Smarte Ziele am Netz

Die Nachwuchssorgen im Volleyball - und ein Gegenmittel aus Horn

Ein Projekt beim TV Eiche Horn stemmt sich den Nachwuchssorgen im Volleyball entgegen. Und nicht nur der Verbandspräsident ist begeistert
28.06.2020, 16:56
Lesedauer: 4 Min
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Die Nachwuchssorgen im Volleyball - und ein Gegenmittel aus Horn
Von Olaf Dorow
Die Nachwuchssorgen im Volleyball - und ein Gegenmittel aus Horn

Auf Sand aufgebaut: Volleyball-Trainer Michael Maurus im Training mit zwei Jungen aus seiner Gruppe beim TV Eiche Horn.

Christina Kuhaupt

Scherben bringen Glück. Im Idealfall. Im vorliegenden Fall müsste man zunächst von einem kleinen Volleyball-Glück sprechen. Im Wohnzimmer würde jetzt des öfteren mal eine Vase verrutschen oder gar in größere Gefahr geraten, berichtet Julia Holz. Das liegt an den Volleyball-Hausaufgaben, an denen sich ihr Sohn Jamie, zehn Jahre alt, eifrig versucht. Übungen, die Nachwuchstrainer Michael Maurus vom TV Eiche Horn aufgibt. Smarte Ziele, so nennt es Maurus, will er den Kindern an die Hand geben. Jeden Freitag frage er im Training, was denn die Ziele für die nächste Woche sein könnten. Die Kinder seien begeistert, sagt Mutter Holz. „Und“, sagt sie, „wenn ich das ergänzen darf: die Eltern auch.“ Michael Maurus sagt: „Meine These ist: Dass Leistungssport mit Kindern nicht geht, ist Quatsch.“

Jamie, das darf man wohl so formulieren, gehört zu einem Projekt: 20 Jungs, 20 Mädchen, die in Horn bei Jungs-Trainer Michael Maurus und Mädchen-Trainerin Britta Richter trainieren. Mit viel Aufwand und Engagement haben Maurus, im richtigen Leben Researcher an der Uni, und Richter, die als Lehrerin arbeitet, an Bremer Grundschulen geworben und gesucht. Jetzt haben sie jeweils einen festen Kern von Kindern, mit denen sie leistungsorientiert arbeiten. Das kann etwas mitgeben fürs Leben, auch ohne Sprünge bis zu Olympischen Spielen oder in die Bundesliga. Zahllose ehemalige Leistungssportler könnten das bestätigen. „Unser Anspruch ist es“, sagt Michael Maurus, „dass die Kinder ihr Potenzial ausschöpfen können.“ Pro Jahrgang gebe es dabei oft wenigstens ein Top-Talent, sagt Britta Richter.

Weiter geschaut als aufs einzelne Kind, ist das Projekt in Horn eine Art Gegenmittel. Wie auch andere traditionelle Sportarten hat der Volleyballsport in Deutschland Nachwuchssorgen. Vor allem bei den Jungen, für die allein der Fußball einen starken Reiz setzt. Mit dem Baggern, Blocken und Pritschen würden vorwiegend Kinder beginnen, deren Eltern ebenfalls am Netz gestanden haben, sagt Michael Maurus. In den Schulen, in den AGs ist Volleyball nicht eben verankert.

Vielfältige Gründe für schwindenden Nachwuchs

Die Gründe für den schwindenden Nachwuchs seien vielfältig, sagt Bremens Volleyball-Präsident Lars Thiemann. Immer mehr Ganztagsschulen, das bedeute auch: immer weniger Zeit für ein Hobby. Im Hobby Volleyball sei zudem ein Faktor, „dass es recht lange dauert bis zur Spielfähigkeit“. Das Netz hängt hoch. Für den männliche Bereich 2,43 Meter an der Oberkante, für den weiblichen 2,24 Meter. Sehr hoch für einen kleinen Jungen oder ein kleines Mädchen. Die mediale Wucht sei zudem sehr überschaubar, sagt Lars Thiemann. Anders als in Polen oder Italien erzeugt Volleyball in Deutschland eher wenig und meist nur lokal Aufmerksamkeit. Und obwohl der Sport in den vergangenen Jahrzehnten immer rasanter, athletischer, dynamischer geworden ist, hängt ihm hierzulande noch immer eine Art Turnvater-Jahn-Image an.

