Nach Ausfall der Bremer Sixdays Radrennfahrer Theo Reinhardt hat Sehnsucht nach Wettkämpfen

Der Sieger von 2018 in der ÖVB-Arena vermisst das Bremer Sechstagerennen. Der zweifache Weltmeister bezieht seine Motivation derzeit vor allem aus der Aussicht auf seine zweite Olympia-Teilnahme in Tokio.
16.01.2021, 05:00
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Radrennfahrer Theo Reinhardt hat Sehnsucht nach Wettkämpfen
Von Jörg Niemeyer

Die ÖVB-Arena und Bremen werden in den Erinnerungen von Theo Reinhardt immer ihren festen Platz haben. Auf dem anspruchsvollen, nur 166 Meter langen Holzoval feierte der inzwischen 30-jährige Berliner an der Seite des Belgiers Kenny De Ketele vor drei Jahren seinen ersten Sieg bei einem Sechstagerennen. Das Publikum grölte vor Begeisterung, als das Duo auf dem letzten Kilometer der Schlussjagd den entscheidenden Rundengewinn herausfuhr.

In diesem Jahr herrscht in der ÖVB-Arena Totenstille – zum Leidwesen auch von Theo Reinhardt. „Ich habe in den vergangenen Monaten häufig gedacht: Jetzt wärste in London gewesen... Jetzt in Gent...“, sagt der Radprofi. Aktuell hätte er sein Zimmer im Courtyard neben dem Hauptbahnhof bezogen und würde auf der Bahn daran arbeiten, nach seinen zweiten Plätzen 2019 und 2020 den zweiten Erfolg in Bremen perfekt zu machen.

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„Der Rhythmus war schon automatisiert“, sagt Reinhardt, „schade, dass das Rennen ausfällt.“ Wegen Corona platzte auch die Idee, wenigstens einen Podcast mit einigen Sixdays-Protagonisten, unter anderem Theo Reinhardt, aufzunehmen. „Ich hatte mich schon sehr auf Bremen gefreut.“

Trainingslager statt Bürgerweide

Statt Sixdays auf der Bürgerweide zu fahren, schuftet der zweimalige Weltmeister im Zweier-Mannschaftsfahren gerade im Trainingslager in Frankfurt/Oder. Wenigstens das geht, könnte man sagen. Denn auch die Arbeit mit der Bahn-Nationalmannschaft hat seit Monaten nicht stattfinden können. „Der Verband hat alles zurückgefahren – auch deshalb, um die Sportler vor einer Infektion zu schützen“, sagt Reinhardt. Das Trainingslager in Frankfurt sei das erste seit Langem. Nächste Woche soll eigentlich ein Trainingslager auf den Straßen von Mallorca folgen, wo sich die Fahrer wegen der angenehmeren Temperaturen jeden Winter die nötigen Grundlagen für ihren Beruf schaffen. Aber die Organisation sei diesmal, wegen der Pandemie, sehr schwierig.

„So etwas führt dann immer wieder zu Dämpfern“, sagt Reinhardt. Mental ist die Zeit wegen all der Beschränkungen für die meisten Menschen gerade besonders schwierig. Für viele Berufssportler kommt hinzu, dass sie derzeit keine Wettkämpfe bestreiten können. „Sie fehlen mir als Höhepunkte zwischen den Trainingseinheiten sehr“, sagt Theo Reinhardt. Im Training gebe es deshalb schwerere und leichtere Tage. Virtuelle Wettkämpfe sind für den 30-Jährigen jedenfalls kein Ersatz. „Im Training zuhause auf der Rolle sind sie vielleicht eine willkommene Abwechslung“, sagt er, „aber mir gefällt diese Wettkampfform nicht.“

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Motivation schöpft Theo Reinhardt aktuell vor allem aus seinen grundsätzlichen Zielen. „Das bedeutet wie für Menschen in anderen Berufen, dass man dafür hart arbeitet“, sagt er, „nur dauert es bei uns länger, bis man das Ziel erreicht hat.“ Als einer der weltbesten Zweier-Mannschaftsfahrer, der mit Roger Kluge 2018 und 2019 WM-Gold und 2020 WM-Bronze gewonnen hat, hat Reinhardt das Glück, dass sein Ziel nichts Geringeres als Olympia ist. Auch wenn es im Alltag manchmal schwer falle: Mit Olympischen Spielen vor Augen ist ein dauerhafter Anreiz gegeben, sich akribisch vorzubereiten.

