Tanzlehrer vom Grün-Gold Club Die Karriere von Roberto Albanese begann in einer Disco

Bremen. Es geschah vor rund zwei Jahrzehnten, in einer Disco in Bremen-Nord. "Du bewegst Dich toll. Willst Du nicht in einen Tanzclub gehen?", fragte das Mädchen seinen Partner. Der hieß Roberto Albanese und glaubt noch heute: "Das war für mich der entscheidende Anstoß."
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Von Heinz Fricke

Bremen. Es geschah vor rund zwei Jahrzehnten, in einer Disco in Bremen-Nord. "Du bewegst Dich toll. Willst Du nicht in einen Tanzclub gehen?", fragte das Mädchen seinen Partner. Der hieß Roberto Albanese und glaubt noch heute: "Das war für mich der entscheidende Anstoß." Also folgte er dem Mädchen zum Tanzclub Grün-Weiß Vegesack, bestaunte dort die ersten Turniertänzer und wusste sehr schnell: "Das wird mein Beruf."

Er hat es nicht bereut. Zwanzig Jahre später ist Roberto Albanese der wohl weltbeste Trainer für Latein-Formationen, hat seinen Bremer Grün-Gold-Club zu Welt- und Europameisterschaften geführt und sagt voller Überzeugung. "Ich habe wohl bisher ziemlich viel richtig gemacht in meinem Leben."

Ein Leben, das nicht unbedingt vorgezeichnet war. Denn Roberto Albanese ist das, was man heutzutage einen Menschen mit Migrationshintergrund nennen würde. Sein Vater Gennaro kam vor einem halben Jahrhundert aus einem kleinen Dorf in den italienischen Abruzzen nach Bremen-Blumenthal, angeworben als einer von vielen Gastarbeitern, die damals über die Alpen gen Norden zogen.

Gennaro Albanese, der erst bei der Wollkämmerei und dann beim Bremer Vulkan arbeitete, hatte Glück und wohl auch einiges an Weitsicht. Das Glück war, dass er ein deutsches Mädchen kennenlernte und heiratete. Die Weitsicht bestand unter anderem auch darin, dass er seinem Sohn Roberto sowohl die italienischen Wurzeln erhielt, sich aber auch aktiv um dessen Integration kümmerte.

"Ich bin am Vormittag in die deutsche und am Nachmittag in die italienische Schule gegangen. Mit meinem Vater habe ich italienisch, mit meiner Mutter deutsch gesprochen. Und ich hatte viele deutsche und auch einige italienische Freunde", erinnert sich Roberto Albanese an eine Zeit, in der rund 100 italienische Familien in Blumenthal lebten.

Er machte schon mit 19 Jahren sein Abitur, danach Zivildienst, doch Studium oder Lehre kamen für ihn nie infrage. "Ich wollte nur noch Tänzer werden, damit mein Geld verdienen." Das dauerte allerdings noch einige Zeit. Sein Einstieg in die Tanzszene begann er als Amateur beim Tanzclub Gold und Silber in Walle, mit erst einmal mäßigem Erfolg. Bis ihm Uta Deharde über den Weg lief, die seit nunmehr drei Jahren Uta Albanese heißt und inzwischen auch als Formations-Trainerin von internationalem Rang gilt.

Schicksalhafte Begegnung

Schauplatz des schicksalhaften Treffens war Frankfurt, genauer: die gemeinsame Bahnfahrt zurück nach Bremen. "Wir hatten dort beide mit anderen Partnern an einem Latein-Turnier teilgenommen, waren zufällig auf dem gleichen Platz gelandet", erzählt Uta Albanese.

Es war der nicht unbedingt befriedigende Rang 38, und auf der Rückfahrt nach Bremen kam man miteinander ins Gespräch. An dessen Ende stand die Entscheidung, künftig gemeinsam aufs Parkett zu gehen, aus letztlich einem einzigen Grund: "Wir hatten gemerkt, dass unseren Partnern die Besessenheit fehlte, die wir beide für das Tanzen aufbrachten."

