Rückblick auf die Hinrunde der Bremen-Liga

Denkwürdige Momente

Streikende Fußballer, Rassismus-Vorwürfe, ein Spielabbruch: Die Bremen-Liga machte in der Hinrunde vor allem durch Skandale auf sich aufmerksam.
29.12.2017, 19:30
Lesedauer: 6 Min
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Von Stefan Freye
Denkwürdige Momente

Hier noch im Trikot des Bremer SV: Philipp Rockahr. Der 28-Jährige wechselt zum TB Uphusen in die Oberliga Niedersachsen.

Frank Thomas Koch

Sie sollte eine besondere Spielzeit werden, die Saison 2017/2018 in der Bremen-Liga. Denn mit der Firma Stark hatte der Bremer Fußball-Verband im Sommer erstmals einen Namenssponsor präsentiert. Er zahlt den teilnehmenden Vereinen mindestens 1500 Euro pro Saison, im Gegenzug wurde die Spielklasse offiziell in Stark Bremen-Liga umbenannt. Zum Auftakt war auch Sporttotal mit von der Partie. Das Unternehmen verfolgt den ehrgeizigen Plan, die Spiele der deutschen Amateurklassen mittels einer automatisch gesteuerten Kamera zu übertragen. Im August war die Bremen-Liga dran, ab dieser Saison gibt es Livebilder aus der höchsten Spielklasse des Landesverbandes. Eine größere öffentliche Präsenz und eine neue Einnahmequelle – unumstritten waren diese Projekte nicht, aber mit ihnen verbanden sich auch gute Nachrichten.

Als Ende Juli der Spielbetrieb startete, rechnete jedenfalls niemand damit, dass ein paar denkwürdige Monate folgen würden. Zunächst hatte allerdings ein Team von sich reden gemacht, dass für viele Experten bereits vor der Spielzeit als Absteiger festgestanden hatte: der VfL 07. Trainer Jürgen Damsch, vor der Saison vom TuS Komet Arsten nach Findorff gewechselt, war nicht zu beneiden: Im Frühjahr hatte er seine ­Zusage gegeben, da war die Abwanderungswelle des VfL noch gar nicht abzusehen gewesen. Am Ende musste Damsch zahlreiche Spieler ersetzen und einräumen, dass „eine schwere Saison“ vor seinem Team liegt.

Späte Gegentreffer

Der Start mit einem 4:2 gegen den TuS Schwachhausen ließ allerdings aufhorchen. In der Folge kassierten die Findorffer zwar einige deutliche Niederlagen. Aber es sein Team feierte in der Folge auch Siege über die SG Aumund-Vegesack (2:1) und die LTS Bremerhaven (3:1). Mit dem Ergebnis, dass der VfL noch im September im Mittelfeld der Spielklasse platziert war. Mittlerweile zählt er als 13. zwar wieder zu den Kellerkindern, doch das Team tritt als Einheit auf. Deshalb hat die Damsch-Elf die Rolle als sicherer Absteiger längst abgestreift.

Auch von Vatan Sport gab es zunächst viel Positives zu berichten. Der Aufsteiger aus der Landesliga lieferte zu Saisonbeginn gute Auftritte ab. Zu einem Sieg sollte es dennoch lange nicht reichen. Aus den Duellen mit dem amtierenden Vizemeister Blumenthaler SV (1:2), dem SV Werder III (3:3), dem FC Oberneuland (2:2) und dem TuS Schwachhausen (2:4) gewann Vatan immerhin zwei Punkte. Zufrieden war Trainer Riza Avdiji damit allerdings nicht. Seine Mannschaft gab den Erfolg regelmäßig aus der Hand, in letzter Minute, durch spät kassierte Treffer.

Tumulte und Spielabbruch

Der Frust war groß, vielleicht leitete er auch die denkwürdigen „Vatan-Tage“ im Oktober ein: Zunächst wurde das Spiel beim Brinkumer SV abgebrochen, weil der Unparteiische die Fortsetzung durch Vatan-Anhänger gefährdet sah. Was genau damals in Brinkum passierte, ist noch immer strittig. Fest steht: Das Sportgericht des Bremer Fußball-Verbandes hält es für bewiesen, dass die Störung von Menschen ausging, die dem Gröpelinger Verein zugerechnet werden müssen. Doch die Berufung läuft bereits. Keine Rechtsmittel legte der Vatan gegen die zwei Roten Karten ein, die seine Kicker nur eine Woche nach dem ersten Spielabbruch in der Bremen-Liga-Geschichte kassiert hatten: Beim Spiel in der Neustadt lieferten sich die Vatanesen Eneo Solkja und Kristal Elezi eine körperliche Auseinandersetzung und wurden des Feldes verwiesen. Es folgte die Trennung von zahlreichen Spielern, seitdem geht es wieder ruhiger zu.

