Afrikanisches Fußball-Turnier beginnt Der „Chief“ hat alles im Griff

Tala Awolola ist mehr als der Organisator des „African Football Cup“, der nach einer Pause sein Comeback feiert
06.07.2019, 16:03
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Der „Chief“ hat alles im Griff
Von Mathias Sonnenberg

Nein, überhören kann man diesen Mann nun wirklich nicht. Und erst dieses Lachen, ein wenig scheppernd klingt es, ist so ansteckend, dass bei einem Gespräch mit Tala Awolola gute Laune garantiert ist. „Ich bin der Chief“, sagt er und zuckelt an seiner roten Barretmütze, die sein Markenzeichen ist. „Chief“, so nennen sie den 63-Jährigen in der afrikanischen Community in Bremen. Macher könnte man auch sagen. Oder Organisator. „In Bremen“, sagt er ganz unbescheiden, „kennen mich 80 Prozent der Afrikaner.“

Vielleicht sogar noch ein paar mehr, denn der Nigerianer Awolola steht für Fußball und Afrika. Er hatte vor 16 Jahren die Idee für den „African Football Cup“, der an diesem Sonntag startet und vor zwei Jahren plötzlich so groß wurde, dass Awolola 2018 die Reißleine ziehen musste: zu viele Teilnehmer und Besucher, die Sicherheitsauflagen wurden größer und strenger, die Kosten größer und größer. „Wir brauchten ein neues Konzept“, sagt er. Das gibt es jetzt, und so kämpfen ab sofort wieder 16 afrikanische Mannschaften an sechs Sonntagen bis zum Finale am 11. August um den Turniersieg.

Awolola ist die Freude über das Turnier-Comeback deutlich anzumerken. Viele Menschen haben seine Handynummer, viele Menschen rufen ihn in diesen Tagen an. Stress? Er winkt ab, ach was, „macht doch Spaß, das alles“. Der Chief ist 1988 nach Bremen gekommen. In seiner Heimat war er Busfahrer an einer Universität, die Studenten demonstrierten gegen die Diktatur, Awolola war mit dabei und floh dann nach Deutschland. „Ich war ein politischer Flüchtling“, sagt er. Vor 31 Jahren kam er an die Weser – und ging nie wieder weg. Auch wegen der Liebe, Awolola ist mittlerweile schon das vierte Mal verheiratet. Als er seine Heimat 1988 verließ, habe sein Vater zu ihm gesagt: „Egal, in welches Land du kommst: Du musst die Sprache lernen und das Essen genießen.“

Und weil Tala Awolola ein guter Sohn ist, hat er natürlich auf seinen Vater gehört. Die katholische Kirche habe damals einen kostenlosen Deutsch-Kurs in Bremen-Nord angeboten. Also ist er zweimal die Woche mit Bus und Bahn durch Bremen gegondelt, eine Stunde hin, eine Stunde zurück. „Aber so habe ich auch gleich viel von Bremen gesehen.“ Awolola ist eben ein pragmatischer Mensch. Fußball hat er natürlich auch gespielt, schon als Kind in seiner Heimat. „Ich hatte Talent, aber wurde nie so richtig gefördert.“ Auch in Bremen blieb Fußball sein Hobby. Als er dann 2003 den African Football Cup ins Leben rief, „ging es mir eigentlich gar nicht um Fußball“, sagt er. Sondern? „Ich wollte nur viele afrikanische Leute in Bremen zusammen bringen.“

