Ergo-Rudern Die Liebe der Weltmeisterin

Weil der Spitzenruderin Anja Noske Bremen so gefällt, profitiert Bremen gleich in mehrfacher Hinsicht: sowohl die Bremer Ruder-Szene als auch die Bildungsbehörde.
07.03.2020, 18:51
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Die Liebe der Weltmeisterin
Von Olaf Dorow

Bremen. Herr Tonne, das darf man wohl so sagen, war sehr interessiert. Grant Hendrik Tonne ist der Kultusminister Niedersachsens, und er hätte es gern gesehen, so erzählt es Anja Noske, wenn sie sich für ihr Referendariat für Niedersachsen entschieden hätte. Wenn sie Lehrerin in Niedersachsen werden würde. Immerhin ist sie doch die Frau aus der Werbung. „Gute Lehrer vergisst du nie“ steht auf den Werbeplakaten mit ihr. Das Land Niedersachsen will mit der Kampagne „Job mit Klasse“ den Lehrermangel bekämpfen.

Wie es ausschaut, bekommt aber Bremen die künftige Sport-Bio-Lehrerin, die gerade an der Uni Saarbrücken ihre Examensarbeit schreibt und im Herbst das Referendariat beginnen will, und zwar in Bremen. Seit Februar wohnt sie schon hier. Bremen bekommt nach Lage der Dinge nicht nur eine engagierte junge Lehrkraft, sondern auch noch ein sportliches Schwergewicht.

Das darf man über die Leichtgewichtsruderin Anja Noske getrost sagen. Sie hat nicht nur 13 Jahre als Leistungssportlerin hinter sich, mit all den Trainingslagern und oft 15 Trainingseinheiten pro Woche. Sie hat in ihrer Karriere drei WM-Titel geholt und ist 2012 in London Olympia-Sechste im Doppelzweier geworden.

Und vorbei ist das Kapitel Rudern noch längst nicht im Leben der jetzt 33 Jahre alten, nun ja: Powerfrau. „Hier in Bremen“, sagt sie, „sind die Wege schön kurz, hier kann ich mein Rudern weiterleben.“ Von ihrer Wohnung in der Neustadt ist es nicht weit bis zum Bremer Ruder-Verein von 1882, da ist sie jetzt Mitglied. Sie will weiter Wettkämpfe bestreiten.

„Vielleicht mal eine Sprintmeisterschaft“, sagt sie. Vielleicht mal als Teil des erneuten Bremer Comebacks in der Ruder-Bundesliga, die die Bremer für diese Saison aus Mangel an Masse schweren Herzens absagen mussten. Und erst recht wird Anja Noske sich als 1882-Trainerin engagieren, da ist sie jetzt schon dabei. Christina Einert, Bremens Landestrainerin strahlt, wenn sie nach Anja Noske befragt wird. „Ich freue mich jetzt schon auf die Saison“, sagt Einert.

Einen ersten sozusagen öffentlichen Auftritt hatte die Neu-Bremerin auch schon; Anja Noske war am Sonnabend die prominenteste Ruderin, die beim Ergo-Cup an der Schule am Leibnitzplatz an den Start ging. Sie sei nicht besonders fit, sagte Anja Noske vor dem Start zum Vierer in einer Renngemeinschaft 1882/Bremer RC. Sei halt viel los gewesen im Februar mit dem Umzug von Saarbrücken nach Bremen und allem, was so dranhing. Das mit der mangelnden Form hat vielleicht gestimmt, vielleicht war es auch nur ein bisschen Understatement. Der Noske-Vierer gewann das Rennen gegen ein Quartett von der Bremer Uni jedenfalls.

Die Schule am Leibnitzplatz, auch nicht weit weg von der Wohnung, wird womöglich der Ort werden, an dem Anja Noske bald täglich erscheinen wird. „Wir hoffen“, sagt Thomas Wallat, „dass wir über die Bildungsbehörde erreichen können, dass Anja hier ihr Referendariat absolviert.“ Wallat ist Lehrer-Trainer an der Schule mit dem Sport-Schwerpunkt Rudern. Eine Ruder-Weltmeisterin am Leibnitzplatz, das würde passen. „Wir finden das super, dass Anja sich für Bremen entschieden hat“, sagt Thomas Wallat am Rande des Ergo-Cups. Im Bremer Landes-Ruderverband ist er für den Nachwuchsbereich zuständig.

