30) freut sich darauf, mit ihrer Unterschenkel-Prothese über die Bahn zu rasen. Früher hätte sie sie am liebsten versteckt. Heute zeigt sie sie ganz offen. „Ich kann sicherlich nicht mehr einen Marathon laufen, ich werde auch keine Ballerina mehr“, sagt Schindler. Aber sie ist eine der besten behinderten Radsportlerinnen Deutschlands. Sie hat den Weg ihres Lebens gefunden.

Zwei Jahre alt war Denise Schindler, als dieses neue Leben begann. Sie lief mit ihrer Mutter durch die Stadt, durch Chemnitz, wo sie damals wohnten. Es lag Schnee, die Mutter hatte einen Schlitten dabei, aber Denise Schindler mochte sich nicht draufsetzen. Sie bockte. Sie strampelte herum und rutschte aus, in einer Kurve – genau in dem Moment, als die Straßenbahn um die Ecke kam. „Die Bahn hat mich nicht klassisch überrollt, aber sie hat mich gut hundert Meter mitgeschleift“, erzählt Schindler. Als sie ins Krankenhaus kam, war das rechte Bein noch dran. „Aber da waren so viel Dreck und so viele Drähte drin, dass es irgendwann angefangen hat abzusterben.“ Also entschieden die Ärzte, den Unterschenkel zu amputieren.

Ein Jahr im Krankenhaus

Doch auch danach bangten ihre Eltern, ob sie überleben würde. Sie war ja so klein, und ihr Körper konnte sich kaum wehren gegen all die Entzündungen, die in ihm wüteten. Denise Schindler lag in dieser ersten Zeit in einem Raum hinter einer Scheibe, isoliert, damit bloß nicht noch ein Keim zu ihr dringt. Die Eltern durften nicht zu ihr. Sie konnten nur gucken, von außen. Ein Jahr lang blieb Denise Schindler im Krankenhaus. Sie ist dankbar, dass sie sich an den Unfall und an diese Zeit nicht erinnern kann. Die Zeit, die folgte, war schlimm genug.

Bis sie 13 war, wurde Denise Schindler immer wieder operiert, ein, zwei Mal jedes Jahr. Die erste Operation legten ihre Eltern immer an den Anfang der Osterferien. „Nach zwei Wochen, pünktlich zum Schulanfang, war ich dann wieder draußen. Und wenn ich Pech hatte, musste ich Pfingsten noch mal rein.“ Nie wusste Schindler, wie viele Eingriffe sie noch überstehen muss. Nie wusste sie, was wird. Mal musste der Knochen in ihrem Stumpf verlängert werden; mal gab es Probleme, weil ihr linkes Sprunggelenk, vom Unfall demoliert, arg verwuchs. Wie hat sie das verkraftet? „Also, ich war als Kind schon ziemlich rustikal. Ich hab’ das eigentlich mit relativ viel Humor genommen.“ Manchmal ist sie auf dem Krankenhausflur im Rollstuhl Wettrennen gegen andere Patienten gefahren.

Natürlich gab es auch Tage, an denen die Schmerzen kaum zu ertragen waren. Tage, an denen ihr Opa zu Besuch kam und sie nur noch da saß und kaum noch was sagte. Aber verzweifelt ist Denise Schindler an ihrem Schicksal nie. Einmal, das weiß sie noch heute, einmal hat sie ihre Mutter gefragt: „Warum ich?“ Die Antwort der Mutter hat sie sehr geprägt, sie ging so: „Das Wörtchen Warum gibt es nicht.“ Da hat Denise Schindler sich gedacht: „Okay, so ist halt das Leben. Jammer nicht rum!“ Doch konnte sie ahnen, dass sie mit dieser Einstellung mal Weltmeisterin werden würde und Silbermedaillen-Gewinnerin bei den Paralympics? Nein, das konnte sie nicht. Sie erlebte ja, wie sie im Schulsport immer als eine der Letzten gewählt wurde, wenn Mannschaften zu bilden waren. Und sie hörte, wie ein Lehrer sagte, ihre Mannschaft könne ruhig mehr Leute haben als das gegnerische Team: „Die Gruppe ist ja behindert.“

Erst als sie 18 war, merkte Schindler, dass der Sport ein Mittel sein könnte, um zu sich zu finden. Sie nahm in einem Fitnessstudio an einem Spinning-Kurs teil, und das gefiel ihr schon deswegen, weil die Räder fest montiert waren: „Da konnte mir keiner davonfahren.“ Auf dem Rad spürte sie ihr Körpergewicht nicht, da waren ihr amputierter Unterschenkel und ihr kaputtes Sprunggelenk kein Problem. Da konnte sie richtig was reißen. Sie fuhr öfter und öfter, erst nur im Studio, später auch auf dem Mountainbike, irgendwann sogar einen Alpencross. Dort entdeckte sie der Chef des Bayern-Kaders, und er fragte sie, ob sie nicht mal ein Rennen fahren wolle. Sie wollte. Und dann ging alles ganz schnell.

