Deutsche Kegelmeisterschaften in Bremen Die Letzten ihrer Art

Die Bohle-Kegler bei den deutschen Meisterschaften in Bremen sorgen sich um die Zukunft ihres Sports. Trotz Marketing, Jugendkonzepten und nationaler Förderungen des Verbandes, bleiben wachsende Mitgliederzahlen aus.
18.06.2017, 21:49
Lesedauer: 3 Min
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Die Letzten ihrer Art
Von Nico Schnurr

Es ist 11 Uhr, zweiter Tag der deutschen Meisterschaften im Bohle-Kegeln, und der Wirt im Bremer Kegelcenter kann sich über eine mangelnde Auftragslage nicht beklagen. Munter wandern die Biergläser über seinen Tresen, es sind nicht die ersten an diesem Tag.

Im Nebenzimmer, wo die Luft nicht ganz so stickig ist, sitzt Dennis Krol, 37, medaillenbehangen, vielleicht der ambitionierteste Bremer Kegler, und deutet auf die holzvertäfelte Wand hinter sich. „Schauen Sie sich die Kegelanlagen doch mal an“, sagt Krol. „Dieser Sport hat ein Imageproblem, für viele wirkt Kegeln wie von vorgestern.“ Simone Grziwa, 38, Bremens wohl beste Keglerin, nickt und stimmt ein: „Überall in Deutschland kommt man in Hallen, die irgendwann in den 80er- Jahren gebaut wurden. Nichts am Kegeln ist heute noch hip oder zeitgemäß.“

Jürgen Ketelhake kennt solche Vorwürfe. Er hört sie seit vielen Jahren. Und er versteht sie. „Zu oft passen wir ins negative Bild, das viele vom Kegelsport haben, und erfüllen die Klischees“, sagt Ketelhake. Er ist Präsident des Deutschen Bohle-Kegler-Verbands (DBKV). Und er sorgt sich um die Zukunft seines Sports: „Die wenigsten Eltern kommen heute auf die Idee, ihre Kinder in alte, stickige Hallen zu schicken, in denen sie ihre Körper einseitig beanspruchen, um dann irgendwann mal Knie- oder Rückenprobleme zu bekommen.“ So klingt es ausnahmslos, wenn Ketelhake über den Ist-Zustand des Sportkegelns referiert.

Ketelhake weiß: Seinem Sport geht es schlecht. „Wir haben ein riesiges Nachwuchsproblem“, sagt er. Ketelhake klingt enttäuscht, wenn er das sagt und beim Blick auf die Bahn kaum jemanden sieht, der unter 30 sein könnte. Vor allem aber klingt Ketelhake, 65, wie jemand, der einen Kampf verloren hat. Wie jemand, der resigniert hat. „Wir waren an den Schulen, wir hatten Diskussionsveranstaltungen, Arbeitsgruppen und Marketing-Offensiven, über Jahre hinweg, immer wieder. Geändert hat all das nichts“, sagt er.

Als Kegeln noch Kulturgut war

Der Verbandspräsident hat in den 70er-Jahren mit dem Kegeln begonnen, „zur goldenen Zeit“, wie er sagt. Als Kegeln noch Kulturgut war. Als der Sport noch wie kaum einer anderer zum Lebensgefühl der Deutschen passte. Als er noch Ausdruck von Geselligkeit und Lieblingsfreizeitbeschäftigung einer ganzen Nation war. Das ist lange vorbei. Ketelhake bleiben immerhin noch die Erinnerungen an diese Zeit, als sein Heimatverein im niedersächsischen Springe über 500 Mitglieder zählte.

Übrig geblieben sind davon heute noch 13. Ketelhake kann viele solcher Geschichten über enttäuschte Hoffnungen und verpasste Chancen erzählen. Eine von ihnen handelt von den 25 000 Euro, die der nationale Verband seit zehn Jahren jährlich in die Jugendarbeit und das Anwerben von Nachwuchs steckt. Und davon, wie diese 25 000 Euro verpuffen, jedes Jahr wieder. Wie die Zahl der jugendlichen Sportkegler in den vergangenen zehn Jahren trotz ebendieser jährlichen 25 000 Euro von 3000 auf rund 800 in ganz Deutschland geschrumpft ist.

Für Ketelhake fügen sich Geschichten wie diese zu einem fatalen Gesamtbild. „Wir müssen einsehen: Alle Bemühungen, den Sport zu verjüngen, sind komplett gescheitert“, sagt er. Lange habe er versucht, optimistisch zu bleiben und an die Mühen und Marketingmaßnahmen des Dachverbandes zu glauben. Inzwischen aber ist sich DBKV-Präsident Ketelhake sicher: „Der Kegelsport ist überaltet. Und wir werden dieses Problem nicht mehr lösen.“

Die Folgen seien schon jetzt sichtbar. Weil überall die Mitglieder schwinden, werde es für die Wirte immer schwerer, ihren Gastronomie-Betrieb in den Kegelhallen aufrecht zu erhalten. Immer häufiger verabschiedeten sich die Wirte vom Geschäft mit dem Kegeln, sagt Ketelhake, während er seinen Blick über die Bremer Bahnen gleiten lässt. 20 sind es, das Kegelcenter gehört zu den größten Hallen Norddeutschlands. „Über dieser Halle schwebt auch der…“ – Ketelhake mag diesen Satz nicht zu Ende bringen. Er holt kurz Luft, beugt sich vor und setzt noch einmal neu an. „Lange gebe ich dieser Halle nicht mehr, ehrlich gesagt.“

Nur Bowling habe eine Überlebenschance, glaubt Ketelhake. Viel mehr Optimismus ist auch bei Bremens besten Keglern nicht zu spüren, nicht bei Simone Grziwa und nicht bei Dennis Krol. Sie haben klassische Kegel-Biografien, Familientradition und Kindergeburtstage brachten sie zu ihrem Sport. Und sie ahnen, dass Geschichten wie ihre bald verschwinden werden. „Mit uns wird das Sportkegeln aussterben“, sagt Krol. „Wir werden irgendwann die Letzten sein. Nach uns wird nichts mehr kommen.“

Bremer überzeugen bei DM
Für die Bremer Bohle-Kegelsportler wurden die deutschen Meisterschaften zu einem erfolgreichen Heimspiel. Simone Grziwa hatte gleich mehrfachen Grund zum Feiern: Mit der Damen-Mannschaft des Bremer KV gewann sie den Titel, im Paar mit Anja Reinicke belegte sie Platz zwei und wurde Dritte im Einzel. Dennis Krol vom Bremer KV gelang der Sieg im Herren-Einzel und ein dritter Rang im Paar zusammen mit Nils Stehmeier. Bei den Herren B belegte Manfred Thoden vom Bremer KV Platz drei.
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