Die Entscheidung für Bremen sei quasi eine Herzenssache gewesen, gibt Anja Noske zu. Die gebürtige Lüneburgerin, so erzählt sie es, hatte sich vor drei Jahren in jemanden aus Bremen verliebt. Die Liebe zum Partner ist inzwischen erloschen. „Aber die Liebe zur Stadt ist geblieben“, sagt sie. Also gab sie Bremen das Ja-Wort, sehr zur Freude des Ruderverbandes und wohl auch der Bildungsbehörde.

Dass sie noch warten muss, bis sie dann auch Kinder unterrichten kann, hat eher mit Formalzwängen und nichts mit fehlenden Kompetenzen zu tun. Weil sie an der Uni Saarbrücken gleich den Masterabschluss macht, fehlt praktisch der Bachelor-Schein. Kein Schein, keine Berechtigung, so geht nun mal die Behördenlogik. „Am liebsten würden wir sie natürlich jetzt schon einsetzen“, sagt Leibnitz-Lehrer Wallat, „sie ist jetzt schon hochqualifiziert.“

Wie qualifiziert sie fürs Rudern ist, stellte sie am Sonnabend beim Ergo-Cup unter Beweis. Seit knapp zwei Jahrzehnten schon ist dieser Sport, der nach hoher Fitness verlangt. ihr Sport. Der Sport, zu dem sie durch ihren Bruder animiert wurde, und der sie von den zarten Anfängen beim RC „Welle“ Bardowick von 1884 bis in die Nationalmannschaft und auf WM- und Olympia-Regatten führte. Der Sport, von dem sie weiß, dass es beim Ergo-Rudern ans Eingemachte geht, was Puls- und Laktatwerte betrifft. „Nach zehn Schlägen wird's hässlich“, sagt sie und lacht.

Und als bei ihrem Wettkampf gegen den Uni-Vierer ein Software-Fehler nach bereits mehr als zehn absolvierten Schlägen auftritt und der Start wiederholt werden muss, da hat sie das auch weggelacht. Sie ist doch eine frühere Weltmeisterin, da muss man das wegatmen. Hat sie dann auch. Von wegen, sie sei nicht besonders fit.

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Der Bremer Ergo-Cup ist nicht zu verwechseln mit einer Wellnessoase. Das wurde am Sonnabend schon dadurch klar, dass in der Schule am Leibnitzplatz hinter den Ergo-Geräten grüne Eimer standen. Jawohl, die waren tatsächlich dafür da, falls sich jemand übergeben muss. Es würden Pulswerte von mehr als 200 Schlägen pro Minute erreicht, die Laktatwerte können bis zu 25 Milliomol pro Liter Blut betragen, erklärt Rudertrainer Thomas Wallat. Ab drei Millimol gehen die Muskeln in den sogenannten sauren Bereich über. Die Aktiven würden ans Limit gehen und „reihenweise von den Sitzen fallen“. Sie würden sich aber auch schnell wieder erholen. Knapp 200 Ruderer hatten sich für den von lauter Musik und lauten Anfeuerungen begleiteten Ergo-Cup angemeldet, von der Kinder- bis zur Seniorenklasse. Sie kamen vorwiegend aus Bremen, dem Bremer Umland oder aus Bremerhaven. Aber auch ein Ruderer aus Frankfurt am Main und einer aus Groningen seien angereist, sagt Wallat. Der Ergo-Cup sei nach dem Wintertraining eine Art Standortbestimmung, bevor die Saison auf dem Wasser beginnt, sagt er. Für die sportlich wertvollste Leistung habe am Sonnabend die 18-jährige Juniorin Luise Reusch vom Bremerhavener Ruderverein gesorgt Sie habe auf der 200-Meter-Distanz die WM-Norm unterboten und sich damit wohl in die Notizbücher der Bundestrainer gerudert.

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