Dann ging es zügig bergauf. Das Paar Deharde/Albanese tanzte sich im Blitztempo in die deutsche Spitzenklasse, stand nach einem halben Jahr schon unter den Top 20 der Weltrangliste. "Wir haben täglich vier bis sechs Stunden trainiert", erzählt Uta Deharde, die ihre sportliche Laufbahn als Rollkunstläuferin bei der Bremer ERG begann und es immerhin zur norddeutschen Vizemeisterschaft brachte, ehe sie dann zum Tanzen wechselte, "weil ich immer auf die Hüften fiel und so oft verletzt war."

Die Formations-Laufbahn von Roberto Albanese begann in der Tanzschule Stölting. Deren Chef fragte eines Tages an, ob er nicht Lust habe, eine Formation aufzubauen. Roberto hatte und entwarf seine erste Choreografie zur Musik von "Tiger" Tom Jones, was langfristige Folgen hatte: Der Plüsch-Tiger ist immer noch das Maskottchen des heutigen Formations-Weltmeisters.

Zwei Jahre später kam es zum Zusammenschluss der Tanzclubs Schwarz-Silber und Grün-Gold, der Aufbau und Aufstieg der erfolgreichen Lateinformation begann. Uta Deharde und Roberto Albanese, schon 2000 ins Profilager übergewechselt, beschlossen 2003, als Latein-Paar Abschied zu nehmen vom Parkett. "Das Pensum war nicht mehr zu schaffen."

Denn der Höhenflug der Grün-Gold-Formationstänzer war nicht aufzuhalten. Schon ein Jahr vorher (2002) hatte man den Sprung in die erste Bundesliga geschafft und auf Anhieb Platz vier belegt - ein Resultat, das Roberto Albanese auf sehr spezielle Art prophezeit hatte. "Ich habe

gesagt: Wenn wir besser sind als die Ersten, werden wir Vierter. Und so ist es dann ja auch gekommen." Mit anderen Worten: Der Newcomer aus Bremen war auf Anhieb ganz oben dabei, und das begriffen die Preisrichter dann auch in den nächsten Jahren.

Einmal im Jahr vor allem Italiener

Mehr soll hier nicht über Aufstieg und Erfolge der Grün-Gold-Formationen erzählt werden, er ist oft und ausführlich genug gewürdigt worden. Schauen wir lieber auf die aktuellen Umstände des vor einigen Jahren zum Ehepaar gewordenen Tanzpaares, dessen Aktivitäten sich nicht im Training der Formations-Weltklasse in Bremen erschöpfen.

Da gibt es noch die eigene Tanzschule "Tanzarena" am Brill, die regelmäßig Nachwuchs für den Grün-Gold-Club liefert, Roberto Albanese berät zudem ausländische Formations-Nationalmannschaften. Und schließlich muss auch "Let?s dance" erwähnt werden, jene inzwischen in etlichen Staffeln durchgezogene Tanz-Show bei RTL, an der Uta einmal und Roberto Albanese inzwischen dreimal teilnahmen, jeweils mit unterschiedlichen Prominenten als Partnern.

Doch "Let?s dance" ist Vergangenheit. "Das schaffe ich zeitlich nicht mehr, inzwischen sind wir ja auch eine Familie", sagt Roberto Albanese. Denn Tochter Luna Maria ist inzwischen drei Jahre alt und auf dem besten Wege, zweisprachig aufzuwachsen. Sie geht in den deutsch-italienischen Kindergarten und trällert schon die ersten italienischen Volkslieder.

Und dann ist da ja auch noch der Jahresurlaub der Familie Albanese, der stets das gleiche Ziel hat: das Dorf Guardiaregia in den italienischen Abruzzen. Denn dort hat sich Vater Gennaro nach vier Jahrzehnten in Deutschland inzwischen ein Häuschen gebaut. "Und da", sagt der Deutsche Roberto Albanese "bin ich dann vier Wochen lang vor allem Italiener."

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