Sixdays in Bremen Das Verwirrspiel mit der Ausschreibung

Bremen. Rund zwei Wochen Zeit hat der Chef der Bremer Sportmarketing (BSM), um die Bremer Bewerbung für das Sechstagerennen nach 2011 abzugeben. "Die Mischung aus Spitzensport, Party und Unterhaltung macht den besonderen Reiz aus", sagte Minder.
14.08.2010, 08:30
Lesedauer: 4 Min
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Das Verwirrspiel mit der Ausschreibung
Von Ruth Gerbracht

Bremen. Frank Minder ist wie immer gut gelaunt und hat keinen Grund zur Eile. Noch gut zwei Wochen hat er Zeit, seine Bewerbung abzugeben. Die Chancen, auch nach 2011 das Bremer Sechstagerennen zu veranstalten, müssten - sollten die Ausschreibungskriterien streng ausgelegt werden - ziemlich gut sein. Fast scheint diese förmlich auf ihn zugeschnitten zu sein. Es heißt nämlich: 'Neben dem sportlichen Wert der Veranstaltung ist das Sechstagerennen ein gesellschaftlicher Event. Die Mischung aus Spitzensport, Party und Unterhaltung macht den besonderen Reiz aus.' Genau mit diesem Konzept ist Frank Minder seit 1994 überaus erfolgreich in Bremen.

Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass der Chef der Bremer Sportmarketing (BSM) ein wenig irritiert war, als es Anfang des Sommers hieß, man müsse das Sechstagerennen ab 2012 öffentlich ausschreiben. Schließlich laufe Minders Vertrag 2011 aus. 'Früher haben wir uns nach Ablauf des Vertrages zusammengesetzt, und dann alles klargemacht', erzählt Minder. Die Ausschreibung selbst kritisiert er auch nicht. Damit könne er bestens leben. 'Aber jetzt wird so getan, als ob es um etwas völlig Neues ginge. Wir sind genau mit dieser Mischung aus Sport, Show und Event seit 16 Jahren das einzige Sechstagerennen in Deutschland, das überlebt hat.'

Reinigungsfirma bewirbt sich

In der Tat: München, Stuttgart, Dortmund - sie alle haben im Laufe der letzten Jahre aufgeben müssen. Kaum Sponsoren, kaum Zuschauer, kein überlebensfähiges Konzept. Dass man mit attraktivem Radsport allein keinen Euro verdienen kann, hat Frank Minder im Laufe seiner 40-jährigen Erfahrung früh verstanden. In der Zeit, als der mittlerweile 64-Jährige zusammen mit dem ehemaligen Bremer Stadthallenchef Heinz Seesing die Sixdays betrieben hat, entwickelte sich die Veranstaltung aufgrund der jetzt ausgeschriebenen Kriterien zum Höhepunkt in ganz Norddeutschland. Der einzige Nachteil: Obwohl das Bremer Sechstagerennen die erfolgreichste Bremer Veranstaltung war, wurde unverständlicherweise kein Geld verdient. Oder anders gesagt: die Sixdays waren defizitär.

Erst als die Stadt sich von ihrem Hallenchef Seesing im gegenseitigen Einvernehmen getrennt hatte und Minder 1994 bereit war, die Veranstaltung auf eigenes Risiko zu betreiben, wurde es finanziell eine lohnenswerte Angelegenheit. Zu keiner anderen Zeit im Jahr wird in Bremen soviel gefeiert, kommen so viele Gäste in die Stadt. Die fünfte Bremer Jahreszeit entwickelte sich im Laufe der Jahrzehnte zur nationalen und internationalen Touristenattraktion.

Und selbst in einem so schwierigen Jahr wie 2009 hat es Minder geschafft, mit dem Sechstagerennen trotz Wirtschaftskrise schwarze Zahlen zu schreiben. 'Darauf bin ich besonders stolz', sagt er. Aber möglicherweise ist Minder im vergangenen Jahr einigen Leuten in der Bremer Politik auf die Füße getreten, als er seitens der Stadt mehr Unterstützung gefordert hatte. Vielleicht sieht da der ein oder andere nun die Chance, den BSM-Chef Minder loszuwerden. 'Darüber will ich öffentlich nicht spekulieren', erklärt Minder.