Nach der Verlegung der Spiele ist die Nominierung der Fahrer für Tokio 2021 zwar noch nicht erfolgt, aber Theo Reinhardt ist selbstbewusst genug, um von seiner zweiten Olympia-Teilnahme nach 2016 in Rio de Janeiro auszugehen. „Bei meinen zuletzt gezeigten Leistungen könnten nur größere Umstände dafür sorgen, dass ich bei Olympia nicht am Start stehe“, sagt er. „Die Frage ist ja immer noch, ob die Spiele überhaupt stattfinden.“ Der Traum des 30-Jährigen vom Edelmetall in Tokio lebt weiter. „Dieser Traum gehört zu den Dingen, die mich jeden Tag motivieren.“ Und so wie sein Leistungsvermögen in den vergangenen drei Jahren war, „sollte das Ziel auch eine Medaille sein“.

Wie geht es mit dem Sport weiter?

Theo Reinhardt ist froh, dass er als Sportsoldat ein gesichertes monatliches Einkommen hat. Das heißt aber nicht, dass er die Startgelder und Prämien der Wettkämpfe und Sechstagerennen nicht braucht. Die Einnahmen des Winters sind fester Bestandteil seines Jahresbudgets. „Dass sie jetzt wegfallen, tut natürlich sehr weh.“ Existenzielle Ängste haben er und seine Verlobte deswegen jedoch nicht. „Wenn Ängste da sind, dann höchstens in die Richtung: Wie wird alles werden? Wird überhaupt alles wieder? Und wie geht es mit dem Sport weiter?“ Fragen, die sich derzeit viele Menschen stellen.

Als Ausgleich für entgangene Wettkämpfe und Gelder hat aber auch Theo Reinhardt etwas Schönes bekommen: mehr Zeit für seine Familie. „Es hat sich ganz gut angefühlt, dass wir auch mal zwei bis drei Wochen im Voraus planen konnten“, sagt er. Er hat es genossen, seinen Sohn regelmäßig morgens in die Kita zu bringen und ihn nach dem Training von dort wieder abzuholen. Die schöne Zeit mit seiner Familie habe allerdings auch eine Schattenseite: „Sie macht es nicht leichter, nun wieder mehr Gas im Sport zu geben.“

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Den für 2021 neu eingeführten Nations‘ Cup, der seine Premiere im April im walisischen Newport feiern soll, und Olympia vor Augen, wird der Familienvater Theo Reinhardt ab sofort wieder häufig unterwegs sein müssen. Im Prinzip auch gut so. Die Aussicht auf Wettkämpfe beflügelt den Profi. „Nur die bringen mich letztlich voran, man kann sie im Training nicht simulieren“, sagt er. Und außerdem sei es problematisch, nur durch Training die eigene Form zu erhalten.

Theo Reinhardt hofft, dass möglichst bald wieder Normalität einkehrt, er in Tokio dabei sein darf und dort am besten eine Medaille holt – und dass im Januar 2022 in der ÖVB-Arena wieder Sixdays angeschossen werden dürfen. „Ich bin mit Prognosen zurzeit sehr vorsichtig“, sagt er, „aber wenn in Bremen gefahren wird, bin ich zu 99 Prozent dabei.“ Vielleicht feiert er dann ja seinen zweiten Titel in Bremen – vielleicht sogar als Medaillengewinner von Tokio.

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Auch auf der Straße erfolgreich

Seine größten Erfolge hat Theo Reinhardt als Bahnfahrer gefeiert. 2008 holte er bei der Junioren-Europameisterschaft in der Einer- und in der Mannschaftsverfolgung seine ersten internationalen Titel. Die bisherige sportliche Krönung sind die beiden WM-Titel, die er im Zweier-Mannschaftsfahren 2018 und 2019 mit Roger Kluge gewann. 2021 soll eine Olympia-Medaille folgen. Doch der 30-jährige Berliner hat auch eine Gegenwart als Straßenfahrer: Er gehört seit vielen Jahren zum rad-net-Rose-Team. 2015 wurde Reinhardt mit dem Team deutscher Straßenmeister im Mannschaftszeitfahren. „Ich fahre zu 70 Prozent Straße und zu 30 Prozent Bahn“, sagt Reinhardt. Weil das Bahntraining hochintensiv sei, müsse er sich die Grundlagen dafür auf der Straße holen.

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