Sein Schlüsselerlebnis habe er ein Jahr zuvor gehabt, beim Integrationstag im Rathaus. Da sei er einfach mal rein marschiert, eingeladen war er nicht. „Deshalb habe ich dort gefragt: Warum ist niemand aus Afrika hier?“ Die Antwort der Organisatoren verblüffte Awolola: „Weil wir nicht wissen, wo wir euch erreichen können.“ Awolola aber wusste, wo er seine Afrikaner in Bremen trifft: In einer Disco. „Dort waren wir alle immer regelmäßig zusammen.“ Aber weil eine Disco als Anlauf-Adresse auch merkwürdig ist, kam Awolola auf eine andere Idee: Er gründete den Pan-Afrikanischen Kulturverein. Die sieben Gründungsmitglieder kamen aus Sierra Leone, Gambia, Angola, Kenia, Ghana, Nigeria und Kongo. Die Idee war einfach, sagt Awolola, die Umsetzung aber schwierig. „Ich musste mit so vielen Unterlagen zum Gericht, wir hatten einen Rechtsanwalt und viele, viele Papiere. Aber so ist Deutschland.“ Weil es bei ihm mit der Sprache haperte, war er mehr Koordinator, Dédé Hausen aus dem Kongo sei damals die erste Vorsitzende gewesen. Das hat sich mittlerweile geändert, seit 2012 führt Awolola den Verein – er ist eben der Chief.

Was das jetzt alles mit Fußball zu tun hat? Für Awolola ist er die Brücke zwischen den afrikanischen Ländern. Denn darum geht es ihm ja beim African Football Cup: „Wir müssen hier zusammen halten. Früher war es oft so, dass die Afrikaner nichts miteinander zu tun haben wollten. Das soll der Fußball ändern.“ Denn wenn an diesem Sonntag im Eröffnungsspiel Gambia und Sierra Leone aufeinander treffen, stehen nicht nur Spieler aus diesen beiden Ländern auf dem Platz, sondern Mannschaften mit gemischten Nationalitäten – auch so geht Integration. Jedes Team kann auch bis zu drei Spieler aufstellen, die nicht auf Afrika stammen. „Wir möchten bei diesem Turnier ja unsere Kultur vermitteln“, sagt Awolola.

Ohne finanzielle Unterstützung aber wäre diese Veranstaltung nicht mehr möglich. Das Budget liegt bei 21 000 Euro, davon übernimmt der Beirat Östliche Vorstadt 3000 Euro, 500 Euro kommen vom Bremer Fußball-Verband (BFV). Der stellt auch wieder die Schiedsrichter. Das war nicht immer so, denn nach Ausschreitungen bei Spielen zog der BFV zeitweise seine Unparteiischen ab. Doch das ist vorbei, Awolola freut sich, dass der BFV wieder an Bord ist. Für die Mannschaften gelten klare Regeln: Niemand wird beleidigt, Toleranz und Respekt wird in jedem Spiel gelebt. Wird das missachtet, fliegt nicht nur der Spieler, sondern gleich die ganze Mannschaft. Deshalb fragt der Schiri vor jedem Spiel beide Mannschaften, ob ihnen die Regeln klar seien.

Auch Werder Bremen ist am Turnier beteiligt und stiftet 50 Freikarten für Bundesliga-Heimspiele. Das ist manchem Politiker nicht genug. Aber Tala Awolola sagt: „Werder Bremen hat uns von Anfang an unterstützt. Ohne Werder wären wir jetzt nicht da, wo wir sind.“ Der Verein habe immer wieder Trikots und Schals gespendet, „allein der Name Werder motiviert hier viele Spieler“. Sein großer Traum: Einer der Werder-Scouts entdeckt auf dem Turnier einen afrikanischen Spieler, der es bis in die Bundesliga-Elf schafft. „Dann hätten wir Werder auch mal was zurück gegeben.“

Info

Zur Sache

Finale in der Pauliner Marsch

Begonnen hat der African Football Cup 2005 mit fünf Teams, in diesem Jahr sind es 16 Mannschaften. Start ist an diesem Sonntag um 12.30 Uhr auf den Plätzen von ATS Buntentor auf dem Stadtwerder, dort wird auch an den Sonntagen 14. und 21. Juli ab 12.30 Uhr gespielt. Ab 14 Uhr gibt es jeweils einen Shuttle-Bus vom Franzius-Eck zu den Plätzen. Den Kickoff macht Cindi Tuncel, Koordinator beim Landessportbund für das Projekt „Sport gegen Gewalt, Intoleranz und Rassismus“. An den letzten drei Sonntagen wird die Weserseite gewechselt, dann geht es jeweils ab 14 Uhr in der Pauliner Marsch los. Das Finale ist am 11. August um 16.30 Uhr.

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