Zwischen Freizeit- und Leistungssport

Der Traum von der blauen Runde

Präzisionssport im Kleinen – am Osterdeich treffen sich über 120 Miniaturgolfer zum Weserpokal-Turnier
06.07.2018, 16:21
Lesedauer: 4 Min
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Der Traum von der blauen Runde
Von Oliver Matiszick

Maier Classic 3 oder 4 wäre eine Empfehlung. Oder aber H23. Mit Lux dreifarbig sollte es auch hinhauen, hier auf Bahn 3 mit dem Mittelhügel. Ach ja, und bitte den Ball, darum handelt es sich bei Maier oder Lux, schön aus der Mitte schlagen, auch das wäre einer der möglichen Wege zum schnellen Erfolg. Der besteht im Idealfall: aus einem Schlag. Den wollen sie alle schaffen, die sich hier am Hastedter Osterdeich zum Minigolf treffen. Und zwischen all den Freizeit-Minigolfern, den Kindern und Jugendlichen, die sich auf den 18 Bahnen die Sommerferien vertreiben, sind in diesen Tagen auffallend viele Spieler, die tatsächlich nur eben diesen einen Schlag brauchen, bis der Ball im Loch liegt. Denn an diesem Wochenende steht auf der Anlage des Miniatur-Golf Vereins Bremen (MGV) zum zweiten Mal das Weserpokal-Turnier mit Teilnehmern aus ganz Deutschland an. Und der Trainingsbetrieb dafür läuft.

Diese bunte Mischung auf der Anlage aus Könnern und solchen, die mal mehr, viel öfter aber weniger erfolgreich ihr Können auf den Eternit-Bahnen ausprobieren, sie steht sinnbildlich für das Minigolf an sich. Weil nicht so einfach zu verorten ist, wo genau es eigentlich steht. Die mangelnde Trennschärfe zwischen Sport und Freizeitvergnügen lässt sich auch daran ablesen, dass Bahnbetreiber und Finanzämter in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder mal darum stritten, ob auf die Einnahmen denn nun – die höhere – Vergnügungssteuer zu entrichten sei.

Diese Frage nach der Ernsthaftigkeit des Minigolfs, sie stellt sich hier am Osterdeich nicht. Natürlich nicht. Weil am Sonnabend und Sonntag, jeweils ab 11 Uhr, insgesamt bis zu 120 Minigolfer in den sportlichen Vergleich treten werden. Vier Durchgänge auf den 18 Bahnen hat jeder zu absolvieren, es gewinnt der Spieler, der für alle vier Runden zusammen die wenigsten Schläge benötigt. Bei Schlaggleichheit geht es in ein Stechen. Am Ende ist also auch wichtig, was für Runden es waren. Ob rote, mit ihren 25 bis 29 Schlägen, besser noch grüne (20 bis 24). Oder vielleicht war sogar eine blaue Runde darunter. Von der träumt jeder Minigolfer. Weil sie mit ihren 18 und 19 Schlägen den Bereich des perfekten Spiels beschreibt. Jeder Schlag ein Treffer. „Ich habe auch jede unserer Bahnen schon mal mit einem Schlag geschafft“, sagt Michael Tiedtke, der zum MGV-Vorstand gehört und lacht, „aber eben leider noch nie in einer Runde...“

Er zählt zu den 15 MGV-Sportlern, die nun bei ihrem Heimturnier an den Start gehen werden. Dass die Gastgeber dabei allenfalls Außenseiterchancen besitzen – geschenkt. Schließlich ist das Feld mit Teilnehmern vor allem aus dem norddeutschen Raum zu stark besetzt: Bundesliga- und Ranglistenspieler, ehemalige Deutsche Meister, alles wird vertreten sein. Die besten Aussichten beim MGV dürfte noch Timo Thun, zugleich 2. Vorsitzender des Vereins, haben. 2016, bei der Erstauflage des Weserpokal-Turniers, wurde er bei den Herren am Ende nach Stechen Dritter.