Auch ein Urteil über seine Mitbewerber will der 64-Jährige nicht wirklich fällen. Allerdings findet er die Bewerbung eines Bremer Reinigungsunternehmens für die Ausrichtung des Sechstagerennens schon ziemlich verwunderlich. 'Da könnte ich doch auch zur OHB und Professor Fuchs gehen und mich als Raketenforscher bewerben. Sag denen, ich hab zwar keine Ahnung, aber ich krieg das schon hin', sagt Frank Minder.

Dass sich der ehemalige Bremer Stadthallen-Chef Heinz Seesing zusammen mit seinem Marketingkollegen Reiner Schnorpfeil beworben haben - beide haben vor einigen Jahren mit großzügiger Unterstützung der Stadt Berlin das dortige Sechstagerennen wieder belebt - sieht Minder gelassen. 'Nach der Vorgeschichte kann ich mir nicht vorstellen, dass die beiden den Zuschlag bekommen.' Zudem glaubt Minder, dass die Strukturen eines Sechstagerennens in jeder Stadt anders ist. Das könne man nicht 1:1 übertragen. Was womöglich in München läuft, passe nicht nach Berlin oder umgekehrt. Auch glaubt Minder nicht, dass es demnächst - wie von Schnorpfeil angekündigt - Sixdays in Hannover oder Leipzig geben könne. Das würde schon seit Jahren kolportiert. Der Grund liegt für den Bremer auf der Hand. 'Wenn Du irgendwo so ein Event auf die Beine stellen willst, musst du mit 2 Millionen Euro in Vorleistung gehen. Keine Stadt stellt dir das Geld zur Verfügung Die wollen erst mal sehen, ob das läuft.' Und soviel Geld müsse einer erst einmal bereithalten.

Sechstagerennen in Herne

Allerdings weiß Minder doch noch von einem neuen Rennen zu berichten. Vom 21. bis 26. September soll auf dem Cranger Kirmes-Platz in Herne ein Sechstagerennen über die Bühne gehen. Der Spezialist für Radsportveranstaltungen in Nordrhein-Westfalen, Michael Zurhausen, wird in einem Zelt mit geradezu rekordverdächtigen Ausmaßen (200 Meter lang, 80 Meter breit, 26 Meter hoch) die Bahn mit dem charakteristischen Steilkurven aufbauen. Sportlich gesehen soll die Weltelite des Bahnen-Radsports in Herne auflaufen - unter anderem mit Franco Marvulli, Danny Stamm und Leif Lampater. Das Ganze würde dann auch mit einem spektakulären Showprogramm umrahmt werden. 'Ich würde mich freuen, wenn das ein Erfolg wird', sagt Frank Minder ehrlich.

Das hofft er natürlich auch weiterhin für seine Arbeit. Nicht nur für die kommende Veranstaltung 2011, sondern auch für die Zukunft. Schließlich ist Frank Minder ein Radsport-Fanatiker, einer, der schon seit Kindertagen infiziert ist. Natürlich wäre er traurig, wenn 2011 seine letzte Veranstaltung wäre - das gibt er unumwunden zu. Aber er könnte auch ohne. Zu tun gebe es genug für ihn. Auch für Patrick Sercu, für Minder, der 'beste Sportliche Leiter', wäre dann Schluss. 'Wir haben immer gesagt, dass wir gemeinsam aufhören. Das gilt übrigens auch für meine Sprecher', sagt der Macher der Bremer Sixdays.

Aber daran will Frank Minder gar nicht denken. Er bleibt Optimist und rechnet deshalb stark damit, auch in den nächsten Jahren der Chef im Radsport-Oval bleiben zu können. 'Wenn die Verantwortlichen die Qualifikation nur einigermaßen vernünftig bewerten , dann sind wir weiter dabei.'

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