Sechs-Tage-Rennen 2010 Dem Abgrund ganz nah

Bremen. Der Verdacht wog schwer. Iljo Keisse, auf dem besten Weg zum Sechs-Tage-Star, sollte gedopt haben. Ausgerechnet bei seinem Heimrennen im belgischen Gent 2008 war er positiv getestet worden - sowohl in der A- als auch in der B-Probe. Jetzt fährt er wieder.
15.01.2010, 19:40
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Dem Abgrund ganz nah
Von Jörg Niemeyer

Bremen. Der Verdacht wog schwer. Iljo Keisse, auf dem besten Weg zum Sechs-Tage-Star, sollte gedopt haben. Ausgerechnet bei seinem Heimrennen im belgischen Gent im Herbst 2008 war er positiv getestet worden - sowohl in der A- als auch in der B-Probe. Eine Katastrophe für einen Profi, der über den Radsport sagt: 'Das ist mein Leben.' Und das sah, bei einem erst 25-Jährigen durchaus verständlich, keine berufliche Alternative vor.

Iljo Keisse wäre ins Nichts gestürzt, wenn sich der Verdacht bestätigt hätte. Der zweimalige Olympia-Teilnehmer beteuerte seine Unschuld, kündigte jedoch seinen Rücktritt an, falls er gesperrt werden würde. 'Natürlich hatte ich Angst, dass meine Karriere beendet sein könnte. Wenn du wegen Dopings verurteilt wirst, ist dein Name befleckt.' Obwohl weder damals noch jemals verurteilt, bekam Iljo Keisse einen Vorgeschmack auf mögliche Konsequenzen einer Verurteilung. 'Die Presse hat mir zu schaffen gemacht', sagt er heute, 'sie hat mich runtergeschrieben, ohne zu wissen, was überhaupt los war.'

Der Verriss in den Zeitungen war nur eine Folge, unter der Keisse zu leiden hatte. Eine andere war die Entlassung seines Teams Topsport Flandern - die Adresse schlechthin in seiner Heimat. 'Das war gleichbedeutend mit dem Abstieg vom Helden zu einem Nobody', klärt der Radsport-Experte Christian Stoll über den Rang dieses Arbeitgebers auf. Zum Glück fand Iljo Keisse Rückhalt in seiner Familie. Wenigstens auf die konnte er bauen, auch wenn es bis Ende Februar insgesamt drei Monate dauern sollte, bis die Kämpfernatur Iljo Keisse den Blick wieder nach vorn richten konnte. Er stieg aufs Rad, begann zu trainieren, als stünde er in einem Rennstall unter Vertrag. Weil sich die Verbände in dem Doping-Verfahren offenbar selbst nicht sicher waren, sperrten sie den Aktiven auch nicht. Im Gegenteil: Zum 1. Mai erhielt der Fahrer seine Amateurlizenz zurück und bestritt danach etwa 50 Amateur- und Profirennen, von denen er zwölf gewann.

Doch das war nebensächlich. In der Hauptsache galt Keisses Kampf der Wiederherstellung seines guten Rufes. Weil die bewusste Einnahme verbotener Substanzen nicht nachzuweisen war, sprach der belgische Radsportverband den Aktiven im November 2009 frei. Der in den Proben gefundene Appetitzügler Cathin wäre ein Abbauprodukt von Substanzen im Erkältungsmittel Sinutab gewesen, das Keisse legal eingenommen hatte. Und den Nachweis eines sogenannten Maskierungsmittels, das dopende Sportler aus Verschleierungsgründen zu sich nehmen, führte das Sportgericht auf die Verunreinigung eines Nahrungsergänzungsmittels zurück.

'Ich bin dankbar, dass ich die Zeit bekommen habe, meine Unschuld nachzuweisen', sagt der inzwischen 27-Jährige. Eine Zeit, die ihn auch grundlegend verändert hat. 'Lange habe ich nur den Sport im Blick gehabt - das mache ich jetzt anders.' Die Ereignisse der vergangenen 15 Monate haben das bewirkt, aber auch die Todesfälle von gleich drei zum Teil eng mit ihm befreundeten Kollegen in jüngerer Vergangenheit. 'Das Radfahren ist mir immer noch wichtig, doch es gibt auch anderes im Leben', sagt Keisse. Das hat er unter großen seelischen Schmerzen lernen müssen.

Privat wie beruflich gilt es nun, die Zukunft zu gestalten. Der Sportliche Leiter des Bremer Sechs-Tage-Rennens, Patrick Sercu, kennt Keisse schon aus dessen Jugendzeit und hält sehr viel von ihm. 'Er ist nicht der große Athlet, hat aber einen sehr starken Charakter, einen ausgeprägten Willen und eine sehr professionelle Einstellung.' Eigenschaften, die der Hochgelobte nicht zuletzt im vergangenen Jahr zeigte. Treue und Zielstrebigkeit zeichnen Keisse auch privat aus: Seit achteinhalb Jahren ist er mit einer ehemaligen Schulfreundin liiert. 'Wir wollen eine Familie gründen - da spricht nichts gegen eine Hochzeit', sagt er exklusiv an dieser Stelle. Seiner Liebsten habe er das so noch nicht gesagt.

Auch beruflich ist wieder Land in Sicht. Iljo Keisse will in seinem neuen, belgischen Straßenteam Quick Step unbedingt seine Chance nutzen - auch weil der Fortbestand von Sechs-Tage-Rennen immer ungewisser wird. 'Ich habe einen Vertrag für ein Jahr, jetzt muss ich mich bewähren. Das ist mein Ziel, nicht irgendwelche Siege in einzelnen Rennen.' Zuvor allerdings möchte er in Bremen gewinnen - mit Robert Bartko, seinem Traumpartner.

Iljo Keisse will auch an der Weser alles tun, um als tadelloser Sportsmann wahrgenommen zu werden. Nach anfänglicher Zurückhaltung feierte das Rotterdamer Publikum den Belgier am Dienstag nach seinem Sieg mit Danny Stam angemessen - so hätte er es auch gern in Bremen. 'Ich habe ja noch ein paar Tage Zeit, die Zuschauer zu überzeugen', sagt Keisse. So also klingt eine freundlich formulierte, aber entschlossene Kampfansage an die Konkurrenz.

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