Was dem Volleyballsport, in Bremen laut Lars Thiemann von rund 2000 Aktiven betrieben, aber am meisten zu schaffen macht, sind Defizite, die er mit vielen anderen Sportarten teilt. Es gibt zu wenig Hallen, in denen geübt werden kann. Es gibt zu wenig Geld für eine gute Infrastruktur und gute Übungsleiter-Entlohnung. Vor allem gibt es zu wenig Trainer. „Eine gute Jugendarbeit, das ist für mich der Schlüssel“, sagt Präsident Thiemann. Wenn er genug Trainer hätte, wüsste er, dass sich etwas Gutes entwickelt. Das Projekt und das Engagement von Michael Maurus und Britta Richter zeige es ja. So wie früher zum Beispiel der im März verstorbene Martin Böhme bei der BTS Neustadt eine Menge bewegt habe, so wie es seit Jahren Peter-Michael Sagajewski beim TV Baden mache.

Mit Beach-Angebot leichter und besser begeistern

Erkenntnis: Das System ist zu schwach, es hängt wohl eher an einzelnen Figuren und ihrem Faible für Volleyball, damit der Abwärtstrend aufgehalten werden kann. Michael Maurus, 32 Jahre alt, ist vor fünf Jahren aus Baden-Württemberg nach Bremen gekommen, wo er einen Job fand und auf Honorarbasis Training im Landeskader anbietet. Er hatte einst in einem kleinen Dorfverein angefangen und sagt: „Das Feuer für Volleyball brennt immer noch.“ Wer mit ihm darüber spricht, was man tun könnte, um die Kinder zu seinem Feuer-und-Flamme-Sport zu bringen, den beschleicht schon bald der Verdacht: Darüber könnte man jetzt die ganze Nacht lang sprechen. Maurus erzählt von Werbeaktionen in den Schulen oder vom Verein, der wie ein Dienstleister auftreten müsse. Er erzählt von Langnetzen, quer durch die Halle, mit deren Hilfe mehr Gruppen pro Übungsstunde trainieren könnten. Von tieferen Netzen und leichteren Bällen für die Kids. Oder von Smashball, einer kindgerechten Variante, die aus Amerika komme und bei der der Ball nicht nur geschlagen, sondern auch gefangen und geworfen werden darf.

Oder von Beachvolleyball. Und dabei redet er dann gegen das Argument an, dass zu frühes Training im Sand der technischen Ausbildung schaden würde. Michael Maurus sagt, er habe die Erfahrung gemacht, dass man die Kinder mit einem Beach-Angebot leichter und besser begeistern könne, so anspruchsvoll die Variante unter freiem Himmel auch sei. Julia Holz, einst selbst Spielerin, sagt, dass Beachvolleyball auf ihren Jamie schon eine magnetische Wirkung hatte, als er noch ein Baby war.

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Stadtmuskanten-Cup im Mai 2021

Der Bremer Volleyball-Verband (BVV) lässt sich durch die Corona-Pandemie nicht entmutigen: Nachdem der Stadtmusikanten-Cup, das internationale Jugend-Volleyball-Turnier für die Altersklassen U 12/U 13 und U 14, in diesem Jahr ausfallen musste, kündigt der BVV die dritte Auflage des Hallenturniers für den 8. und 9. Mai 2021 an. „Wir lassen uns nicht unterkriegen und wollen frühzeitig ein positives Zeichen setzen“, sagt der BVV-Vorsitzende Lars Thiemann. Im vergangenen Jahr hatten auch Teams aus Schweden, den Niederlanden und Polen die Reise nach Bremen angetreten.

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