Bremen-Liga Die Heidjer kommen

Der Spitzenplatz der Bremerhavener Fußballer ist eine Momentaufnahme. Trotzdem ist er mehr als nur eine Laune des Spielplans. Vom bemerkenswerten Aufstieg der SFL Bremerhaven an die Spitze der Bremen-Liga
21.09.2019, 17:31
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Die Heidjer kommen
Von Olaf Dorow

Bremen. War’s das mit der Tabellenführung? Der FC Oberneuland hat am Freitag ordentlich vorgelegt, da muss die SFL Bremerhaven sich strecken, um weiter vorn zu bleiben in der Bremen-Liga. Da muss an diesem Sonntag im Stadtderby bei ESC Geestemünde mindestens ein 4:0 her. Könnte aber klappen. Nach sieben Spieltagen, also immerhin schon knapp einem Viertel der Saison, sieht es so aus: ESC auf Platz elf. SFL auf Platz eins.

Ach ja, die Tabellenführung. Sie ist, wenn man mit dem SFL-Trainer Marcus Klame gesprochen hat, immer noch eine feine Sache. Aber eine Sache, die größer ist als alles andere, ist sie nicht mehr. So stolz wie sie alle im Norden Bremerhavens macht, so sehr bleibt sie eine Momentaufnahme. Die Spiele gegen die vermeintlich stärksten Teams der Liga kommen alle noch für die Heidjer. Heidjer nennen alle die Spieler der Sport Freizeit Leherheide. Es gibt ein Heidjer-Journal, und den schlichten Sportplatz mit Stehtribüne am Mecklenburger Weg nennen alle Heidjer-Arena.

In der Heidjer-Arena ist was los. Mehr jedenfalls als auf den meisten anderen Schauplätzen der Bremen-Liga. Da kommt es selten bis nie vor, dass 200 bis 500 Leute am Spielfeldrand stehen. Bei den Heidjern fast immer. Zum Saisonauftakt waren sogar 700 da. Und dass die Heidjer-Anhänger gerade dauernd Siege feiern können, ist dann doch mehr als eine Laune des Spielplans, der es im Spätsommer 2019 sehr gut gemeint hat mit dem SFL.

Der momentanen Spitzenplatz steht auch als Konsequenz eines Konzepts da, das den Verein von etlichen Mitbewerbern unterscheidet. Ein Konzept, dessen Kernpunkte Kontinuität, Teamspirit und Stadtteil-Stolz sind. „Mich überrascht das nicht, dass die so weit oben sind. Die machen kontinuierliche, gute Arbeit“, sagt Oberneuland-Trainer Kristian Arambasic. Er habe schon vorm ersten Pflichtspiel gesagt, dass neben seiner eigenen Mannschaft und dem TuS Schwachhausen die SFL Bremerhaven eine gute Rolle spielen wird in der Liga. Weil diese Teams weitgehend zusammengeblieben sind.

Der gemeinsame Weg der aktuellen SFL-Kerntruppe ist in der Tat außergewöhnlich. Trainer Marcus Klame ist so etwas wie der Thomas Schaaf der SFL. Er kommt von hier, er spielte einst für den SFL in der höchsten Bremer Spielkasse, die in den 1990er-Jahren noch Verbandsliga hieß. Er trainierte alle möglichen Jugendteams. Vor sieben Jahren beförderte man ihn zum Trainer der ersten Herren. Seine Ambition: „Wir sind der zweitgrößte Verein in Bremerhaven. Wir müssen wieder zurück auf die Landkarte in Bremen!“

Sinngemäß habe er das so seinen ebenso engagierten Mitstreitern im Verein gesagt. Mit etlichen seiner eben der A-Jugend entwachsenen Kickern marschierte Klame durch den Spielbetrieb. Bezirksliga, Landesliga und 2018 der Aufstieg in die Bremen-Liga. Die Truppe blieb zusammen. Sie blieb die Heidjer-Truppe. Einer für alle, alle für einen. „Und wir werden auch ligaweit als eingeschworene Truppe wahrgenommen“, sagt Klame.

Das, sagt Klame, werden sie, obwohl die Mannschaft in diesem Sommer um einige Neue ergänzt wurde. Er habe gemerkt, dass eine Saison in der Bremen-Liga in puncto Belastung doch etwas sehr anderes sei als Landes- oder Bezirksliga. Sie schlaucht und verschleißt ganz anders. Im April und Mai, gegen Ende der vergangenen Saison, habe er oft nur gerade noch zwölf einsatzfähige Spieler zur Verfügung gehabt. „Der Bus war manchmal halb leer, wenn es zu den Spielen ging“, sagt der Trainer. Und erzählt danach geradezu fasziniert, wie die neuen Spieler auch schon vollintegrierte Heidjer geworden seien. Mehrheitlich kämen sie ohnehin aus Bremerhaven.

So sorgt in der Bremen-Liga gerade eine Mannschaft für Furore, die sich die große Furore gar nicht erlauben will. Das Feeling Bremen-Liga, das ist höchste der Gefühle, das man als Fußball beim SFL Bremerhaven haben kann. „Wenn wir aufstiegsberechtigt wären, würden wir nicht melden für die Regionalliga“, sagt Klame. Vierte Liga sei einfach zu teuer, dafür sei die SFL Bremerhaven nicht gebaut. Und was würde das auch bringen, fragt Klame rhetorisch. Ein Jahr größere Liga und am Ende ein großes Loch in der Kasse? Ohne die Heidjer.

Was nicht heißen soll, dass sie auf Bremens Plätzen als die netten Heidjer daherkommen, die – hach! – bloß nicht aufsteigen wollen. Erst mal das realistisch erscheinende Ziel: Sie wollen unter die ersten fünf oder sechs Team der Liga kommen und halten neben dem Titelfavoriten FC Oberneuland den TuS Schwachhausen sowie den Blumenthaler SV für die stärksten Mannschaften der Liga. Minimalziel ist es, unter die ersten acht Mannschaften zu kommen. Das würde berechtigen, auch im kommenden Jahr wieder beim großen Lotto-Masters mitzuspielen, dem beliebten Amateur-Hallenturnier in der ÖVB-Arena. Dort ist die SFL in diesem Dezember endlich mal dabei.

Als Dritter der Bremen-Liga hatte die SFL am Ende mehr als 20 Punkte Rückstand auf die Platzhirsche Bremer SV und FC Oberneuland. In dieser Saison dürfte es enger zugehen, schätzt FCO-Trainer Arambasic. Dass die wackeren Heidjer ihren Platz ganz oben nicht ohne Widerstand hergeben werden, das weiß er doch. Klame sagt: „Natürlich wollen wir die Spitze verteidigen. Mit allem, was wir haben.“ Ist doch klar.

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Zur Sache

Die Besten zum Schluss

Der Spielplan der Bremen-Liga hat es bisher ganz gut gemeint mit der Mannschaft der SFL Bremerhaven, die als bisheriger Tabellenführer an diesem Sonntag beim Stadtkontrahenten ESC Geestemünde antritt (11 Uhr). Im Herbst warten dann im zweiten Teil der Hinrunde die vermeintlich größeren Herausforderungen: Die SFL Bremerhaven muss ab Ende Oktober in schneller Folge erst gegen den Blumenthaler SV, danach gegen den TuS Schwachhausen, gegen den Meister Bremer SV und schließlich gegen den meistgenannten Titelfavoriten FC Oberneuland bestehen.

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