2009 begann Denise Schindler, mit ihrem Trainer Tobias Bachsteffel planvoll und regelmäßig zu üben. 2011 gewann sie die WM im Straßenrennen. 2012 schaffte sie bei den Paralympics in London in derselben Disziplin Platz zwei. 2015 wurde sie Weltmeisterin in der Einer-Verfolgung auf der Bahn. Dieser zweite WM-Titel sei für sie „wirklich eine Mega-Befriedigung“ gewesen, sagt Schindler. Denn sie hat sehr viel Kraft und Zeit in diesen Titel investiert. Sie sei heute, berichtet Schindler, erheblich schneller als noch vier Jahre zuvor – wie viele ihrer Konkurrentinnen auch. „Das Niveau ist schon extremst angezogen. Das ist nicht mehr bloß ein bisschen Behindertensport. Das ist wirklich Profisport geworden.“

Bei den Paralympics in diesem Sommer in Rio kann Schindler, wie Bundestrainer Patrick Kromer glaubt, drei Medaillen gewinnen – wenn alles ideal läuft. Sie tut viel dafür. Sie hat sich bei ihrem Arbeitgeber, einem Online-Vermarkter, eine einjährige Auszeit genommen, um sich intensiv vorbereiten zu können. Zurzeit ist sie im Trainingslager in Südafrika. „Sie hat sich nonstop weiterentwickelt, jedes Jahr“, sagt ihr Trainer Bachsteffel. Bundestrainer Kromer lobt, sie sei extrem professionell geworden. Sie achte auf alles – von der idealen Ernährung bis zur perfekten Sitzposition. Schindler ist enorm ehrgeizig. Sie sagt selbst, sie könne nicht ohne ihren Sport: „Das wäre für meine Umwelt nicht ertragbar.“ Schon wenn ihr Trainer ihr zwei Ruhetage hintereinander verordnet, fängt sie an zu murren. Aber Kromer sagt, sie sei empfänglicher geworden für den Rat, dem Körper auch mal eine Pause zu gönnen.

Der Sport hat Schindler verändert. Er hat sie sehr gefordert. In den vergangenen vier, fünf Jahren, sagt sie, habe sie „Raubbau am Körper betrieben“ – als sie ihren Beruf mit 25 Stunden Training pro Woche kombinierte. Da saß sie häufig nach einem Rennwochenende am Montag im Büro und war völlig platt. Doch sie hat durchgehalten. Sie sagt, ihre Behinderung habe sie härter gemacht. Gegenüber Mitmenschen, die gern jammern – aber auch gegenüber sich selbst. „Sie ist ein Stehaufmännchen“, sagt ihr Trainer Bachsteffel. „Sie gibt einfach nicht auf.“

Schindler ist gereift. Am Anfang ihrer Karriere, berichtet Bundestrainer Kromer, habe sie nur nach Erfolgen gestrebt. Sie habe den Egoismus gezeigt, den viele Sportler zeigen – und den sie ja auch brauchen, um zu bestehen. Mittlerweile jedoch spricht Schindler auf Symposien für den Deutschen Behindertensportverband, sie hält in Firmen Vorträge über das Thema Motivation, und sie ist seit Juni 2013 Aktivensprecherin in ihrer Nationalmannschaft. „Sie sieht den Sport nicht mehr nur als Sport“, sagt Kromer. „Sie macht jetzt auch eine gewisse Sozialarbeit.“ Bachsteffel bewundert die Konsequenz, mit der Schindler wurde, was sie ist: „Da sag’ ich: Chapeau! Hut ab!“ Zumal seine Athletin sich auch noch gut verkauft: „Sie ist ja mittlerweile eine Marke.“

Wenn Denise Schindler nun am Dienstag in Bremen durch die ÖVB-Arena düst, dann bringt sie eine Botschaft mit: „Ich will den Leuten sagen: Hey, nimm dich an, wie du bist – und mach einfach was draus, aus deinen Stärken!“ Kann sein, dass Schindler die Verfolgung, die sie dann fährt, verliert. Aber was würde das schon bedeuten? Das Rennen ihres Lebens hat sie doch längst gewonnen.

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