Interview mit Willi Lemke „Der Wechsel zu Bayern war sein größter Fehler“

Willi Lemke arbeitete von 1981 bis 1995 14 Jahre lang Seite an Seite mit Otto Rehhagel bei Werder Bremen. Im Interview spricht Lemke über die Zusammenarbeit und über das Erfolgsgeheimnis Rehhagels.
07.08.2018, 21:53
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„Der Wechsel zu Bayern war sein größter Fehler“
Von Mathias Sonnenberg

Herr Lemke, Sie haben mit Otto Rehhagel 14 Jahre Seite an Seite gearbeitet. Wenn der Name Rehhagel fällt, woran denken Sie spontan?

Willi Lemke: An einen ganz großen, deutschen Fußballtrainer, der mit dem sensationellen Sieg bei der Europameisterschaft 2004 mit Griechenland ja gezeigt, dass er auch ein international großartiger Trainer ist. Er hat mit unserer Mannschaft in 14 Jahren fünf Titel geholt, das zu schaffen wird seinen Nachfolgern sehr schwer fallen.

Aber es gab nicht nur Höhen in Ihrer Zusammenarbeit.

Wir hatten eine großartige, erfolgreiche Zusammenarbeit. Rückblickend erinnere ich mich an drei oder vier Punkte, in denen wir in vierzehn Jahren (!) nicht übereinstimmten. Die größte Enttäuschung aber war dabei der Wechsel 1995 zu den Bayern. Weil wir das nicht wussten. Unser Präsident Dr. Franz Böhmert war in Florida und hat alles nur aus der Bild-Zeitung erfahren. Das ist mir noch heute sehr präsent. Das war bitter. Aber die Zeit heilt alle Wunden.

Bei den Bayern hat es Rehhagel nicht mal ein Jahr ausgehalten.

Der Wechsel war meines Erachtens sein größter Fehler. Ich hatte ja immer gehofft, dass er nach der Werder-Ära Bundestrainer wird, das wäre nicht nur für den deutschen Fußball gut gewesen, sondern auch für Otto Rehhagel.

Es hieß damals häufig: Otto Rehhagel ist der Boss, Willi Lemke der Adjutant. Hat Sie das gekränkt?

Überhaupt nicht, ich habe mich als Teil des ganzen Teams gesehen, der für so großartige Leistungen mitverantwortlich war. Er konnte immer sagen: „Der Willi hat keine Ahnung vom Fußball“, das hat mich nicht gestört, denn ich hatte eine klare Aufgabenbeschreibung von unserem Präsidium. Otto Rehhagel hat auch einmal gesagt, „der Willi hat drei Sterne, ich vier“. Kein Problem. Sein Erfolg sprach für sich und damit konnte ich sehr gut leben.

Wie war Ihre Zusammenarbeit?

Otto hat ja im Prinzip alle Spieler geholt und entlassen, ich habe mich um das Geschäftliche gekümmert. Sein Näschen für Spieler war sensationell. Er hat viele großartige Spieler zu Werder geholt, die nur einen Appel und ein Ei gekostet haben und die wir oft für viel Geld verkauft haben. Und das alles noch ohne Spielerberater, weil Otto zwei, drei Leute im Fußball-Geschäft kannte, denen er blind vertraute.

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Hätte ein Rehhagel in der heutigen Zeit noch eine Chance als Trainer?

Ein Otto Rehhagel würde es heute schwer haben. Der Einfluss der Sponsoren, der Medien und der Fans ist groß, da bist du weg vom Fenster, wenn der Erfolg ausbleibt. Wir hatten gefühlsmäßig damals ja nur gute Jahre. Aber wenn die Bild-Zeitung schrieb: „Rehhagel muss weg“, hat unser Präsident Dr. Franz Böhmert angerufen und gesagt: Herr Rehhagel, kommen Sie bitte morgen auf die Geschäftsstelle, wir verlängern Ihren Vertrag“. Weil wir uns immer sicher waren, dass Otto uns den größtmöglichen Erfolg beschert.

Gibt es ein Erfolgsgeheimnis?

Er hat es geschafft, die Mannschaft als Gemeinschaft zu positionieren, er hat immer aus den Spielern ein echtes Team gebildet. Und
er hat auch Spieler zu Superstars gemacht. Otto hat wirklich fast alle Spieler besser gemacht.

Wie groß war denn jetzt wirklich der Einfluss seiner Ehefrau Beate?

Sehr groß! Sie ist eine hochintelligente Frau und wacht noch heute sehr genau über ihn und hat ihn auch psychologisch immer bestens beraten. Für Beate war das Umfeld sehr, sehr wichtig. Ich habe diese Kaffeekränzchen, die sie mit den Spielerfrauen abgehalten hat, nie so genau beachtet. Aber dadurch war sie sehr nah an der Mannschaft dran und war auch über familiäre Probleme informiert. Dass die Trainerfrau sich regelmäßig mit Spielerfrauen trifft, das wäre heutzutage doch fast undenkbar.

Es heißt, Sie seien mit Otto Rehhagel auch nach so vielen gemeinsamen Jahren immer noch beim „Sie“?

Das stimmt, das ist ein Ausdruck des Respekts. Ich bin acht Jahre jünger und würde ihm deshalb niemals das „Du“ anbieten. Und er hat es mir auch nie angeboten.

Das Gespräch führte Mathias Sonnenberg.

Info

Zur Person

Willi Lemke (71) arbeitete von 1981 bis 1995 vierzehn Jahre lang Seite an Seite mit Otto Rehhagel bei Werder Bremen – Lemke als Manager, Rehhagel als Trainer. Lemke wechselte dann 1999 in die Politik, wurde Senator für Bildung, später für Inneres.

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