Ruhe kehrte auch beim TSV Grolland ein. Nachdem es im Anschluss an die 1:6-Niederlage in Habenhausen zu Tumulten unter der Beteiligung von Grollander Spielern gekommen war, hatte Frank Thinius sein Amt Ende August zur Verfügung gestellt. Vorerst, denn der Trainer konnte sich eine Rückkehr schon vorstellen, aber erst nach seinem lang geplanten Urlaub. Sie würde allerdings abhängig sein vom Auftreten der Mannschaft. Es folgten ordentliche Leistungen unter Abteilungsleiter Michael Dehne. Tatsächlich kehrte Thinius im Oktober zurück. „Die Spieler haben gesagt, dass sie gern mit mir weiterarbeiten möchten“, sagte der Trainer, „das war fast schon rührend.“

Die schöne Geschichte in Grolland vermochte jedoch nicht darüber hinwegzutäuschen, dass die Saison bereits im Herbst als einigermaßen turbulent zu bezeichnen war. Am 20. November entließ der Bremer SV Sasa Pinter. Es war nicht die erste Trennung, schließlich hatte der Brinkumer SV bereits im Oktober die Zusammenarbeit mit Walter Brinkmann beendet. Das war schon außergewöhnlich, hatte dieser doch immerhin den vierten Platz belegt. Die Entlassung von Pinter allerdings stieß auf allgemeines Unverständnis, der erst im Sommer zum Panzenberg gewechselte Trainer war mit seinem Team schließlich seit Saisonbeginn an der Spitze der Liga gewesen.

„Das ist nicht nur unverschämt, sondern auch weltfremd“, kommentierte Pinter das Aus. Seine Spieler vermochten den Rauswurf ebenfalls nicht nachzuvollziehen und streikten. Es wurde viel gesprochen, und wer am Ende welche Position bezog, war später nicht mehr ganz so leicht nachzuvollziehen. Die Sportliche Leitung, bestehend aus Fred Heise und dem gerade erst zum BSV zurückgekehrten Klaus Gelsdorf, hatte die Situation unterschätzt – weshalb Gelsdorf bereits zwei Tage nach der Entlassung Pinters zurücktrat. Auch Benjamin Duray, eigentlich als neuer Trainer vorgesehen, kam dann doch nicht. Es musste improvisiert werden. Mit einer Mannschaft, die nur zu den restlichen Spielen antrat, weil sie die Freigabe in dieser Winterpause erhalten sollte – wovon bislang fast ein Dutzend Spieler Gebrauch machten.

Plötzlicher Trainer-Rücktritt

Bekannt ist, dass sich mit Christian Ahlers-Ceglarek, Ole Laabs, Frithjof Rathjen, Philipp Rockahr und Sebastian Kurkiewicz gleich fünf Kicker dem TB Uphusen (Oberliga Niedersachsen) um Ex-BSV-Coach Fabrizio Muzzicato anschließen werden. Beim Bremen-Ligisten BSC Hastedt kamen Florent Aziri, Boris Koweschnikow und Youness Buduar unter. Artur Degtjarenko wechselte zum neuen Verein von Sasa Pinter, dem SV Blau-Weiß Bornreihe. Coach des Bremer SV ist mittlerweile Cengiz Cakir. Er wird den BSV mindestens bis zum Saisonende trainieren, muss nun aber erst einmal den Kader auffüllen. Cakir ist zuversichtlich und glaubt, trotz der zahlreichen Abgänge eine „vernünftige Truppe“ an den Start zu bringen. Ob der aktuelle Spitzenreiter bis zum Schluss um die Meisterschaft spielen wird, darf angesichts des Aderlasses bezweifelt werden. Zumal andere Mannschaften sich in dieser Winterpause zweifellos verstärken – wie etwa der BSC Hastedt. Allein die drei Spieler vom BSV werden dem Tabellendritten mit neuer Kraft versehen.

Dabei schien sich der Aufsteiger noch vor wenigen Wochen in ernsthaften Schwierigkeiten zu befinden: Am Abend des 28. November hatten Gökhan und Samet Deli ihren sofortigen Rücktritt erklärt – der Klub stand plötzlich ohne Trainer da. Was genau passiert war, ließ sich auch in diesem Fall nicht abschließend klären. Unstrittig ist, dass Abteilungsleiter Hagen Kelber mit dem Unternehmer Thomas Kociper über ein Sponsoring verhandelt hatte. Über die Ausrichtung der Zusammenarbeit gibt es allerdings verschiedene Ansichten.

Streikende Spieler

Das Trainerduo warf den Beteiligten Rassismus vor, habe der neue Geldgeber sein Engagement doch von einer Absenkung des Ausländeranteils abhängig gemacht. Das bestreitet Thomas Kociper vehement. Auch Hagen Kelber widersprach dieser Darstellung. Nach Ansicht der Mannschaft allerdings nur halbherzig. Weshalb auch die Spieler des BSC Hastedt in den Streik traten, woraufhin Kelber seinen Hut nahm und Gökhan Deli und sein Bruder Samet genau eine Woche nach dem Rücktritt zum Verein zurückkehrten. Weil in Kelber aber nicht nur der BSC-Macher, sondern auch ein potenter Sponsor fehlte, präsentierten die Delis auch einen neuen Geldgeber. Zukünftig wird der Lebensmittelhersteller Morgenland die Hastedter Kicker unterstützen. „An Geld wird es definitiv nicht fehlen“, sagt Deli.

Wenn alles gut läuft, wird die Spielklasse in der Rückrunde nicht mehr durch Skandale, sondern nur noch durch sportlichen Wettbewerb von sich reden machen. Vielleicht geht es dann auch auf anderer Seite wieder aufwärts. Denn wie zu hören war, konnte sich Olaf Stark, dessen Gebäudereinigungsfirma als Namensgeber fungiert, so gar nicht anfreunden mit den vielen Negativgeschichten der vergangenen Monate. Und Sporttotal hat gerade mal vier Kameras installiert auf Bremer Plätzen. Noch leiden die Liveübertragungen unter der Mitsprache der Behörden und dem etwas verhaltenen Interesse der Vereine. Auch in diesem Zusammenhang gilt: Es kann eigentlich nur besser werden.

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