Der Heimvorteil, er kann von Belang sein. Denn die Bahnen am Osterdeich haben ihre Eigenheiten. Sie gelten als temperaturempfindlich: Je nach Tageszeit und Sonneneinstrahlung können sich die Laufeigenschaften des Balles auf der Oberfläche aus Faserzement deutlich verändern. Und da trennt sich dann die Spreu vom Weizen. Denn das sichtbare Erkennungsmerkmal, das Freizeit-Minigolfer von Sport-Minigolfern trennt, ist: eine kleine Tasche. Sie enthält die Bälle – und auf die kommt es an. Nicht auf den Schläger, der bleibt bei Minigolfern im Gegensatz zu Golfern immer derselbe. Sondern auf die Bälle.

Tiedtke hat gut 20 davon in seiner Tasche dabei, zu Hause hat er noch mehr liegen. Kein ganz preiswertes Vergnügen, kostet ein Ball doch um die 20 Euro. Aber jede Bahn erfordert nun mal einen anderen – und die Auswahl eben jenes Modells mit dem optimalen Gewicht, der passenden Sprungfähigkeit und der erforderlichen Laufeigenschaft macht den Könner aus. „Ich bin jetzt seit drei Jahren dabei“, sagt Michael Tiedtke, „aber dass ich sofort weiß, welches der ideale Ball ist – da bin ich noch lange nicht angekommen. Da muss man sich ranarbeiten.“

Sein eigener Weg zum Minigolfer nahm den klassischen Verlauf: nämlich eher zufällig. Erst sporadischer Freizeitspieler, spielte er schließlich irgendwann beim Jedermann-Turnier des MGV (in diesem Jahr am Sonnabend, 14. Juli), wurde dann Vereinsmitglied, trainiert mittlerweile jede Woche – und steckt nun mittendrin im Liga-Betrieb. Außenstehenden zu erklären, dass es so einen überhaupt gibt, auch das gehört zum Minigolf dazu. Zu einer Sportart eben, die kaum einer dafür hält. Früher, sagt Tiedtke, hat er durchaus mit Ehrgeiz Fußball gespielt, doch irgendwann machten die Knie nicht mehr mit. Und genau das ist es, was er am Minigolf so schätzt: Es gibt keine rapide absinkende Leistungskurve, es ist alterlos. „Ein 70-Jähriger kann genauso gut spielen wie ein 20-Jähriger“, sagt Tiedtke, selbst 39 Jahre alt.

Und so werden sie an diesem Sonnabend und Sonntag in Startergruppen zu jeweils drei Spielern über den Platz ziehen: um ihre Besten zu küren. Und den Zuschauern zu beweisen, das Golfen auf schmalen Bahnen, Miniaturgolf eben, auch das sein kann: eine ernsthafte Sache. So wie jetzt, in diesen Tagen vor dem Weserpokal-Turnier mit dem gemischten Freizeit- und Trainingsbetrieb auf der Anlage. „Ein bisschen langsamer“, sagt Tiedtke wie beiläufig zu dem Jungen, der sich in Begleitung seiner Großmutter immer wieder vergeblich auf Bahn 9, der sogenannten „Niere“, um die richtige Schlagtechnik bemüht. Der Junge folgt dem Rat – und schon klappt es, der Ball ist im Loch. Tiedtke hätte ja gleich auch noch verraten können, dass Maier Classic 2, 3 oder 4 eine gute Wahl gewesen wären. Aber das ist ein ganz anderes Thema.

Info

Zur Sache

Minigolf in Deutschland

Ob nun als Freizeitspaß oder mit sportlichem Ehrgeiz – wer Minigolf spielen möchte, muss meistens nicht lange nach einer Anlage in der Nähe suchen. Nach Angaben des Deutschen Minigolfsport Verbands gibt es aktuell bundesweit rund 2000 davon – in Bremen sind das unter freiem Himmel neben der des Miniatur Golf-Vereins (MGV) am Hastedter Osterdeich noch die des Bahnen-Golf-Clubs (BGC) an der August-Bebel-Allee sowie die am Emmasee im Bürgerpark. Als Leistungssport führt Minigolf in der öffentlichen Wahrnehmung eher ein Schattendasein: Deutschlandweit haben sich Aktive in 274 Vereinen organisiert, die in den drei oberen Bundesligen sowie den vier Spielklassen (Verbands-, Landes- und Bezirksliga sowie Bezirksklasse) der jeweiligen Landesverbände antreten. Die beiden Bremer Vertreter BGC sowie MGV gehören dem gemeinsamen Landesverband mit Niedersachsen an.

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