Diabetiker können heute im Sport fast alles machen / Größtes Hindernis ist der innere Schweinehund Die Bauchspeicheldrüse in der Hosentasche

Bremen. Man sieht es ihm nicht an: Er ist lang aufgeschossen und hat eine gesunde Figur. Man merkt es ihm auch nicht an: Seine Ausstrahlung ist durchweg positiv. Stellt man sich so einen Menschen vor, der bis zu zehnmal am Tag seine Blutzuckerwerte kontrollieren und sich sein Leben lang Insulin zuführen muss?
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Von Caroline Bünning

Bremen. Man sieht es ihm nicht an: Er ist lang aufgeschossen und hat eine gesunde Figur. Man merkt es ihm auch nicht an: Seine Ausstrahlung ist durchweg positiv. Stellt man sich so einen Menschen vor, der bis zu zehnmal am Tag seine Blutzuckerwerte kontrollieren und sich sein Leben lang Insulin zuführen muss?

Der Bremer Jan Twachtmann ist heute 25 und inzwischen seit zehn Jahren Typ-1-Diabetiker. Seine Bauchspeicheldrüse produziert kein Insulin mehr. Mithilfe einer Insulinpumpe, die über einen Katheter mit seinem Körper verbunden ist, versorgt er seine Zellen mit einer synthetisch hergestellten Variante dieses Hormons. Bei dem anderen sehr verbreiteten Diabetes Typ 2 wird zwar Insulin produziert, jedoch zeigt dieses nicht mehr ausreichend Wirkung. Dieser Typ, früher auch als Alters-Diabetes bezeichnet, betrifft heute immer mehr junge Menschen. Er wird begünstigt durch Übergewicht und einen ungesunden Lebensstil und kann teilweise mit Tabletten behandelt werden. Bei Jan ist dies nicht möglich: Nach heutigem Stand der Medizin wird er sein Leben lang auf Insulingaben angewiesen sein.

Obwohl heute weitestgehend bekannt ist, dass es verschiedene Typen gibt, herrscht noch große Unwissenheit über das Thema. Häufig herrscht der Eindruck vor, dass Diabetiker im täglichen Leben sehr eingeschränkt sind. Dafür, dass dies nicht so ist, ist Jan ein gutes Beispiel. Als bei ihm der Diabetes festgestellt wurde, war er 14 Jahre alt und hatte seine ganze Kindheit hindurch Sport getrieben, vor allem Jiu-Jitsu und Paddeln. Die Diagnose wurde kurz vor einer Klassenfahrt gestellt. "Und an der wollte ich unbedingt teilnehmen", blickt Jan zurück

Körper auf Belastungen einstellen

Das tat er letztendlich auch, da sein Arzt und seine Eltern ihn in dem Wunsch, weiterhin ein "ganz normales Leben" zu führen, unterstützten. Die Klassenfahrt war hierbei nur der erste Schritt. In keinem Lebensbereich wollte sich Jan vom Diabetes einschränken lassen. Auch im Sport nicht.

Natürlich bedarf es in manchen Situationen eines gewissen Aufwands, trotz Diabetes ein "normales" Leben zu führen. Aber möglich ist es. Normal essen, normal zur Schule gehen oder arbeiten, normal Freunde treffen, normal Sport treiben. Fast normal: Zwar können und sollten Diabetiker Sport treiben, dennoch sollten sie ihren Körper auf die Belastung einstellen. Vor dem Beginn muss der Blutzuckerspiegel kontrolliert und möglicherweise angepasst werden. Sport senkt im Normalfall den Blutzucker. Deshalb streben die meisten Diabetiker vor dem Sport einen leicht erhöhten Wert an, da dieser im Laufe der Aktivität sinken wird. Auf Jan trifft diese Regel zu: Bevor er mit dem Sport beginnt, reduziert er das Insulin, das sonst die Aufgabe erfüllt, den Blutzuckerspiegel zu senken.

Der erste Sport, den er regelmäßig auch mit Diabetes betrieb, war Paddeln. Damals hatte er noch keine Pumpe, sondern führte sich das Insulin mithilfe von Pens zu. Das sind robuste Spritzen, die durch Auswechseln der Nadeln und Insulinampulle eine wesentlich höhere Lebensdauer als Einmalspritzen haben. Außer den Medikamenten nahm er auch immer Notfall-Kohlenhydrate mit an Bord, um möglichen Unterzuckerungen entgegenzuwirken.

Durch Sport einen Gewichtsverlust zu erzielen, ist schwer für Diabetiker: Dadurch, dass der Blutzucker nach dem Sport sinkt, müssen dann Kohlenhydrate aufgenommen werden - und schon sind die zuvor in schweißtreibender Arbeit verbrannten Kalorien wieder da. "Das ist echt nervig", sagt Jan, und irgendwie auch demotivierend. Obwohl er eine gesunde Figur hat, möchte er ein paar Pfunde loswerden. Das ist für ihn auch aktuell der Hauptgrund, Sport zu treiben. Was ihn zuletzt davon abgehalten hat, war und ist nicht Diabetes: Viel mehr hat er gegen seinen inneren "Schweinehund" zu kämpfen.

Ein Kampf, der sowohl mit als auch ohne Diabetes schwer ist. Aber immerhin: Letztendlich hat er sich dazu durchgerungen, laufen zu gehen. Wie viele Jogger hat er ein mp3-Player-ähnliches Gerät dabei. Allerdings dient dieses in seinem Fall nicht der musikalischen Unterstützung - es ist seine Insulinpumpe, die er immer bei sich trägt. Seine Blutzuckerwerte hat Jan sehr gut unter Kontrolle.

Nur der Kampf gegen den inneren Schweinehund geht weiter. Joggen ist irgendwie doch nicht seine Lieblingssportart. Zu langweilig. Nun überlegt er, mal wieder etwas Neues auszuprobieren: Handball oder Badminton vielleicht.

Dass eigentlich jeder Sport Diabetes-geeignet ist, beweisen prominente Beispiele, die trotz Typ-1-Diabetes sogar Leistungs- und Berufssportler sind beziehungsweise waren: Carsten Fischer etwa holte nach der Diagnose 1990 bei den Olympischen Spielen 1992 in Barcelona Gold mit der deutschen Hockey-Nationalmannschaft. Der Mainzer Torhüter Dimo Wache bestritt mit Diabetes nach 1998 noch über 300 Spiele im deutschen und europäischen Profi-Fußball. Auch die aktuelle Volleyball-Nationalspielerin Maren Brinker, die mit dem DVV-Team bei der Europameisterschaft in Serbien gerade die Silbermedaille gewann, hat Diabetes.

Und bei allen Betroffenen gilt: Man merkt es ihnen nicht an, und man sieht es ihnen auch nicht an.

Diabetiker ohne Folgeerkrankungen, die eine Sportart ausprobieren oder wieder aufnehmen wollen, können sich direkt an die Vereine wenden. Fragen zum Thema beantwortet der Behindertensportverband Bremen unter der Telefonnummer 2778445 oder per Mail an info@behindertensport-bremen.de. Sind bereits Folgeerkrankungen bekannt, sollte vor der Sportaufnahme mit dem behandelnden Arzt gesprochen werden.

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