Bremer Hockey Club holt Trio aus Malaysia Die Sprache ist nicht entscheidend

Erstmals in der Vereinsgeschichte haben die BHC-Damen ein Trio aus Malaysia verpflichtet. Für die drei Musliminnen heißt das: fremde Kultur, fremde Regeln, fremde Sprache. Wie meistern sie das?
30.09.2019, 21:40
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Die Sprache ist nicht entscheidend
Von Imke Wrage

Ihre größte Sorge ist die Sprache. Was, wenn die anderen Frauen sie nicht verstehen? Wenn sie Außenseiterinnen bleiben, allein unter sich, keinen Anschluss finden? Nuramirah Shakirah Binti Zulkfili, Nurmaizatal Hanim Syafi Sheik Fuad und Juliani Binti Mohamad Din sitzen auf dem Sofa ihrer Bremer Wohnung und erzählen erst schüchtern, dann aufgeweckt aus ihren zwei Leben. Dem in Malaysia, ihrer Heimat, wo sie mit Hockey Geld verdienen. Und dem in „Brömi“, so nennen sie die Stadt fast 10.000 Kilometer von zu Hause entfernt, in der sie die Saisonhinrunde beim Bremer Hockey-Club über den Platz fegen – ohne Deutsch zu können, mit nur ein paar Worten Englisch.

Ein Montagmorgen im September, Besuch in ihrer Bude in der Bismarckstraße. Drei schlichte Zimmer mit Laminatfußboden, zwei davon zum Schlafen, ein Wohnzimmer, eine Küche. Ein Zuhause auf Zeit. Gardinen gibt es nicht, die Fenster sind stattdessen mit Geschenkpapier verhängt. Im Wohnzimmer verteilt baumeln Schuhe, Socken und Schläger, darauf das Logo des BHC.

Die Damen des BHC haben ein schwieriges Jahr hinter sich: Abstieg, Frustration, personelle Wechsel. Das Ziel der Saison heißt Rückkehr in die erste Liga. Helfen soll das Trio aus Malaysia. Am 14. August sind die drei Frauen von Kuala Lumpur aus gestartet, einer Metropole in etwa so groß wie München, mit einem Mix aus hochmodernen Hochhäusern und kolonialer Architektur. Fünfzehn Stunden später sind sie in Bremen gelandet, einer Stadt, die sie zuvor nur aus Erzählungen kannten.

Kochen, Wäsche waschen, aufräumen

Für die Frauen ist es die erste Verpflichtung in einem ausländischen Klub. Vor allem für Zulkfili und Fuad, 19 und 18, beide Stürmerinnen, ist ihre Zeit in Bremen besonders. Din, 33, ist nicht nur die älteste, sie hat auch die meiste Erfahrung. Als Verteidigerin war sie schon für die malaysische Nationalmannschaft im Einsatz, hat 176 internationale ­Einsätze und in der World League gespielt. Eigentlich, scherzt Din, ist sie gar nicht als ­Hockeyspielerin nach Bremen gekommen. Sie ist jetzt Mutter: In der Wohngemeinschaft ist sie diejenige, die für die anderen sorgt und übersetzt. Als Einzige spricht sie ein bisschen Englisch.

Es ist heiß in der Wohnung, die Heizung ist in jedem Raum auf fünf gedreht. Sie frieren sonst, sagen die Frauen, von zu Hause sind sie Temperaturen um die 30 Grad gewohnt. Auf dem Fensterbrett in der Küche türmen sich Nutellagläser, Toastbrot und Kekse, daneben Chips und ein paar Maggie-Packungen – falls es mal schnell gehen muss.

