Bridge

Stich und Schlemm

Eine großzügige Spende: Bremer Bridgespielern gelingt in besonderen Zeiten eine besondere Aktion. Sie sammeln mehr als 11 000 Euro ein. Nicht nur Kultureinrichtungen freuen sich.
29.05.2020, 13:41
Lesedauer: 4 Min
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Stich und Schlemm
Von Olaf Dorow
Stich und Schlemm

Spendable Spieler: Ellen Guba, Hanns-Gerd Fischer, Antje Brinke-Lichtenhagen, Dieter Kopmann und Hiltrud Pieterek (v.l.) vom Bremer Bridge- & Kulturladen.

Frank Thomas Koch

Bremen.

Die Möglichkeiten sind unendlich groß. Es gibt keine Statistik darüber, aber dieser Satz fällt wahrscheinlich stets und recht bald, wenn Bridgespieler mit Laien über Bridge sprechen. Wenn sie zu erklären versuchen, dass man praktisch nie auslernt. Oder wie knifflig das sei: Mit einem Partner, dessen Blatt man zunächst nicht kennt, so perfekt zu kooperieren, dass das andere Zweier-Team am Tisch überrumpelt werden kann. So zu spielen, dass möglichst genau die Anzahl an Stichen herauskommt, die man angesagt hat. Beziehungsweise so zu spielen, dass das dem gegnerischen Team missrät. Strategie, Gegenstrategie. Kopfarbeit, stundenlang. Bridge sei das Schach der Kartenspiele, sagt man gemeinhin, und der Bridgespieler Hanns-Gerd Fischer sagt sogar: „Es ist noch anstrengender als Schach.“ Wegen der Partner-Konstellation.

Das sehen Schachspieler womöglich anders, aber über die Sache mit den unendlichen Möglichkeiten gibt es wohl keine zwei Meinungen. Und sie ist auf einer anderen Ebene quasi auch das verbindende Element zwischen dem Verein „Bremer Bridge- & Kulturladen“ (BBK), seiner Leidenschaft für das Kartenspiel und seiner besonderen Aktion in einer besonderen Zeit. Der BBK ist in diesen Corona-Zeiten kein weiterer Klub in der Liste der Bedürftigen. Sondern einer auf der Liste von Menschen und Menschengruppen, die etwas tun für Bedürftige.

Die Liste derjenigen, die unterstützt werden könnten, ist lang. Durch die Pandemie ist sie um ein Vielfaches länger geworden. Unendlich viele unverschuldete Schieflagen, unendlich viele Möglichkeiten zu helfen. „Uns geht es doch fast allen gut“, sagt BBK-Vorstandsmitglied Fischer, der einst mit seiner Frau an der Friedrich-Karl-Straße in Schwachhausen einen Laden erwarb, ihn „Fischers Treffpunkt“ nannte und seit gut zwei Jahren an den BBK-Verein vermietet. Fischers Treffpunkt ist praktisch eine Homebase der Bremer Bridgegemeinde. Vor Corona gab hier es zusammen mit dem BC Bremen I vier Turniere in der Woche, dazu zwei Unterrichtstage.

Die BBKler, denen es laut Hanns-Gerd Fischer gut geht, haben es nicht bei dieser Genugtuung belassen, die durch die Pandemie bei so manchem ins Wanken geriet. Sie haben eine Spendenaktion hinbekommen. Am Ende kamen dabei immerhin 11 250 Euro zusammen. 9200 davon gehen zu gleichen Teilen an vier Kultureinrichtungen. An das Schnürschuh-, das Kriminal- und das Figurentheater sowie an die Musikwerkstatt der Bremer Philharmoniker. Zudem wurde an die Bremer Tafel sowie den Verein Schattenriss gespendet. Die Reaktionen der Empfänger seien so liebevoll wie überwältigend gewesen, erzählen sie im Bridge-Clubhaus. Die Musikwerkstatt habe aus Dankbarkeit zu einem kostenlosen Trommelkurs eingeladen.

Getrommelt im übertragenen Sinne hat das BBK-Team seit Wochen. Per Rundmail gab es einen Spendenaufruf, mehr als 100 Bridge­begeisterte beteiligten sich schließlich. Die Initialzündung zur kleinen Hilfsaktion mit großem Vorbild­charakter kam dabei aus zwei Richtungen. Einerseits hatten sich Verein und Vermieter zu Beginn des Lockdowns, der auch die Veranstaltungen und Turniere im Clubhaus betraf, auf eine Halbierung der Miete verständigt.

Vermieter Fischer und der BBK mit seinen Vorstandsmitgliedern, neben Fischer selbst Dieter Kopmann, Hiltrud Pieterek, Antje Brinke-Lichtenhagen und Ellen Guba, legten jeweils 1050 Euro als Spende zurück. Sie verlegten sich auf die Organisation von Online-Turnieren auf der Plattform „bridge base online“, die weltweit von rund 200 000 Spielern genutzt wird. Sie boten Unterstützung und Hilfe an, um den Übergang vom Off- in den Online-Modus hinzubekommen. Der Altersdurchschnitt der rund 170 BBK-Mitglieder soll bei Anfang 70 liegen. Im Digitalkosmos ist niemand von ihnen großgeworden.

Als ein Spieler sich mit einem Geldbeitrag für das BBK-Engagement bedanken wollte, nahm die Spendenidee Gestalt an. Am Ende kamen Spenden von Mitgliedern, Nicht-Mitgliedern oder auch Spielern anderer Vereine heraus. Es kam etwas heraus, was man in der Bridge-Sprache als einen kleinen Schlemm bezeichnen könnte. Vielleicht auch einen großen. Das wäre ein Spiel, bei dem man ansagen würde, alle 13 Stiche zu holen, die es pro Spiel zu holen gibt. Und das dann allen Gegenstrategien zum Trotz auch schafft. Passiert nicht so oft, sagen sie in Fischers Treffpunkt.

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Die Bridge-Tricks kennen wahrscheinlich weniger Leute als das Bridge-Klischee. Ältere, gut situierte oder wenigstens gelangweilte Damen, die sich in Teehaus-Atmosphäre die Zeit vertreiben. Das Bild ist schief, wenn auch nicht völlig abwegig - und es hilft wenig bei dem Versuch, etwas daran zu ändern. Das Spiel, bei dem es viel um Geschick und wenig um Glück geht, ist sportlich betrachtet nicht ohne. Wer auf den stundenlangen Turnieren ganz vorn landen will, sollte bereits in jungen Jahren einsteigen und nicht erst im hohen Alter. Kartenspiel-AGs an den Schulen sind jedoch eher am Aussterben als am Aufblühen. In Deutschland kommt noch dazu, dass Turnierbridge als Sport - anders als in einigen europäischen Nachbarländern - nicht anerkannt ist. In den Niederlanden, so wird es im Bremer Bridge- & Kulturladen erzählt, gebe es viel mehr junge Spieler als hierzulande. In Polen seien rund 70 Prozent der Spieler Männer. In Deutschland würde an den Bridgetischen mit jeweils vier Spielern - statistisch gesehen - jeweils nur ein Mann sitzen. In Bremen gibt es laut Hanns-Gerd Fischer derzeit sechs Bridgevereine mit rund 800 Mitgliedern.

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