Der Bayern-Stürmer trifft zweimal – Deutschland besiegt die Niederlande mit 2:1 Der doppelte Gomez

Manch einer dachte schon: Zweite Spiele bei einem großen Turnier kann die deutsche Nationalmannschaft nicht. Zuletzt verlor sie solche Spiele. Gestern gegen die Niederlande gewann sie nicht nur 2:1. Sie spielte auch großartig, zumindest in der ersten Halbzeit. Es war Gomez’ Spiel, der doppelt traf. Die Deutschen sind dem Viertelfinale dadurch sehr sehr nahe.
14.06.2012, 05:00
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Der doppelte Gomez
Von Olaf Dorow

Manch einer dachte schon: Zweite Spiele bei einem großen Turnier kann die deutsche Nationalmannschaft nicht. Zuletzt verlor sie solche Spiele. Gestern gegen die Niederlande gewann sie nicht nur 2:1. Sie spielte auch großartig, zumindest in der ersten Halbzeit. Es war Gomez’ Spiel, der doppelt traf. Die Deutschen sind dem Viertelfinale dadurch sehr sehr nahe.

UND MARC HAGEDORN

Charkow. Schwül war es gestern im Osten der Ukraine. Weit mehr als 30 Grad wurden gemessen. Die Hitze lag aber am Abend nicht mehr so bleischwer über der Stadt. Und wer gedacht hatte, es geht im Stadion zwischen Deutschland und Holland erstmal vorsichtig und abwartend los, lag falsch. Es ging los, als wollten beide Mannschaften so früh wie möglich für klare Verhältnisse sorgen. Holland gelang das nur zehn Minuten lang. Deutschland gelang es eine ganze Halbzeit lang. Zur Pause führten die Elf von Joachim Löw mit 2:0.

Das war verdient. Hochverdient, muss man sogar sagen. Zu den beiden Treffern vom diensthabenden Torjäger Mario Gomez hatten sich noch ein Pfostenschuss vom Mesut Özil sowie eine hundertprozentige Kopfballchance von Holger Badstuber gesellt. Und nicht nur nach Torchancen gerechnet, lagen die Deutschen zur Halbzeit klar vorn. Sie spielten cleverer, geradliniger, effektiver. Sie fanden nach rund zehn Minuten zu einer nahezu perfekten Ordnung in der Defensive. Anfangs hatten noch zwei Steilpässe den orangenen Stoßstürmer Robin van Persie erreicht. Später ließen Badstuber, Hummels und Co. das nicht mehr zu.

Die Niederländer wirkten zunehmend ratlos. Es hatte aber Gründe, warum die Deutschen ihnen so überlegen waren. Als zur Halbzeit die Daten ausgewertet wurden, zeigte sich: Löws Spieler waren insgesamt fünf Kilometer mehr gelaufen als ihre Gegner. Löws Spieler handelten so, wie Löw es sich vorstellt: schnell, wirkungsvoll, überfallartig.

Die Überfälle hatten, ähnlich wie bei der WM vor zwei Jahren in Südafrika, viel mit Bastian Schweinsteiger zu tun. Sowohl dem 1:0 (24.) als auch dem 2:0 (38.) ging ein Schweinsteiger-Pass in die Tiefe voraus. Der Pass setzte jeweils die Oranje-Abwehr schachmatt. Beim ersten Mal drehte sich Gomez mit einer Geschmeidigkeit, die ihm nicht jeder zugetraut hätte, und schob den Ball gekonnt ins Tor. Beim zweiten Mal drosch ihn der Bayern-Angreifer mit Schmackes ins Netz.

Gomez hatte schon gegen Portugal das Tor des Tages erzielt – und stand trotzdem in der Diskussion. Der Ex-Bayer Mehmet Scholl hatte ihn kritisiert (wir berichteten). "Druck ohne Ende" habe er deswegen gehabt, gab Gomez gestern nach dem Spiel zu, "hundert Kilo" hätten auf seinen Schultern gelastet: "Da holen wir drei Punkt, du schießt das Tor, und dann kriegst du drei Tage nur auf die Fresse." Er sei sehr froh, dass "die richtigen Leute hinter mir standen".

Hollands Selbstvertrauen durfte nach seinen Toren gestern gefährlich nah am Erlebnis von Hamburg vor einem knappen Jahr angelangt sein. Damals hatten die Deutschen ihren Nachbarn komplett zerlegt und 3:0 gesiegt. Oranje-Trainer Bert van Marwijk brachte jetzt Huntelaar und van der Vaart, um die Offensive zu stärken. Die in aller Fußball-Welt geachtete und gefürchtete Oranje-Offensive brachte in der ersten Viertelstunde nach dem Seitenwechsel aber nicht mehr als einen straffen Direktschuss von Robin van Persie zustande. Die Deutschen hätten dagegen beinahe das 3:0 geschafft. Innenverteidiger Mats Hummels hatte sich bis an den Strafraum der Niederlande durchgedribbelt. Um ein Haar hätte er auch noch Torwart Stekelenburg bezwungen.

Fühlten sich die Deutschen zu sicher? Was sollte passieren? Löws Team zog sich ab der 60. Minute weiter zurück, als es dem Trainer lieb sein konnte. So trugen sie dazu bei, dass Hollands Glaube an sich selbst wieder zunahm. In der 70. Minute konnte sich Boatang noch gerade so dazwischenwerfen, als Sneijder abzog. Drei Minuten später war nichts zu machen, als van Persie abzog. Das Spiel, das die Deutschen zu beherrschen schienen, stand 2:1 und plötzlich auf Messers Schneide. Dahin war sie plötzlich, die deutsche Souveränität. Zu früh war die Linie verlorengegangen.

Doch es reichte. Womöglich kamen jetzt auch die Temperaturen den Deutschen entgegen. Denn gegen Ende des Spiels wurden auch die holländischen Beine schwer. Die Holländer schafften es nicht mehr, sich zu weiteren Sturmläufen in Richtung deutsches Tor aufzuraffen. Sie waren platt. Die Deutschen waren auch platt. Aber sie versuchten immer wieder in Richtung Eckfahne zu laufen, um Zeit verstreichen zu lassen. Sie versuchten, das Tempo aus Oranjes Spiel zu nehmen. Das gelang. Auch wenn Gomez zugab, wie schwer das fiel. "Die Zeit verging einfach nicht. Die Zeiger sind wohl stehengeblieben", sagte der Stürmer, der gestern zum "Mann des Spiels" gekürt wurde. Er hatte mit zwei Toren auf die Diskussion um ihn geantwortet.

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