Para-Eishockeyspieler Bas Disveld „Das Schöne ist, dass du aus deinem Rolli herauskommst“

Einen Gang runterschalten kann Bas Disveld nicht. Im Schlitten hat der Nationalmannschaftskapitän ambitionierte Ziele. Dafür schuftet er auf und abseits des Eises. Disveld spielt Para-Eishockey.
04.08.2018, 06:00
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„Das Schöne ist, dass du aus deinem Rolli herauskommst“
Von Marlo Mintel

Alexander Owetschkin, Sidney Crosby, Leon Draisaitl: Eishockey-Superstars, die in der nordamerikanischen Profiliga NHL Millionengehälter verdienen, gelten als Vorbilder. Nicht aber für Bas Disveld. „Ich vergleiche mich nicht mit Fußgängern.“

Auch er hat es im Eishockey weit geschafft. Der gebürtige Zevener gehört seit 2005 der Nationalmannschaft an, ist Kapitän des Teams seit 2016 und reist mit der Auswahl um die Welt. Statt auf Schlittschuhen jagt der 42-Jährige allerdings festangeschnallt auf einem individuell angepassten Schlitten dem Puck hinterher. Disveld ist seit seinem 21. Lebensjahr querschnittsgelähmt. Ein Autounfall. Er spielt Para-Eishockey.

Die Sportart, auch unter dem Namen Sledge-Eishockey bekannt, üben sowohl gehbeeinträchtigte, als auch Spieler ohne Handicap aus. Die Regeln sind mit denen des klassischen Eishockeys identisch. Um sich auf dem Eis abzustoßen, benutzen die Akteure zwei kurze Schläger, an deren Griffenden Spikes angebracht sind. Kräftige Arme sind gefragt – die hat Disveld. Er achtet penibel auf seine Fitness. Handbike fahren, Muckibude, Marathon: Disveld ist vom Sport besessen. Vor allem vom Para-Eishockey.

Geht Disveld nicht für die Nationalmannschaft auf Torejagd, spielt er für die Weserstars Bremen, dem aktuellen deutschen Vizemeister. Die abgelaufene Saison lief für den robusten Mittelstürmer gut. Disveld krönte sich zum Torschützenkönig der Deutschen Para-Eishockey Liga. „Mit Abstand“, betont er, grinst und wiederholt: „Mit Abstand.“

Es sind aber nicht nur die Tore, die ihn antreiben. Para-Eishockey hat für den in Achim lebenden Spieler einen besonderen Reiz. „Das Schöne ist, dass du aus deinem Rolli herauskommst.“ Während er spricht, gestikuliert er viel mit den Händen. Sein Rücken ist durchgestreckt. „Auf diese Kiste mal nicht angewiesen zu sein, weil ich diese Kiste nie wollte, ist schon schön. Mich in den Schlitten zu setzen, fühlt sich nicht nach Zwang an.“

Harter Arbeiter

Disveld ist ehrgeizig – schon immer gewesen. Als Kind schwamm er im Verein und wollte stets schneller sein als seine ein Jahr ältere Schwester. „Der sportliche Ehrgeiz war aber bei Weitem nicht so ausgeprägt wie heute“, sagt er. Beim Para-Eishockey vergleicht sich der Mittelstürmer gern mit anderen Topspielern. Seinen Status im Nationalteam und bei den Weserstars hat er sich hart erarbeitet. „Ich war nie ein Naturtalent.“

Sein Erfolgsrezept: härter zu trainieren als die anderen. „Ich bin meist früh aufgestanden, habe mein Klamotten zusammengepackt und bin in die Eishalle gefahren. Dort bin ich dann alleine aufs Eis gegangen und habe die Sachen ausprobiert, die ich noch lernen musste. Solange, bis ich das konnte.“ In seinem Spiel sieht er immer noch Verbesserungspotenzial. Seine Ruhe und Übersicht am Puck seien noch ausbaufähig. „Ich weiß, dass immer noch was geht.“

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Dafür will Disveld weiter Gas geben. Einen Gang zurückzuschalten, sehe er nicht ein. Das sei nicht seine Art. „Ich möchte auf dem Eis etwas reißen“, sagt der 42-Jährige und fügt an: „Ich weiß auch, dass meine Mannschaftskameraden das von mir erwarten. Die erwarten, dass ich meine Leistung bringe, weil sie das von mir nicht anders kennen.“

"Arbeit ist nur noch Nebensache"

Auch seine Arbeitskollegen wissen, dass der Para-Eishockeyspieler für seinen Sport brennt. Disveld arbeitet zweieinhalb Tage in der Woche als Controller für eine Bremer Reederei. Vor seinem folgenschweren Autounfall wollte er Blechschlosser werden. Seine beruflichen Pläne musste der Sportler begraben. Vorbei der Traum. „Die Arbeit ist nur eine Nebensache für mich.“

Sein Fokus liegt auf den sportlichen Zielen, die er für sich eindeutig definiert hat. Disveld will noch einmal an den Paralympics teilnehmen. So wie 2006. Damals verpasste die deutsche Auswahl in Turin nur knapp eine Medaille. Das Spiel um Bronze verlor sein Team gegen die USA. Seitdem müssen Disveld und seine Mannschaftskollegen zusehen, wie andere Nationen bei den Paralympics um die begehrten Edelmetalle kämpfen. In den entscheidenden Qualifikationsspielen war gegen Schweden Endstation.

Er werde sehr oft gefragt, ob er irgendwann mit dem Para-Eishockey aufhöre, sagt Disveld. „Ich antworte dann: Ich habe einfach nichts anderes.“

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