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In ihrer Heimat werden sie vom malaysischen Hockeyverband versorgt. Dort leben sie in einem Sportzentrum mit Vollpension. In Bremen sind sie nun auf sich allein gestellt. Kochen, Wäsche waschen, aufräumen all das gehört hier nun zu ihrem Alltag. Ob sie das lästig finden? Nein, sagen sie. „Wir fühlen uns frei und unabhängig.“ Auf dem Sofa sitzen sie wie eine Einheit, zusammengeschweißt, Schulter an Schulter, Bein an Bein. Eine trägt Zopf, eine Kurzhaarschnitt, eine Kopftuch. Sie kichern, umarmen und necken sich. Keine von ihnen wäre alleine gekommen, sagen sie. „Wir brauchen uns hier.“ Alle drei haben mit zehn Jahren in der Schule mit Hockey angefangen. Inzwischen ist der Sport ihr Beruf. Malaysia, knapp 32 Millionen Einwohner, gilt nach Indien und Pakistan als dritte Kraft im Hockey in Asien. Für den BHC ist das Trio ein denkbar günstiger Deal: Sie stehen zwar in Bremen auf dem Platz, sind aber weiterhin beim malaysischen Hockey-Verband angestellt und werden dort bezahlt. Dass die Frauen nun für den BHC spielen, hat das Team einem befreundeten Hockey-Bundesligaspieler aus Berlin mit guten Verbindungen nach Asien zu verdanken.

Stolz auf die Chance

Am Flughafen wurde das Trio von Trainer Martin Schultze abgeholt. „Das war total aufregend“, sagt Din. Mit dem Auto brachte er sie zum BHC nach Oberneuland, dort drückte er jeder eine große Sporttasche in die Hand. „Es war magisch, die zu öffnen“, sagt Din, die anderen nicken. Darin sind Trikots, Socken und Trainingsanzüge ihres neuen Vereins. Es ist der Moment, in dem sie realisieren: Ab jetzt gehören sie dazu. Für die drei Frauen ist das nicht selbstverständlich. Nur wenige Spielerinnen aus ihrem Land können einen längeren Zeitraum im Ausland spielen. „Wir sind stolz auf diese Chance“, sagen sie. Und sie haben Respekt. Als Musliminnen einem fremden Land zu spielen heißt auch: fremde Regeln, fremde Kultur, fremde Sprache.

Das weiß auch Trainer Schultze. Bevor die Neuzugänge in Bremen angereist sind, hat er die BHC-Damen zusammengetrommelt und auf eine Umstellung eingestellt. Als sich die Frauen dann das erste Mal begegnet sind, erinnert sich Din, war die Aufregung schnell verflogen. „Alle waren so lieb zu uns. Wir haben uns direkt willkommen gefühlt.“ Dreimal die Woche fahren sie mit dem Rad zum Training, am Wochenende haben sie Spiele, den Rest der Zeit haben sie frei. „So viel Freizeit hatten wir noch nie“, sagt Din. Die verbringen sie am liebsten an der Weser. Dort machen sie Picknick, sitzen einfach nur da und saugen das fremde Leben auf. „Alle grüßen uns hier, lächeln, obwohl die uns doch gar nicht kennen“, sagt Din. „Das ist bei uns zu Hause anders.“

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Nach Bremen haben sie nur wenig mitgebracht. Einen Teddy, ein Kissen, ein paar Bilder. Wenn sie am 14. Oktober zurückfliegen, dann mit vollen Taschen und einem Kopf voller Erinnerungen. Ihre Zeit in Bremen hat sie stärker gemacht, sagen sie. „Wir fühlen uns selbstbewusster.“

Beim Sport, wissen sie nun, ist Sprache gar nicht so entscheidend. Dort kommen sie auch ohne viele Worte aus. Mit den Spielerinnen des BHC, die sie nun ihre Freundinnen nennen, lachen und siegen sie gemeinsam – das allein verbindet.

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Zur Sache

Im Höhenflug

Für die Hockeydamen des BHC sind die drei „pfeilschnellen Neuzugänge“ aus Malaysia, wie sie Trainer Schultze bezeichnet, eine echte Bereicherung. Mit, vielleicht auch dank ihnen läuft es gut für die BHC-Damen. Kurz vor Ende der Hinrunde ist das Team Tabellenzweiter. Mit Abstand die meisten Tore geschossen hat die 19-jährige Nuramirah Shakirah Binti Zulkfili. Drei Spiele stehen noch aus – gegen TG Heimfeld (5.10.), Crefelder HTC (12.10.) und gegen die starken Konkurrentinnen vom Club Raffelberg (13.10.). Können die BHC-Damen die Leistung auch in der zweiten Saisonhälfte halten, ist das Ziel zum Greifen nah: der Wiederaufstieg in die erste Bundesliga.

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