Billard im Reich der Mitte

Der Bremer Nils Johanning nutzt die Plattform China

Aus sportlicher Sicht war Johannings Reise nur bedingt erfolgreich, aber er nutzte sie auch, um kräftig zu netzwerken. Nun hat der Bremer Pläne, die im europäischen Billard-Verband auf wenig Gegenliebe stoßen.
30.06.2019, 16:18
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Der Bremer Nils Johanning nutzt die Plattform China
Von Olaf Dorow
Der Bremer Nils Johanning nutzt die Plattform China

Nils Johanning

Nils Johanning

Nils Johanning war neulich in Linyi. Das ist eine Millionenstadt, in Deutschland würde ihre Größe zu Platz zwei reichen. In China ist sie Nummer 50. In China haben die Dimensionen eine andere Dimension. 384 Spieler hätten da mitgespielt auf diesem Turnier im Chinese Eight-Ball, einer in Europa noch recht unbekannten und aus einer Mischung von Pool und Snooker bestehenden Billard-Variante. Nils Johanning von den Billardfreunden Bremen gehörte zu den 30 Nicht-Chinesen aus 30 verschiedenen Ländern, die nach Linyi, südlich von Schanghai gelegen, eingeladen wurden.

Billard in China unter den Top drei

35 Millionen Aufrufe hätte es in den Live­streams gegeben, sagt Johanning. Dabei war das in Linyi nur ein Qualifikationsturnier für das Finale, das World Pool Masters. Da könne man mit 170 Millionen Aufrufen rechnen. Und der Sieger bekäme eine Million Renminbi, umgerechnet rund 130 000 Euro. Die Plattform für die Live-Video-Aufrufe sei QQ.com, sie sei größer als YouTube, sagt Johanning.

Und überhaupt: Billard sei eine große Nummer in China. Gehöre mit Tischtennis und Basketball zu den Top-drei-Sportarten des Riesenreichs. In Linyi seien die besten Spieler mit einem stattlichen Gefolge aufmarschiert, wie ein Box-König oder ein Formel-1-Star. Sie seien umschwirrt worden von lauter Livestreamern. Weswegen man sich die Anziehungskraft von China-Billard auf jemanden wie Nils Johanning gar nicht groß genug vorstellen kann. Das Spiel mit den Kugeln, die den Queues der Meister so verblüffend gehorchen, ist seit Langem seine Leidenschaft. Und gehört zu seinem Geschäft.

Johanning ist als Plattform-Entwickler groß geworden, er hat in Oldenburg 15 Jahre Video-Überwachungssysteme betreut. Mit seiner Firma Reelive inszeniert er Events. Plant, produziert, streamt. Für das White-Sand-Festival auf Norderney, das Elbjazz-Festival in Hamburg, für Formel 1 in Abu Dhabi. Für alle möglichen Veranstaltungen aus Politik, Musik, Sport. Und eben auch Billard. „In der Szene“, sagt Johanning, „kennt Reelive eigentlich jeder.“ Spätestens seit der Reise nach Linyi auch in China. Nils Johanning war da ja nicht nur zum Billard-Spielen, er war da auch zum Billard-Netzwerken. Das eigene sportliche Vorankommen in dem Turnier stockte bereits nach der zweiten Niederlage in der zweiten Runde. Das war zu erwarten, er hatte kaum Eight-Ball-Praxis. Doch China wurde für ihn, so erzählt es der Bremer Billard-Freund, zu einem großen Schritt nach vorn.

„Ich habe jetzt alle Logins für die chinesischen Plattformen“, sagt Johanning. Jetzt geht es, vereinfacht dargestellt, um einen Transfer in zwei Richtungen: Chinesen, die sich auch die bewegten Billard-Bilder aus Europa anschauen – und europäische User, die sich virtuell nach China begeben. Potenzial: besonders groß. Ziel: das größte Billard-Netzwerk der Welt. Johanning zählt auf, wer schon alles zu dem Netzwerk dazugehört, da kommt der Reporter kaum mit, das alles zu notieren: USA, Kanada, Mexiko, Malaysia, Türkei, Russland, Libanon, Kenia, Südafrika, Australien.

Johanning kann sich da sehr in Fahrt reden, wenn es darum geht, einer Sportart zu größerer Aufmerksamkeit und damit zu größeren Möglichkeiten zu verhelfen. Im Grunde will sein Billard-Engagement auch eine Blaupause sein für das, was in vielen Sportarten beziehungsweise Verbänden auf der Agenda steht. Oder stehen sollte: die Positionierung im digitalen Zeitalter. „Verbände denken da oft in Strukturen wie vor 20 Jahren“, sagt Johanning.

Er will einer sein, der für das neue Denken steht, und zum neuen Denken gehört für ihn eine Art Appell. Die hört sich ungefähr so an: Nutzt die Plattformen, die euch die Online-Welt bietet. Schafft Reichweite! Nutzt Eure Währung! Die Währung des Sports sei Authentizität. „Das wird mehr und mehr an Relevanz gewinnen“, sagt Johanning. Gut eingefangene Bilder, die in Echtzeit gestreamt werden, das sei doch quasi das, was Sportler auf den Markt werfen können. Wenn man so will, entstünde auf diese Weise eine Form von Sportförderung. Eine digital betriebene.

Europas Billard-Verband als Bremse

Auf dem Weg zu neuen Ufern sieht der Billard-Vermarkter, der jetzt den Verein „International Chinese Eight Ball Germany“ gründen will, einen Bremsklotz: den europäischen Billard-Verband. Der wolle, so stellt es Johanning dar, am liebsten eine Veranstaltung verhindern, die die Bremer Billardfreunde ganz groß aufziehen wollen. Vom 20. bis 24. November soll im Zentrum an der Stresemannstraße ein Chinese Eight-Ball-Turnier abgehalten werden, und es soll das größte Billardturnier Deutschlands werden. 256 Spieler, 20 Tische. Die Tische kommen aus China und sollen in diesen Tagen eintreffen. Die Spiele sollen von 16 Live-Kameras eingefangen und in alle Welt gestreamt werden.

Laut Johanning fürchtet der europäische Verband eine zu starke Konkurrenz. Er betreibe seinen eigenen Pay-per-View-Sender, an dem vor allem die Verbandsfunktionäre partizipieren, nicht die Spieler. „Mit unseren Preisgeldern und der Reichweite“, sagt der Bremer Billard-Aktivist, „lösen wir eine kleine Revolution aus.“

Info

Zur Sache

Bremer Trio in Jiamusi

Der Ausflug von Nils Johanning nach China ist nur der Anfang eines chinesisch-bremischen Billard-Austausches, die Fortsetzung gibt es in diesen Tagen. Drei Spieler der Bremer Billardfreunde sind seit dem 27. Juni beim nächsten Tourstopp des „World Chinese Pool Masters“ dabei. Das Turnier findet in Jiamusi statt. Für November planen die Billardfreunde ein großes Chinese-Eight-Ball-Turnier in Bremen. Die speziellen Tische dazu werden aus China nach Bremen gebracht.

Weitere Informationen

Hier stehen xxxx xxxx xxxx xxx xxx xxx xxx xxx xxxx xxx xxx xxx xxx xxx xxxx xxx xxxx xxxx xxxx xxx xxx.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+